#Prosa

Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung

Oswald Egger

// Rezension von Karin S. Wozonig

2013 ließ sich der Lyriker, Sprachkünstler und Büchnerpreisträger Oswald Egger – wie vor ihm Georg Büchner – vom Leben des Sturm- und Drang-Dichters Jacob Michael Reinhold Lenz inspirieren (Euer Lenz, Suhrkamp), mit Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung liegt nun die „denknotwendige Fortsetzung“ vor.

Dieser Erzähler feuert aus allen Sprachrohren. Um die ganze Wahrheit über Oskar Fiala (1893-1948), Schriftsetzer, unbekannter Autor, Tiefbauarbeiter, zu erfahren, darf man kein Wort in Eggers neuem Buch auslassen und keinen Buchstaben überspringen. Da stößt man zum Beispiel auf einen Satz wie „Am liebsten aber gehöre ich begraben, wie eine unverdaut zerkaute Taube.“ (S. 11), nach dem sich die Rezensentin noch eine Seite lang gefragt hat, wer eine Taube unzerkaut schlucken könnte. Ein Löwe? Der passt nicht in diese Geschichte, mag er auch ein Wesen der Poesie sein, und die ist nach Betty Paoli „die Kraft / Die sich aus dem Chaos ein Weltall entrafft“. Zum Glück kann man dieses Buch in mehrere Richtungen lesen, man soll es sogar, sagt der Autor. Die Rezensentin liest also nach und da steht: „Am liebsten aber gehöre ich begraben, wie eine unverdaut zerkaute Traube.“ Dem Text ist es gelungen, im Kopf der Leserin einen Löwen zu evozieren, den es im Text nicht gibt. Das ist vielleicht das poetische „Prinzip der kleinsten Wirkung“.

„(ich habe überhaupt keine sinnvollen Bezeichnungen für Begriffe, auf die ich mich nicht verstehe)“ (S. 32), der Klammerausdruck gibt die Einsicht des Protagonisten und Ich-„Erzählers“ wieder, der von sich selbst und der Welt überfordert ist. Der neueste Wurf Oswald Eggers hingegen stellt ein langes sinnvolles Bezeichnen dar, auch ein unsinnvolles manchmal, aber nur auf den ersten Blick, denn rätselhaft Assoziiertes taucht an späterer Stelle in neuer Gestalt wieder auf und ergibt dann doch einen Sinn.

Kaum hat sich die Leserin davon erholt, dass das Ich „eine Kuh blöken“ hört, schon hört es (und sie mit ihm) die Kuh auch „in Richtung der Schlucht schluchzen“ (S. 49), und dagegen ist wahrlich nichts einzuwenden, im Gegenteil. Von Runsen, apern und sintern ist in diesem Buch die Rede, von Maden und Löchern in Knochen. Landschaften, Lebewesen und der Erzähler-Körper sind mit Details versehen, wie man sie sonst nirgendwo finden kann. Das ist der Egger-Sound, von dem man sich durchs Buch tragen lassen kann, die literarische Tonspur, die der Autor dem Leben des unbekannten, aber ihm nicht fremden Oskar Fiala unterlegt.

Auch wenn der Autor in einer „Annäherung“ am Ende des Buchs die Kurzbiographie seines angeblich historischen Protagonisten liefert und im Editorial Quellen und Auskunftspersonen nennt, möchte die Rezensentin doch anmerken, dass dieser Oskar Fiala eine sehr gut erfundene Figur ist. Ein hochbegabter, aber unterprivilegierter fieberhaft Lesender und Schreibender, der durch die Welt wandert und sich dabei verliert oder umgekehrt: Der durch die Welt wandert, weil er sich seiner Identität nie sicher ist. Der in der Psychiatrie landet und irgendwann verarmt stirbt. Die Identifikationsangebote sind rar in diesem Buch und doch könnte einem sein Held ans Herz wachsen. Wer will nicht wissen, wie es einem ergeht, der denkt: „Keine Stimme allein stört mich nicht“ (S. 36)?

