#Roman

Oben Erde, unten Himmel.

Milena Michiko Flašar

// Rezension von Kristina Pfoser

„Alleinstehend. Mit Hamster“, so charakterisiert sich Suzu selbst. Suzu ist 25, aufgewachsen in der Provinz, zum Studieren ist sie in die Großstadt übersiedelt. Das Studium hat sie nach einem Semester an den Nagel gehängt, nun arbeitet sie als Aushilfskellnerin.

Suzu mag es „leicht und unverbindlich“, sie will „einfach in Ruhe gelassen werden“. Ihre Hauptbezugsperson ist der Hamster Punsuke („der wichtigste Mensch für mich“), und der ist auch nicht unproblematisch. Gleich am Anfang verliert Suzu ihren Job in dem Restaurant, zum Abschied wird ihr noch empfohlen, sie solle sich eine Arbeit suchen, bei der sie so wenig wie möglich mit Menschen zu tun hat. Und ein Kommunikationsjob ist das tatsächlich nicht, den sie bald findet: Suzu heuert bei einer Leichenfundortreinigungsagentur an.

Auch der dritte Roman von Milena Michiko Flašar spielt in Japan, und auch hier holt die 42-jährige Wienerin mit japanischer Mutter Zurückgezogene, Ausgeschlossene, Gebrechliche, Sehnsüchtige und Schwermütige vor den Vorhang. Nach ihrem mehrfach ausgezeichneten Bestseller „Ich nannte ihn Krawatte“ über einen Hikikomori, einen jener jungen Menschen, die dem Leistungsdruck nicht mehr Stand halten und sich monatelang in ihrem Zimmer einsperren, und fünf Jahre nach „Herr Katõ spielt Familie“, einem Buch über das Scheitern von Pensionisten-Ehen und über gemietete Verwandtschaft, geht es auch hier um große existenzielle Fragen.

„Kodokushi“, das ist das japanische Wort für unbemerkte Sterbefälle. Und deren gibt es viele, erfahren wir, „30.000 Fundleichen, Tendenz steigend“, meistens sind es Männer mittleren und hohen Alters. Vor allem wenn es wärmer wird, werden sie entdeckt, und die Nachbarn rufen die Polizei. Und dann kommt der Putztrupp, der auf solche Fälle spezialisiert ist.
Zum Beispiel die Wohnung von Herrn Ono, Suzus erstem Einsatzort. Herr Ono war ein pensionierter Bankbeamter, unverheiratet, kinderlos. „Ein Klassiker“ wie es heißt. Er hat schon drei Jahre vor seinem Tod die Leichenfundortsäuberungsagentur kontaktiert und beauftragt. „Sein Motto lautete: Keine offenen Rechnungen!“
Dieses „Niemandem-zur-Last-Fallen-wollen“, die Fassade aufrechterhalten, die Harmonie wahren, Regeltreue – das sind Werte, die in der japanischen Kultur hochgehalten werden. Die Grenze zwischen Diskretion und Desinteresse ist da nicht leicht auszumachen. Suzu neigt übrigens zu zweiterem.

„In Japan ist man sehr schnell dabei, Trends in der Gesellschaft aufzuspüren, ihnen einen Namen zu geben und das auch öffentlich und medial zu diskutieren“, hat Milena Michiko Flašar einmal erklärt, und mit feinem Spürsinn für gesellschaftliche Phänomene erzählt sie vom Zerfall familiärer Strukturen, von sozialer Kälte und von der „Volkskrankheit“ Einsamkeit. Nach Schätzungen leben in Japan bis zu eine Million Menschen in selbstgewählter Isolation, und in letzter Konsequenz steht dann am Ende „Kodokushi“.

Suzu jedenfalls findet über die Toten zu den Lebenden, nach und nach wird ihr klar, dass die Einsamkeit ihrer „Klienten“ viel mit ihrer eigenen Einsamkeit zu tun hat. Ein Jahr lang begleiten wir sie auf ihrem Weg, treffen auf den schrulligen Herrn Sakai, der die Leichenfundortreinigungsagentur leitet, auf Suzus Arbeitskollegen Yamamoto und Suga und den nerdingen Takada, der in einem Manga Kissa wohnt, einem Internet-Cafe mit Schlafkabinen. Prekäre Wohnsituationen, Instant-Suppen, Reisstrohmatten, Badehäuser, Manga und Karaoke – wie nebenbei wird eine kräftige Portion japanischer Kultur serviert, Nachhilfe gibt ein Glossar.

Milena Michiko Flašar webt ein dichtes Netz aus Geschichten, präzise und zugleich reduziert leuchtet sie das Innenleben von Suzu aus – mit viel Empathie für eine scheinbar empathielose Figur. Sie erzählt nicht nur von Schicksalen und ihrem gesellschaftlichen Kontext, detailreich und mitunter drastisch schildert sie auch den Schauplatz des Geschehens, d.h. die Leichenfundorte inklusive Fliegen und Maden und Leichenfett und Blut und Exkrementen und Urinkanistern – kein Wunder, dass sich Suzu bei ihrer Arbeit immer wieder übergeben muss.

Bei alldem hat dieser Roman auch viele heitere, komische Aspekte, und diese Komik kommt nicht allein aus der Groteske. Etwa wenn Suzu mit einer Riesen-Wassermelone bei großer Hitze zu einem Krankenbesuch quer durch die Stadt fährt und unterwegs versucht, die Melone loszuwerden – in dieser Rolle kann man sich auch Mr. Bean gut vorstellen. Überhaupt: ein guter Stoff auch für einen Film.

Roman.
Berlin: Wagenbach, 2023.
300 S.; geb.
ISBN 978-3-8031-3353-3.

Rezension vom 01.02.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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