okzident express. falsch erinnerte lieder.

Stefan Schmitzer

// Rezension von Gerald Lind


sagt gecko eins

die kriege

gecko zweidie kriege

gecko eins
die lieder von den kriegen
gecko zwei
die kein mensch mehr singt die
kriegslielieder (61)
 

Stefan Schmitzer singt sie noch, die Kriegslieder, in seinem neuen Gedichtband „okzident express“. Allerdings sind es, wie der Untertitel sagt, „falsch erinnerte lieder“. Falsch nun jedoch (mindestens) in einem doppelten Sinne. Folgt man den einführenden (eigentlich: „einschwingenden“) Worten des Grazer Autors, so ist damit gemeint: „wenn wir uns an das zeug erinnern das wir irgendwie irgendwann und sei es bloß jetzt im nachhinein daher im sinne der hashtag #autofiktion unsere hashtag #lieder genannt haben werden . dann erinnern wir uns falsch an die unschuld des richtigen“ (8). Zum anderen (wobei man sich nicht sicher kann, dass es sich dabei wirklich um „anderes“ handelt) meint „falsch“ hier auch insofern „richtig“, als aus Schmitzers „false memory“ (als Teil der „cultural memory“) ein Re-Writing als Remix-Writing klassischer wie alles andere als klassischer Texte entsteht.
Das (also „zum anderen“) bedeutet nun natürlich auch: Man könnte die acht Lieder/Songs/Lyrics/Gedichte (statt einem Schräg- ist hier auch ein Bindestrich zwischen den Gattungsbezeichnungen möglich) in „okzident express“ vor allem über ihre Intertexte lesen, zumal diese ja mustergültig [wiewohl – natürlich – bei der Lektüre auch ganz andere Inter-Texte in den Sinn kommen – (können)] angeführt werden, bei „II ‚Tiger Mountain Flachdach'“ zum Beispiel als:

(Odyssee, 9. Gesang, homer)
(das manifest, karl marx und friedrich engels)
(taking tiger mountain by strategy [film, 1970], xi tieli)
(deine reime sind schweine, dj koze)
(the movie [song], the doors) (15)

Allerdings: Warum sollte man sich dieser philologischen Fleißarbeit unterziehen (zumindest wenn der Platz, wie hier, beschränkt ist), wo es doch noch mehr Lektürevergnügen zu versprechen scheint, Schmitzers Texte als das zu lesen, was sie sind: Nicht Variationen von Altem, sondern mithilfe verschiedener Referenzen entwickelte Schöpfungen von Neuem.
Neues entsteht aus den (vielgestaltigen) Ver-Satzstücken nun unter anderem (ein fast zufällig gewähltes Beispiel) durch Schmitzers poetisches Verfahren, persönliches, subjektives Erleben (mag das nun „echt“ oder „fake“ sein – und mag solch eine Unterscheidung eine Rolle für sinnstiftende Leseweisen dieser Texte spielen oder nicht) mit großen Politdiskursen (die, wie leicht vergessen wird, letztlich immer Diskurse von Menschen über Menschen sind) zu verbinden. So erfolgt die Hinführung zum Sterben von Schutzsuchenden im Mittelmeer und die hierdurch festgestellte Umkehrung der mediterranen „Idylle“ (so der Gedichttitel) über eine zunächst fern von tatsächlichen Tragödien zu stehen scheinende Bemerkung:

DER G’SCHISSENE TOURISSMUSS-
ORT IN ISTRIEN
DA ICH MIT SECHSEN JAHREN SASS
MIT SECHSUNDDREISSIG NOCH EINMAL
(KIND SACHZWANG UND FAMILIE) (12)

Doch die eigene Privilegiertheit (das als „g’schissen“ verstehen zu können, was für andere die rettende Küste ist) wird gebrochen über die Einschreibung des Politischen ins Private (scheinbar Private, müsste man sagen, und – vielleicht – auch scheinbar Politische), wenn man also – unversehrt (nicht zu verwechseln mit: unschuldig) beim Schwimmen hinausgelangt

INS FREIE WEITE MEER
AN JENE STELLE WO DIE TOTEN SYRERKINDERS
VON WEITER UNTEN RICHTUNG KÜSTENFLACHGEWÄSSER
HOCHGEDRÜCKT UND VORGESCHOBEN WERDEN (13)

