#Lyrik

Neues von Oswald Egger

Oswald Egger

// Rezension von Evelyn Adunka

Nicht nur die Dinge, auch die Landschaften seien erfunden, erklärt Oswald Egger im Gespräch. Er selbst, 1963 in Südtirol geboren und seit einigen Jahren in Wien ansässig, sei eigentlich nie bewußt in die Natur hinausgegangen, durch den Wald zu streifen fiele ihm nicht ein. Er denke sich die Landschaft aus und erträume sie; vom Schlafen sei deshalb sehr viel die Rede und übrigens auch vom Beischlaf.
So bringt das lyrische Ich der Geliebten die erträumten Gaben dar: Süßnüsse und Zuckertannen; Krehl-Hacken, Scharr-Karrner und Schleppgatter; Taupelgarn, Riffel und Ritze; Hummelblumen, Liguster und Kieferhonig. Ein barockes Übermaß, welches alles zu überlagern droht und dabei doch Platz läßt für intime Rückzugsrouten, an denen das Wortgeraffel zur Seite geräumt wird und die Sprache vor den Dingen den Schleier vorzieht. „SECRETUM“ hat der Autor einen dieser Orte genannt, dort „mohren wie geode Sippen Drusen von diskreter Stetigkeit.“

Oswald Egger legt sein großes Gedicht in zwei Bänden bei zwei Verlagen vor. Herde der Rede ist soeben in der Edition Suhrkamp, Der Rede Dreh. Poemanderm Schlaf in der kleinen Zürcher Edition Howeg erschienen. Die beiden Bücher spielen zusammen wie das poetische Programm und seine Durchführung. So wird Der Rede Dreh als Canevas bezeichnet, als ein grobes Untergeflecht, auf dem dann die feingliedrige Stickerei des anderen Bandes aufsetzt. Die Herde der Rede, die sich in alle Richtungen zu zerstreuen droht, hat einen guten Hirten nötig; einen solchen hat Egger in der Figur des Poemander gefunden, dem der erste Teil des Corpus Hermeticum gewidmet ist, jener großen theosophischen Schriftensammlung des 2. nachchristlichen Jahrhunderts.

Das Schreibprojekt Eggers schließt programmatisch an die hermetische Tradition an. Die Dialektik des Zeigens und Verbergens fungiert im Text als innere Dramaturgie, Dinge werden zum Erscheinen und im Erscheinen wieder zum Verschwinden gebracht. Daß der Autor mit manch einem seiner Begriffe (wie dem „Geraum“, in dem sich Zeit und Raum mischen) ins Fahrwasser der Heideggerschen Sprache gerät, stört ihn nicht. Schließlich habe er keine Zeile des Philosophen gelesen, außerdem handle es sich bei seiner Dichtung eben um Egger und nicht um Heidegger.
Solch bauern- (oder: hirten-)schlauer Witz ist in dem poetischen Text punktuell eingesetzt, Ironie dagegen ist dem Megapoem fremd. Auch die wenigen lustigen Gestalten werden hier sehr, sehr ernst genommen, wie etwa das Ungeheuer aus dem Höllenkapitel „der rede interieur“ (im Suhrkamp-Band). Das arme Monster, das da inmitten des „Ungrunds“ steht, gibt sich „entzweit“ und „zermorscht“ als Mahnmal der Tortur zu erkennen, es vermittelt den Eindruck eines „eingetretenes Tores“ zu einer anderen Welt.

Um der Herde der Rede Herr zu werden, hat Egger seine Sprache in Neunzeiler gestanzt – so wie man einen Teig aussticht, um Kekse zu backen. Mehr als 1800 Strophen hat der Autor in den beiden Bänden zusammengetragen, jede Buchseite ist zudem von einem Trennstrich durchzogen, der eine zusätzliche Parallelführung herstellt. Auch mit hermetischen Konstruktionsmustern spart der Autor nicht: Der Suhrkamp-Band ist mit kleinen Emblemen ausgestattet, die auf den Wechsel der Beschreibungsebenen hinweisen; Der Rede Dreh folgt einem mathematischen Alogorithmus und ist wie ein ineinander verflochtenes Seil gebaut.
Die Figur des Oknos, die eine ähnliche Schnur knüpft, führt Egger als eine seiner wichtigsten Quellen an; in ihr begegnet uns eine wenig bekannte Variante des Sisyphus-Mythos. Oknos sitzt am Rande der Hölle inmitten eines Schilfwaldes und dreht aus dem Gewächs ein Seil, das am anderen Ende von einem Esel gefressen wird – ein Bild, das an die Arbeit des Schriftsteller denken läßt, außerdem weist auch die Etymologie des Wortes „Autor“ auf Oknos hin. An einer Stelle des Gedichts wird dann aber doch mit dem gefräßigen Vieh Schluß gemacht: „Hier ruht“, so heißt es in der gebotenen Kürze, “ – asinus – ein Esel.“

Den ursprünglichen Schreibantrieb hat der Autor einer anderen Quelle entnommen. Es war ein Zyklus von zwölf Monatsbildern, den er literarisch illustrieren wollte, eine neue Georgica sollte das Langgedicht werden, ein Lehrbuch der Jahreszeit. Ein Hausbuch ist Herde der Rede trotz der anderen, hermetisch-erotischen Richtung, die es genommen hat, geblieben. Gerne stellt Egger sich vor, daß man das Buch in der Stube liegen hat und bei Gelegenheit einen Blick hinein wirft, um sich in einem der geschilderten Räume umzusehen oder sich darin vielleicht sogar ein klein bißchen zu verlieren.

Die beste Zugangsmöglichkeit zur Textlandschaft bietet sich ohne Zweifel in den Lesungen des Autors. Die Buchvorlage dient hierbei über Strecken nur mehr als grobes Raster, Egger improvisiert über den Text und ist auch dort, wo er ihn wortwörtlich liest, ganz im Jetzt präsent. Er schafft dabei eine ungemein dichte Atmosphäre, der sich kaum jemand entziehen kann.
Vollends tritt in den Lesungen die eigentliche Qualität der Eggerschen Dichtung zu Tage, nämlich sich Sanftmut zu erhalten, ohne intellektuelle Schärfe zu verlieren. Zu Zeiten, da Poeten zu Marktschreiern ihrer selbst geworden sind, fällt diese Eigenschaft umso stärker ins Gewicht. Das Werk Eggers setzt leise um, was andere lautstark von sich behaupten, die Herde der Rede legt die Wurzeln der Dichtkunst bloß und eröffnet einen neuen poetischen Raum.

Mit polemischen Tönen gegen unrein dichtende oder übersetzende Zeitgenossen hält der Autor zurück. Gegen Ende unseres Gespräches fällt ihm aber auch zu dieser Sache das passendes Bildnis ein: Während andere mit ihren smarten Brettern im Hafen surfen, fährt er mit vollen Segeln ins offene Meer hinaus.

Oswald Egger Herde der Rede
Poem.
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1999.
301 S.; brosch.
ISBN 3-518-12109-X.

Oswald Egger Der Rede Dreh
Poemanderm Schlaf.
Zürich: Edition Howeg, 1999.
307 S.; brosch.
‎ ISBN  978-3857361937.

Rezension vom 31.08.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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