Es ist ein schönes Buch, Oswald Egger ist schließlich Professor für Sprache und Gestalt an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. Der beim Lesen aufs Aparteste verrutschende Schutzumschlag aus transparentem, geometrisch bedrucktem Plastik erzeugt ein beunruhigendes Flirren. Vor jedem Absatz steht ein geometrisches Muster, laut Editorial „zwei gegeneinander verschobene Knoten in Gitterdarstellung“, „Satzgelenk und Wirkungsprinzip“. Die einzelnen Absätze oder Episoden können auch umgedreht oder so verschoben und verdreht gelesen werden. Zu Wort kommen die drei Personifikationen des Oskar Fiala, zu dessen Dissoziationsstörung es gehört, sich neu zu erschaffen. Illustriert von „Variationen selbstdualer Wechselbälger in Mauve und Blau“ auf Seite 97 bis 112, spricht William Harriman, zu dem Oskar Fiala wird, wobei er beim Abendessen mit den neugierigen Psychiatern der Straßburger Klinik nicht auf der Nudelsuppe, sondern auf dem Mississippi dahergeschwommen kommt. Gewandt bedankt sich Egger am Ende bei Buchgestalterin und Lektorin, die solche Bücher möglich machen.

Oskar Fiala leidet unter dissoziativer Fugue (französisch für Flucht), dem Davonlaufen mit gleichzeitigem Gedächtnisverlust. Die Betroffenen laufen buchstäblich aus ihrem ersten Leben davon, schaffen sich eine neue Identität und können „auf unabhängige Beobachter vollständig normal wirken“ (Internationale Klassifikation der Krankheiten). Fiala hat aber noch so manch andere Störung. Er nimmt seinen Körper und den Raum um ihn herum in einer problematisch intensiven Art wahr. Da krachen die Knochen und splittern die Schädel, die Haut schlägt Blasen, die Wände rücken zusammen und drücken den Körper klein, der Kopf schrumpft auf Stecknadelkopfgröße oder bläht sich auf, die Organe werden ausgehustet und -gespuckt, Körperflüssigkeiten aller Art vermischen sich mit Erdflüssigkeiten aller Art. Das alles aber selbstverständlich in weitaus originelleren Bildern als den soeben gebrauchten. Eggers Bilder entfalten ihre Wirkung aufgrund ihrer Assoziationsdichte und der Assonanzen, denn das Buch ist auch eines fürs Ohr. Ein Satz wie „Räkel ohne Wickel, Takeln ohne Zwick“ (S. 128), um nur ein Beispiel zu nennen, zeigt die Mehrsinnigkeit des Texts auch in seiner grausamen Isolation. Lässt man sich auf das Buch so ein, wie es der Autor uns in seiner Nachbemerkung oder Gebrauchsanweisung mitgibt, dann entsteht ein schönes, tiefes, tönendes Antiheldenepos.

Wer Oswald Eggers Euer Lenz mag, wird auch Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung mögen. Wer den Autor gut kennt, wird ihn hier wiedererkennen und sich gern zwischen Runsen und Runseln tummeln. Für die anderen ist Oskar Fiala ein nerdiger, aber freundlicher Türsteher an der Schwelle zu Eggers Universum.

 

Karin S. Wozonig, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Anglistik/Amerikanistik und Germanistik an der Universität Wien und UCLA (USA). Publikationen zur deutschsprachigen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts und zur Chaostheorie. Zuletzt veröffentlichte Karin S. Wozonig in der Naturkunden-Reihe bei Matthes & Seitz Ratten. Ein Porträt (2024) und im Residenz Verlag die Biografie Betty Paoli – Dichterin und Journalistin (2024) sowie unter dem Titel Ich bin nicht von der Zeitlichkeit eine Auswahl an Texten von Betty Paoli. www.karin-schreibt.org

 

Oswald Egger Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung
Berlin: Suhrkamp Verlag, 2025.
208 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag.
ISBN 978-3-518-43250-1

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Oswald Egger Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung (S. 97, 101, 105, 109, 112)

Rezension vom 16.01.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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