Sowohl Sofie Morin als auch Ulrike Titelbach arbeiten literarisch und wissenschaftlich, was in ihren Texten spürbar ist – Morin hat „Studienabschlüsse in tierischer Verhaltensforschung und menschlicher Philosophie“, Titelbach ist promovierte Germanistin. Für ihre literarische Arbeit wurden beide ausgezeichnet.
Die Erzählperspektive in Nachtschatten im Frauenhaarmoos variiert. Es gibt ein „Du“, das häufig die genannte Pflanze anspricht, ein „Wir“, ab und an ein „Ich“. Das Selbst – egal in welcher Form – wird reflektiert. Jeder Pflanze ist ein Kapitel gewidmet, das mit dem botanischen Namen (auf Latein) beginnt, gefolgt von der deutschen Betitelung. Durch die Namensnennung unter jedem Absatz – Ulrike und Sofie in hellgrau – wird die Autorinnenschaft klar dargelegt. Die Dialoge selbst sind sorgfältig ausgeformt, assoziativ, vergeistigt und abstrakt, beziehen sich auf Gesehenes, Erinnertes, Fabuliertes, Erdachtes.
„Die Erinnerung ist jetzt ein zeitverbeultes Kinderkleid. Kein Foto bannt sie. […] Der Rausch des Glaubens steht in voller Blüte!“ (S. 33)
Morin und Titelbach legen abwechselnd, in kurzen Versatzstücken, Gedanken, Reflexionen und Poetisches dar, häufig in erzählender Form, von Lyrik durchbrochen. Diese Verknappung und Variation macht die Lektüre frisch und lässt die Lesenden immer wieder aufs Neue eintauchen. Die Sprache des Bandes ist informativ und dicht, der Inhalt bleibt häufig geheimnisvoll, ist nicht immer nachvollziehbar.
Mäandernde Miniaturen
Inhaltlich widmen sich Morin und Titelbach dem Ungesehenen, den Dingen, die unter der Oberfläche von Bildern, Erinnerungen, Worten und Sprache geschehen, warten und lauern. Die besprochenen Pflanzen werden personifiziert, entlang ihrer Wurzeln, Blätter und Blüten verknüpfen, denken, spielen, prüfen die Autorinnen Sprache, Sprichwörter und Gedanken. Ihre Miniaturen mäandern zwischen Stängeln und Stempeln. Die Befassung mit den Pflanzen scheint willkürlich geschehen zu sein – ein strengeres Konzept in der Strukturierung hätte mehr Klarheit darüber geschaffen, welche der Autorinnen wann spricht und aus welchem Grund.
In dem schmalen Band finden sich zahlreiche Verweise, etwa auf Autor:innen wie Herta Müller (S. 12), Bands wie Depeche Mode (S. 13), aber auch auf die Antike (Helena (S. 27), Kalliope und Kallisto (S. 39), Odysseus (S. 69), Philemon und Baucis (S. 69)), einen österreichischen Kaiser (S. 45) oder den japanischen Dichter Matsuo Bashō (S. 68).
Die Autorinnen reisen zurück in Kindheiten, lassen das lyrische Ich eine Zukunft als Großmutter erleben, beschwören Katzen und den weiblichen Unterleib, Raben und Raunächte (S. 27), bitten eine Schlange um Richtungsweisung (S. 26) und geben Handlungsanweisungen in Form von Pentagrammlegungen (S. 22). Stets meint man, auf der nächsten Seite Virginia Woolf, die Brontë-Schwestern oder Morgan le Fey zu treffen.
„Über die grünen Pölster streift ein dunkler Wind. Der weiß noch um die alte Sprache“ (S. 86)
Der Assoziation sind keine Grenzen gesetzt. Man reist an der Hand der Autorinnen durch die Zeit und die Wälder, ins Erdreich und in den Himmel. In diesem Zwischenreich des Spürens, Tastens, Suchens und Raunens stellen die Autorinnen klar, dass sie sich der Vagheit ihrer Dialoge durchaus bewusst sind: „die Poesie glaubt alles / nur nicht die Ahnung / die weiß sie“ (S. 35).
Das Buch selbst, in der Edition Melos erschienen, ist hochwertig gestaltet, hat mit dem Gemälde Flora des italienischen Renaissance-Malers Bartolomeo Veneto (1520) ein stimmiges und attraktives Cover. Im Inneren lässt viel Weißraum Platz zum Denken.
Nachtschatten im Frauenhaarmoos. Phytopoetische Dialoge ist ein Buch für Pflanzenliebhaber:innen und solche, die es noch werden wollen. Seine mäandernde Sprache nimmt Leser:innen mit auf eine Reise in animierte magische Welten, die weite Denkräume eröffnen:
„Die Fragen, die mir das Welken stellt, sind nie dieselben.“ (S. 42)
Marianne Jungmaier, studierte Digitales Fernsehen, Medien und Kulturwissenschaften (B.A.) und Journalismus (M.A.). Veröffentlicht Prosa und Lyrik, zuletzt den Gedichtband Gesang eines womöglich ausgestorbenen Wesens (Otto Müller, 2024). Homepage von Marianne Jungmaier
