#Theater

Odysseus, Verbrecher.

Christoph Ransmayr

// Rezension von Florian Braitenthaller

Für den im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 konzipierten Dortmunder Theatermarathon, an dem sechs Fort- und Umschreibungen zur Odyssee aufgeführt wurden, macht Christoph Ransmayr gleich klar, was ihn an der Figur des Odysseus nicht interessiert: das Heldentum, die listenreiche Intelligenz, die Abenteuer während dessen 20-jähriger Abwesenheit von Ithaka. Ransmayr schreibt die Aktualisierung einer der Ursprungserzählungen des europäischen Selbstbewusstseins als Kriegsfolgegeschichte, mit einer deutlichen Wertung, die sich schon im Titel des Stücks ausspricht: Odysseus, Verbrecher.

Sein Drama setzt, wie bei Homer, bei des Odysseus Landung am Strand von Ithaka an. Der Fortgang der Handlung entspricht den Stationen der Heimkehr im Original: vom Strand über die Begegnung mit den Hirten und seinem Sohn bis hin zum Eintreffen im Königspalast und der Vernichtung der Freier Penelopes. Die Freier heißen hier „Reformer“, sie sind die neuen „Führer“, die an die Macht streben, von Odysseus schlicht „Volksfeinde“ genannt.
Er selbst tritt als ein lamentierender Melancholiker in Erscheinung. Der Soldat, für den Odysseus in diesem Stück stellvertretend steht, ist keiner, dem man Siegeskränze bindet, die einzige Leistung, die sich Ransmayrs Odysseus selbst zuspricht, ist: überlebt zu haben.
Odysseus bedient sich dabei einer Sprache des Ausweichens. „Wie ist es, wenn man tötet.“ „Man tötet nicht, man versucht zu überleben.“ Seine Sprachdiktion demonstriert den Versuch, die Grausamkeit des Krieges und seiner Folgen schönzureden. Der „Chor der Krüppel und Gefallenen“ lässt dies jedoch nicht zu, begegnet ihm mit Hohn und Spott, hält mit der brutalen, nüchternen Sicht der Realität dagegen. Dieser Chor klärt ihn über die gegenwärtige Situation in Ithaka in Bildern mit starkem Gegenwartsbezug auf: Arbeitslosigkeit und Sozialsiedlungen prägen den Alltag. Odysseus‘ schlechtes Gewissen wird im Chor zum Gewissen der Welt. Der Chor ist eine Vision, die ihn verfolgt: Er besteht aus all jenen, deren Tod Odysseus verschuldet und ausgelöst hat, Feinde, Freunde, Gefährten.
Ähnliches wird Odysseus von Penelope, der „Verlassenen“, geboten. Auch sie lässt sich von seinem Geschwätz nicht irritieren. Dass er mit Telemach gemeinsam die Freier / Reformer tötet, ihn so zum Mörder macht und dessen Unschuld missbraucht, macht sie ihm zum Vorwurf. „Du hast ihm das Schlimmste angetan, was ein Vater seinem Sohn antun kann, du hast ihn zu deinesgleichen gemacht. Odysseus, Verbrecher, du hast ihn zu deinesgleichen gemacht.“

Ransmayr schreibt die ewige Geschlechtergeschichte von Mann und Frau als jene von Mars und Venus mit deutlicher Parteinahme für das weibliche Prinzip weiter. Da erscheinen beispielsweise die Freier / Reformer in all ihrer geschäftstüchtigen Verkommenheit wie Unternehmer, denen, dem weiblichen Blick zufolge, anders beizukommen sein müsste als mit Vernichtung und Tod. Das Ende zementiert die Unvereinbarkeit des politisch-konstruktiven Kooperationswillens des Weiblichen und der schonungslosen, bis zur Vernichtung des Gegners führenden Konkurrenzlust des Männlichen. Folgerichtig schickt Penelope Odysseus wieder weg, „… um irgendwann tatsächlich heimzukehren und nicht bloß in der Heimat zu stranden“.

Trotz aller Aktualisierungs- und Modernisierungstendenzen entfaltet sich in Odysseus, Verbrecher ein klassisches Drama mit klar abgegrenzten, identifizierbaren Figuren, die sich im Reden zur Darstellung bringen, auch bloßstellen, und deren Konturen sich im kämpferischen Zwiegespräch schärfen. Der Antiheld Odysseus mit seinem Schicksal wird bei Ransmayr zu einer Randepisode der Weltgeschichte(n).

Schauspiel einer Heimkehr.
Frankfurt / Main: S. Fischer, 2010.
120 S.; geb.
ISBN978-3-10-062945-6.

Rezension vom 29.04.2010

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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