Vom poetischen Verfahren der Verschränkung großer Narrative mit kleinen Bemerkungen (als lyrischer Anti-Stammtisch, wenn man so will) hebt auch der vierte Text, „Rambo III“, ab. Allerdings wird hier das große Narrativ aus einer (natürlich nur „scheinbar“) kleinen Bemerkung herauspräpariert, nämlich einem Satz des Talkshow-Hosts Bill Maher, wonach – in der Paraphrase des Autors – „ein jeder zu seinem stamme halten müsse“ (23). Zu gleichen Teilen halbironisch wie halbernst heißt es dazu:

der fortschritt ist kaputtgegangen
lauter dodeln ein jeder will zu seinem stamme obwohls sowas
ja gar nicht braucht ich versteh das nicht
warum setzen sie sich nicht alle hin
und unterhalten sich in ruhe über die neuesten fernsehserien
(24–25)

Und halb autobiographisch wie halb anti-autobiographisch wird hinzugesetzt (diese Ambivalenz dürfte wohl auch genauso auf die meisten – zumindest jene im weitesten Sinne ähnlich wie der Autor sozialisierten – Lesenden des Bandes zutreffen):

weil míhír reichet game of thrones und song contest ja auch
ich will zu keinem stamme
bin ich gar defekt? (25)

Das Cover von „okzident express“ zeigt auf (unter?) einer Wasseroberfläche gespiegelte wie ineinander übergehende Vinylschallplatten, die gleichzeitig als visuell-poetologischer und topisch-topologischer Hinweis gelesen (und natürlich betrachtet) werden können. Denn nicht nur das Bauprinzip der Texte schimmert hier an der Oberfläche, sondern auch das im Text konstant referenzierte (Mittel)Meer wird – in seiner tödlichen Schönheit – angedeutet. Nicht ausschließlich als Wasserfriedhof für Schutzsuchende im Jetzt, sondern auch – in „MESTIZAJE. KLIMAWANDEL JA, ABER RICHTIG.“ – als zukünftiger Wasserfriedhof für uns alle, als Ort einer (nach Karl Kraus) fröhlichen Klimapostapokalypse:

und scheißdeutschland wird es nicht mehr geben
und von oarschloch österreich paar gipfelchen die werdn zu inseln werden
wir werden uns küssen
alle werden wir uns küssen hans
wir werden herumschmusen wir werden pelzigflauschigzüngelig
wir wern sein die di glänzende schutzschicht auf der schwarzn mutter erdn (54)

Es wird – im klimagewandelten Zentraleuropa – also eh schon alles wurscht sein, weshalb man sich ganz dem (evolutionsbiologisch = Arterhaltung) einzig noch irgendwie Sinn Machenden hingeben kann (darf/soll/muss):

küss mich beiss mich
mach mir die klimaerwärmung
aber richtig (57)

Aber vielleicht endet ja alles gar nicht so schlimm, das mit dem Mittelmeer, dem Klimawandel und den Schutzsuchenden. Im sechsten Text, „Weltübergang 1918. Jonas & Walfisch im Karst“, denkt Schmitzer ein (sehr post-kakanisch wirkendes) Großprojekt an, einen (dem Band den Titel gebenden) „okzident express“, der über eine Eisenbahnbrücke das Mittelmeer befahren und von Znaim nach „tripolis und retour“ (46) verkehren könnte:

ALL ABOARD SE OKZIDENT EXPRESS
LET US STÜRM KLAGENFURT

LET US UMVOLK BUDAPEST WIEN MÜNCHEN
AHHH LET US UMVOLK
LET US DIE FLUT SEIN

VOR DER SICH DIE GFRASTA EH SCHON ANSCHEISSN (47)

Stefan Schmitzers „okzident express“ nimmt (wie im Übrigen schon „moonlight on clichy“, 2007, und „scheiß sozialer frieden„, 2011) auf Kategorien wie E und U (oder Hoch- und Popkultur oder Avantgarde und Charts oder Original und Fake) keinerlei Rücksicht. Zum Glück. Denn nur so – respektlos vor der „Tradition“, aber respektvoll vor der „Menschlichkeit“ – kann alles (und zwar tatsächlich: ALLES), was „in der Welt“ ist, zu Dichtung werden – und zwar nicht nur zu außergewöhnlich relevanter, sondern vor allem auch zu außergewöhnlich guter.

Gerald Lind
20. Februar 2019

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Gedichte.
Graz: Literaturverlag Droschl, 2019.
72 S.; Klappenbroschur; Euro 16.
ISBN: 978-3-99059-028-7.

Rezension vom 20.02.2019

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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