#Roman

Nachspiel

Helwig Brunner

// Rezension von Christine Schranz

Nach seinem Prosadebüt „Rattengift“ wagt sich Helwig Brunner erstmals an einen Roman. Nachspiel ist ein Anti-Kriminalroman, bestehend aus fünf Monologen, die sich um das Geschehen in einer lukrativen Privatklinik ranken und dabei ein Netz aus Intrigen und Korruption entwirren.

Nacheinander wird der Leser mit den Gedanken der fünf Charaktere konfrontiert. Erst lernt er Georg kennen, einen von Selbstzweifeln und Eifersucht geplagten Ehemann und Anwalt in seiner eigenen Kanzlei, die er nie haben wollte. Danach wird Matthias, ein junger behinderter Hilfsgärtner, der sich im Rahmen eines Integrationsprojekts gegen den Willen des Leiters Mark um die Pflege des weitläufigen Parks der Privatklinik kümmert, vorgestellt. Matthias hat Schwierigkeiten, sich auszudrücken, denkt sich aber doch seinen Teil zu allem und kombiniert, was er sieht und hört. Die Symptome seiner Behinderung, seine Beobachtungsgabe und der Wunsch, den vermuteten Kriminalfall aufzuklären, erinnern ein wenig an Mark Haddons Bestseller „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“. Im nächsten Monolog begegnet der Leser Marianne, der bodenständigen Köchin der Klinik. Die Rolle der ersten drei Charaktere beschränkt sich aufs Beobachten der Fädenzieher; sie selbst bleiben im Hintergrund und setzen mit ihre Handlungen eher Reaktionen als bewusste Aktionen.

Mark und Ruth, die in den letzten beiden Monologen zu Wort kommen, verkörpern eine gänzlich andere Art Mensch – sie sind Machtmenschen, ehrgeizig und erfolgreich. Während Mark, Urologe und Besitzer der Klinik, hauptsächlich von Profitgier und Korruption beherrscht wird, ist die treibende Kraft hinter Ruths Erfolg, die sich unter einer undurchschaubaren Maske verbirgt, eine tief sitzende, unüberwindbare Unsicherheit sich selbst und der Zukunft gegenüber: „Ich hatte keine Absichten, keine Ahnungen, wusste nicht, wonach ich suchte, und glaubte doch jedes Mal bereitwillig, es vielleicht gefunden zu haben; […]“ (S. 127).

Der Roman liest sich leicht, ist auf den ersten Blick, im Gegensatz zum an literarischen Kniffen reichen „Rattengift“, eher in die Gattung des Trivialromans einzuordnen. Von Anfang bis Ende wird Spannug aufrechterhaten durch die Erwartung, dass endlich ein Verbrechen aus den Kellern der Klinik nach oben dränge – dies wird immer wieder angedeutet und von Matthias, dem Gärtner, sogar ganz deutlich ausgesprochen: „Also ich glaube, die Frau Doktor Ruth und der Herr Dozent machen ihre Versuche nicht nur mit Ratten, sondern auch mit Männern. […] Und natürlich ist das verboten, das Yohimbin einfach so an Männern auszuprobieren und zu schauen, ob sie dabei sterben oder nicht.“ (S. 63 f)
Erst kurz vor dem Ende wird klar, dass es kein Verbrechen im eigentlichen Sinne gibt. Stattdessen – und hier setzt die zweite Dimension des Romans, die ihn zu einer Sozialstudie im Kleinen werden lässt, ein – finden Handlungen am Rande der Legalität, Skrupellosigkeit, sexuelle Gewalt und Manipulation an Forschungsergebnissen hinter den Mauern der Privatklinik statt. Ruth wird zur Marionette ihres Geldgebers, einer Pharmafirma, die ein neues Potenzmittel auf den Markt bringen will, indem sie durch bewusste Wahl der falschen Tests die Ergebnisse der Rattenversuche so ausfallen lässt, wie der Geldgeber sie wünscht. Sie betrügt Georg, ihren Mann, ohne zu wissen, was sie eigentlich will, und ist unfähig, durch Aussprache Erlösung zu finden. Aus Rache und Hilflosigkeit tut dieser es ihr gleich, was zu einem Herzinfarkt mit Endstation in der Klinik führt.

Mark, Leiter der Privatklinik und Konkurrent Georgs um Ruth, hat einen siebten Sinn für Geschäfte; Erfolg und Geld haben für ihn höchsten Stellwert. Seine Männlichkeit und Macht beweist er sich selbst durch Affären mit diversen Krankenschwestern und Ruth, wobei er auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Dennoch ist er stets davon überzeugt, jeder genau das zu geben, was sie heimlich wünscht: „Ich sei ein Machtmensch, warf Ruth mir schon früher immer vor, als rücksichtslosen Macho beschimpfte sie mich, als Schwanzhelden, als Unterleibsterroristen […]. Doch so sehr sie auch geschimpft hat, ist es doch genau diese Macht, was sie nach wie vor zu mir hinzieht […]“ (S. 114).

Zum einen liegt mit Nachspiel ein Unterhaltungsroman vor, zum anderen eine Gesellschaftsstudie, die sich vom abgeschlossenen System der Klinik auch auf die Gesellschaft im Großen umlegen lässt und ein vom Streben nach Macht und Geld, von Lügen und Korruption, aber auch von Unsicherheit gekennzeichnetes Leben darstellt. In den einzelnen Monologen werden die Motivationen und Hintergründe aufgedeckt, die die Charaktere zu dem gemacht haben, was sie sind – der jeweilige Sprachstil transportiert dabei auch den sozialen Status und die Denkweise der Figuren.

Leichtes Lesevergnügen mit einem Roman, der durch gekonnt-trivialen Stil Authentizität gewinnt und zeigt, dass die wirklichen Verbrechen nicht mit Mord und Totschlag zu tun haben, sondern täglich unbemerkt und leise am Arbeitsplatz und in den eigenen vier Wänden stattfinden.

Helwig Brunner Nachspiel
Roman in fünf Monologen.
Klagenfurt, Wien: Kitab, 2006.
158 S.; geb.
ISBN 3-902005-7-18.

Rezension vom 01.08.2006

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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