#Roman

Nil.

Anna Baar

// Rezension von Holger Englerth

„Im Ausgedachten sind wir drin, der Wahrheit kann ich mich nur nähern“, meinte Anna Baar über ihr Schreiben am neuen Roman Nil im Gespräch mit Katja Gasser. Für uns Leser*innen aber gilt: Im Lesen sind wir drinnen, diesem Buch selbst können wir uns nur nähern.

Standen die ersten beiden Romane, „Die Farbe des Granatapfels“ und „Als ob sie träumend gingen“, einer autobiografischen Lesart offen und beschäftigten sich mit der familiären Herkunft der Autorin und ihrer Familie, geht sie in Nil einen neuen Weg. Das dritte Buch ist das Ergebnis eines Versuches, von sich selbst wegzuschreiben: „Man versucht von sich selbst wegzukommen und ist doch ganz bei sich.“

Im Roman übersetzt sich das in eine einzigartige und besondere Leseerfahrung, die trotz der Vergeblichkeit, eine fixe Story, Bedeutung oder auch nur handelnde Person mit letzter Sicherheit festzumachen, an keiner Stelle das Gefühl eines bedeutungslosen Spiels bei der Lektüre hinterlässt. In Nil finden nicht einfach Ausbruchsversuche aus den Konventionen des Erzählens statt, der Roman ist als Ganzes eine gelungene Flucht, gesteht sich keine Ruhe, keine Sicherheit zu. Gerade deswegen ist es ratsamen, sich an die Wegmarken zu halten. Wenn in diesem Buch zum Beispiel plötzlich geographische Koordinaten genannt werden, dann ist es erfolgversprechend, ihnen zu folgen, und zwar im praktischsten Sinne.

Nil bietet keine literarische Versuchsanordnung, schon alleine deshalb nicht, weil die Ordnung selbst gemieden wird. Umso erstaunlicher ist es, dass Anna Baar bei all diesen Freiheiten das Erzählen selbst nicht fallen lässt. Im Gegenteil, ihre Sprache hat ungemeinen Rhythmus und einen Sog, der es leicht macht, sich vom Text dahin tragen zu lassen. Was mit der Gefahr verbunden ist, die von Baar bewusst gesetzten Haken und Fallen zu übersehen.

Eine Inhaltsangabe lässt sich da folglich schwer geben. Meist werden in Besprechungen deshalb die Hinweise zu Beginn des Buches herangezogen, die auf eine Erzähler*in unbestimmten Geschlechts hindeuten, der es widerstrebt, am Schluss eines Fortsetzungsromans wie vom Chef vorgeschlagen ein Paar in die Tiefe springen zu lassen. Dadurch wird die Komplexität von Nil jedoch erheblich reduziert, lassen sich doch ganz ähnliche Geschichtenpotentiale an anderen Stellen im Buch ebenso ausmachen. Während andere Autor*innen diese Potentiale einfach ausschöpfen würden, verzichtet Baar auf eine stringente Handlung und widmet sich ständig neuen Variationen von Erzählhaltungen und -positionen. Auch wenn im Text behauptet wird: „Hier geht es nicht um Struktur, Erzählposition, -perspektive“ (S. 103), so heißt es wohl besser: Sehr wohl auch, aber eben nicht nur.

Im Gegensatz zur bruchstückhaft dargestellten Welt sind Bedrohung und Angst im Roman beständig präsent. Denn es ist keine sichere Welt, in der hier existiert wird, auch wenn es sich oft leicht ausblenden lässt: „Alltagstage […], Festungen gegen die Welt der Hungersnöte, Kriege und Naturkatastrophen, die pünktlich zur Nachrichtenzeit in die Gemütlichkeit platzen, auf Knopfdruck laut oder leise, jederzeit abstellbar, immer gerade genug, sich ein wenig zu gruseln, halbherzig zu empören.“ (S. 41) Auch aus der bedrückenden Einsamkeit, in der sich die Figuren teils zu befinden scheinen, in eine Beziehung zu treten, kann nur eine neue Art Hölle bedeuten.

Das Buch besteht aus vier Teilen, die zunächst jeweils den Eindruck eines Reset, eines Übersichtlichkeit versprechenden Neubeginns machen. Doch jedes Mal wird deutlich, dass die Teile untereinander aufs Engste verwoben, durch Motive verbunden sind. Auch begegnen einander die handelnden Personen, ohne dass sie mit letzter Sicherheit zu identifizieren sind. Wie die Erzählung selbst fortgesetzt nach neuen Rollen sucht, so sind auch die vorkommenden Personen ohne klare Grenzen. Zuweilen müssen sie sich gar mit ihren eigenen Doppelgänger*innen herumschlagen.

Eine der fassbarsten Figuren ist ein gewisser Sobek, eine zuweilen ziemlich elende Gestalt, der fast alles zuzutrauen ist, außer besondere Sympathien bei seiner Umgebung – und den Leser*innen hervorzurufen. Auf Polnisch bedeutet sein Name ‚Egoist‘ oder ’selbstsüchtiger Mensch‘ und das trifft auf diesen versponnenen, einsamen und etwas bedrohlichen Menschen durchaus zu. Oder es tut ihm Unrecht, denn ‚Sobek‘ ist auch der Name eines ägyptischen Gottes mit Krokodilkopf oder in Krokodilgestalt. Wo zu Beginn nur das Geschlecht der Erzähler*in unklar bleibt, stellt sich nun die Frage, ob wir es überhaupt mit einem Menschen zu tun haben.

Anna Baars Roman ist eine Art Geschenk an alle, die der Einfachheit misstrauen und stattdessen die Fülle der Möglichkeiten schätzen. Nil geizt nicht mit Deutungsmöglichkeiten, aber mit Festlegungen: „Ich bin das freundliche Ploppen, wenn ein Apfel ins Gras fällt, bin Monster, Märtyrer, Nichts, Form der Unmöglichkeit, Strudel und Projektion, ein Gedicht, das man aufsagt, ohne es zu verstehen. Oder ein Zookrokodil. Alles fließt und flutet in das schöne Wort Nil“ (S. 25). Die den Text und die Zwischenüberschriften durchziehenden Verweise auf Computerspiele deuten darauf hin, dass auch in der Welt der Literatur vieles möglich ist, und vielleicht sind auch die Leser*innen in ihren Bewegungen durch den Text das eine oder andere Mal unter dem Einfluss des Steuerungskreuzes der Anna Baar.

Roman.
Göttingen: Wallstein Verlag, 2021.
148 S.; geb.
ISBN 978-3-8353-3947-7.

Rezension vom 10.06.2021

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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