#Theater

Ö et nous.

Gerhard Ruiss

// Rezension von Helmuth Schönauer

Café Sarajevo.

Gerhard Ruiss‘ Projekte sind immer an der Grenze zwischen scheinbarer Realität und ausgewiesener Kunst angesiedelt und erinnern in ihrer „permanenten Revolution“ an jene Stelle in Arthur Schnitzlers „Grünem Kakadu“, wo die Revolution von der Bühne herunterspringt mitten in den Adel und das Volk hinein.

Wenn Gerhard Ruiss sein Stück Ö et nous eine ernste Volkskomödie nennt, so heißt dies einerseits, daß das Volk am Theater teilhaben soll, es heißt aber auch im Sinne der Theatermoral, daß das Theater mit dem Volk ein ernstes Wort zu reden hat.

Sarajevo dient gerne als Nagel, an dem die Historiker am liebsten ihre Geschichte Österreichs aufhängen, andererseits ist Sarajevo das Café mit den vielen ethnischen Tischen, und schließlich auch die Chiffre für die Stadt olympischer Kampfstätten, aus denen im Sinne Elfriede Jelineks der Sport als Krieg aus den Stadien steigt.

Dieser Kriegszustand mitten in Europa ist unter anderem auch der Überbau für die Volkskomödie „Café Sarajevo“.
Nach einem Vorspiel über die Silben Sa-ra-je-vo werden im ersten Akt die sogenannten Thronfolger in der Prosektur analysiert und samt dem Schutt der Monarchie unter den Geschichtsteppich gekehrt. Im zweiten Akt spielt mit dem Trümmermaterial ein gewisser Schickelgruber und im dritten Akt wird die generelle Unschuld Österreichs ausgerufen. Als Bühne für diese Vorgänge dient ein Café, das ständig den Namen und den Zustand ändert. Und die Botschaften, die in diesem Café ausgetauscht werden, sind so mannigfaltig und vielsprachig, daß man auf den ersten Blick ihre einzelnen Aussagen gar nicht erkennen kann, das Sprachengewirr ist nämlich zu schwer, um konkrete Sätze zur Manifestation von Hierarchien zuzulassen.

Über dem Café der Völker liegt nämlich ein Sound, in dem es keine dominante Hauptsprache mehr gibt. Der einzige Sinn eines Befehles liegt in seiner Musikalität. So wundert sich auch eine Kellnerin, daß sie begnadigt wird, ohne für die Hinrichtung vorgesehen gewesen zu sein.

In einem Nachspiel werden Grabsteine mit den entsprechenden Opferzahlen als Dominosteine für ein Nullsummenspiel abgesetzt. Die Kilometersteine in der Geschichte der Menschheit sind zugleich ihre Grabsteine.
Hinrichtungskommandos, Startkommandos und Jubelrufe sind die drei wichtigsten Befehle für ein Staatsprogramm. Für angehende Putschisten und Militaristen sind sie daher im Anhang in allen erdenklichen Sprachen abgedruckt.
Gerhard Ruiss‘ Stück ist so österreichisch irreal, daß es auf jeden Fall staatstragend ist. Es spielt nämlich in der höchsten Liga der Aufklärung.

Ernste Volkskomödie.
Wien: Edition Selene, 1999.
80 S.; brosch.
ISBN 3-85266-096-3.

Rezension vom 07.12.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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