#Roman

Orkus.

Gerhard Roth

// Rezension von Janko Ferk

Reise zu den Toten.

Gerhard Roth ist einer der wenigen österreichischen Großschriftsteller, und zwar mit positiver Konnotation. Er ist es aufgrund seines umfangreichen sowie umfassenden Werks – und nicht, weil ihn irgendein Reporter irgendeiner bunten Bundeshauptstadt-Gazette dazu machen würde. Mit Orkus, seinem neuen, fast siebenhundert Seiten langen opus magnum, bestätigt er seinen Rang in der deutschsprachigen Literaturlandschaft … eindrucksvoll.

 

Zweiunddreißig Jahre lang hat der heute siebzigjährige Schriftsteller an seinen beiden Romanzyklen „Die Archive des Schweigens“ (1980 – 1991) und „Orkus“ (1995 – 2011) gearbeitet. Entstanden ist, wie der Verlag meint, „ein einzigartiger Kosmos der Literatur und des Denkens“. Diese Rothsche Schöpfung umfasst nicht nur klassische Romane, sondern auch dokumentarische und essayistische Bände, nicht zuletzt tritt der Autor hier als Fotograf auf, doch in dieser Profession am wenigsten überzeugend.
Der Orkus-Band ist der Endpunkt einer, man muss es beim Namen nennen, monumentalen Arbeit, wobei sich Gerhard Roth nach dem Abschluss durchaus mit Robert Musil messen kann, so und so. Orkus ist gleichzeitig ein Roman und eine Autobiografie. Es ist, kurz gesagt, die Essenz eines langen und erfolgreichen Schriftstellerlebens. Es ist ein Buch über das Wesen des Menschen, die Wahrnehmung der Welt, die Suche nach einer anderen Wirklichkeit, es ist der Versuch, nicht zu scheitern. „Orkus“ ist eine lange „Reise zu den Toten“, wie es im Untertitel heißt, und die Bemühung, das Leben zu verstehen, ohne es zerstören zu wollen.
Zur literarischen Ausdehnung sei noch festgehalten, dass die beiden sich ergänzenden  Romanzyklen fünfzehn Bücher mit fast sechstausend Seiten umfassen. Ein gewaltiges und einzigartiges Projekt der deutschsprachigen Literatur, das derzeit in Österreich mehr Anerkennung findet als in der Bundesrepublik Deutschland, was sich – wie anzunehmen ist – noch ändern wird. Dem Vernehmen nach sind auch die Verkaufszahlen in Deutschland bescheiden. (Vgl. d. Der Spiegel, Nr. 31/2011, S. 130.)

Gerhard Roth erklärt in Orkus – unter anderem – sein interessantes und ungewöhnliches Leben. Mit siebzehn (!) Jahren wird er zum ersten Mal Vater und ist mit einundzwanzig verheiratet. Bis heute ist er dreifacher Kindesvater. Nach dem nicht beendeten Medizinstudium beziehungsweise dem unerfüllten Berufstraum und –wunsch, Psychiater zu werden, ist er zunächst Mitarbeiter des Rechenzentrums in Graz und wird schließlich Schriftsteller, wobei es ihm gelingt, sich in eine Reihe mit seinen früheren Grazer „Forum Stadtpark“-Kollegen (-Freunden?) Peter Handke und Elfriede Jelinek zu stellen und dort stehen zu bleiben, ohne literarisch auf der Stelle zu treten. Ein Kapitel widmet Roth Wolfgang Bauer, den er explizit als Freund bezeichnet.
Gerhard Roth schreibt auf dem Weg von der Medizin über die Informatik bis zur Literatur mit den ersten Veröffentlichungen über seine Großeltern, Eltern, Geschwister und Freunde, über Graz und seine erstickende Nachkriegsatmosphäre, die Steiermark mit ihrem Landleben und Wien, wo er bis heute hauptsächlich lebt. Reale Personen begegnen dabei den Figuren aus seinen Romanen. Sehr real sind beispielsweise Bruno Kreisky, über den Roth im Jahr 1980 geschrieben hat und von Thomas Bernhard dafür naturgemäß rustikal gescholten wurde oder der Maler Zoran Muši?, einer der beeindruckendsten Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts, ein Slowene, der zeitweise in Kärnten gelebt hat.

Ein solches Buch kann selbstredend nicht ohne einen ganz Großen der Weltliteratur auskommen, nämlich Franz Kafka samt seinem Romanpersonal von Josef K. über den Landvermesser bis Gregor Samsa. Mit Franz K. korrespondieren sozusagen Hans Gross und Otto Gross, die auf ihn einen nicht unwesentlichen Einfluss ausgeübt haben.
Beim Schreiben kramt Roth in der „Müllhalde der Erinnerungen“, in seinem Gedächtnisarchiv, so dass das Narrative nicht der Chronologie seines Lebens folgt, sondern Prosateile entstehen, die sich letztlich zu einer logischen und nachvollziehbaren Geschichte zusammenfügen. Das Buch ist dennoch keine Faktengeschichte, es ist ein Roman, obwohl die Literaturgattung nicht eigens nach dem Untertitel angeführt wird. Das heißt wiederum, dass die Leser keinen Anspruch auf Wahrheit haben, wozu Gerhard Roth schon im „Alphabet der Zeit“ festgehalten hat, dass die Erinnerung Romane schreibe und keine dokumentarischen Wahrheiten. Das Wort Autobiografie bekommt hier einen anderen Drall und wird sozusagen zur „Rothografie“, einer ganz persönlichen Legierung zwischen Dichtung und Wahrheit.
In Orkus wird alles zu einer Sprachlandschaft und Erzählwelt verwoben, das Vergangene und Gegenwärtige, das Reich der Lebenden und der Toten, die Fiktion und die Realität. Die Leser erfahren einerseits etwas über den Autor und andererseits über die Welt oder vielmehr die – gute und schlechte, um nicht zu sagen böse – Natur des Menschen, wobei Gerhard Roth sich als ehrlicher Schriftsteller entpuppt. Er verschweigt nicht, dass sein Vater, ein Arzt, Parteibuch-Nationalsozialist gewesen ist, er vergisst aber auch nicht, dass er ihm und der Familie gegenüber fürsorglich und liebevoll war.

Autobiografischer Roman.
Frankfurt / Main: S. Fischer Verlag, 2011.
667 S.; geb.
ISBN 978-3-10-066083-1.

Rezension vom 15.02.2012

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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