#Roman

Offene Gewässer.

Romina Pleschko

// Rezension von Veronika Hofeneder

Nach ihrem fulminanten Debüt mit der Gesellschaftssatire Ameisenmonarchie (2021) legt Romina Pleschko nun mit Offene Gewässer ihren zweiten Roman vor. In zwei Teile gegliedert erzählt der erste das Coming of Age von Elfi, die bei ihrer Großmutter im hochgradig provinziellen Liebstatt am See aufwächst, wo sie sich gegen soziale Abstiegsängste und Ausgrenzung täglich neu beweisen muss und dabei zu durchaus originellen wie subversiven Verhaltensstrategien neigt.

Als Schwimmtalent entdeckt, wird sie im örtlichen Sportverein gefördert, hasst jedoch als „Bewegungspragmatikerin“ (48) Training und Wettkämpfe gleichermaßen und konzentriert sich lieber auf die dort gebotenen Kuchenbuffets: „Die freizeitraubenden Wettschwimmen am Wochenende verabscheute ich mit Inbrunst und nutzte sie hauptsächlich dazu, heimlich die selbst gebackenen Mehlspeisen willfähriger Vereinsmütter in mich hineinzustopfen und schon im Vorlauf erbärmlich abzusaufen. Meistens musste man mich sogar wiederholt aufrufen für den Wettbewerb, ich hatte schnell gelernt, alle Ansagerstimmen auszublenden, um ungestört die opulente Kuchenwelt am Buffet zu genießen.“ (47) Dank minimalem Engagement und emotionaler Distanz übersteht Elfi Schwimmverein, Klosterschule und Sommertheater unbeschadet, sogar den Mann fürs Leben findet sie in der dörflichen Idylle.

Im zweiten Teil sind einige Jahrzehnte vergangen: Elfi ist inzwischen geschieden, emotional noch abgekühlter und lebt in einem kleinen Häuschen mit direktem Seezugang, wo sie dem Schwimmen – ohne Leistungsdruck ihre Leidenschaft – täglich frönen kann. Die generell Frauen gegenüber skeptisch bis feindlich eingestellte Dorfgemeinschaft hat ihren Chauvinismus über die Jahre jedoch nicht abgelegt und macht der alleinstehenden Frau das Leben in allen Belangen schwer (so vergreift sich z. B. der Religionslehrer nonchalant und ohne moralische Skrupel an Elfis Holzvorrat), da hätte es die Baustelle auf dem Nachbargrundstück gar nicht gebraucht. Hier wird ein Hotel mit Steganlage errichtet, die auf Elfis Grund überzugreifen droht. Den Machenschaften der Baubranche und den gegen sie gerichteten und vom Bürgermeister gedeckten Sabotageakten sieht sich Elfi wehrlos ausgeliefert, weswegen sie nur noch einen – sehr radikalen – Ausweg sieht.

Inwieweit dieser Sinn macht und dramaturgisch gelungen ist, soll hier nicht verraten werden. Viel überzeugender ist ohnehin die Lesart des Romans als schlagfertige Gesellschaftssatire über das Leben auf dem Land, denn die Liebstatter Dorfgemeinschaft erfüllt auch wirklich jedes (provinzielle) Klischee: der selbstverliebte, medial omnipräsente und seine (familiäre) Klientel bedienende Bürgermeister; die mit ihm verhaberten und durch und durch korrupten Bauunternehmer; der misogyne Frisör, der mit seinen „drei charakteristischen Frisuren“ (152) alle Frauen im Ort verunstaltet; der geistig zurückgebliebene Supermarktmitarbeiter, der sich eine Sexarbeiterin zum Hausbesuch ins Geschäft bestellt; die neugierigen, weder verbale noch körperliche Übergriffe scheuenden Nachbarn, denen die Gartenschere als „regionales Statussymbol“ (153) gilt, sowie die ältlichen Dorfkaiser, die ihre körperliche Unterlegenheit bei Sportbewerben gegenüber den jüngeren (vornehmlich weiblichen) Konkurrentinnen mit unlauteren und brachialen Mitteln durchsetzen müssen. Hier verzichtet Pleschko nicht auf die bitterböse Pointe, dass einer von ihnen beim Wettschwimmen zwar kurzzeitig Oberwasser behält, infolge der Anstrengung jedoch einen (letztlich tödlichen) Herzinfarkt erleidet. In der testosterongesteuerten Welt der betonierten Garagenzufahrten und getrimmten Rasenflächen, der maßlos unterkellerten Häuser und der übermotorisierten Autos ist für Zwischentöne kein Platz. Umwege fährt nur der verhasste Postbus, ansonsten regiert das Prinzip des „Geradeheraus. Keine verlogenen höflich distanzierten Umgangsformen.“ (165)

Wenn Pleschko ihrer spitzen Zunge freien Lauf lässt, bleibt kein Auge trocken. Sprachlich versiert und nie um eine Pointe verlegen gemahnen ihre Tiraden gegen das Landleben und den Theaterbetrieb an die Kaskaden Thomas Bernhards. Darüber hinaus erweist sich Pleschko in Offene Gewässer aber auch als scharfsichtige Beobachterin des gesellschaftlichen Umgangs mit eigenständigen – weiblichen – Lebensentwürfen, deren analytischer Befund am Anfang des 21. Jahrhunderts beängstigend resigniert ausfällt.

Roman.
Wien: Kremayr & Scheriau, 2023.
208 S.; geb.
ISBN 978-3-218-01384-0.

Rezension vom 09.02.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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