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mr. elk und mr. seal

Fritz Widhalm

// Rezension von Petra Nachbaur

Aus einem Homograph hat Fritz Widhalm sein neues Buch abgeleitet: Wie eine Band zum Band wird, führt er in seiner jüngsten bei „Blattwerk“ erschienenen Publikation vor, und nach Anna und Franz und Böselkraut und Ferdinand belebt damit ein weiteres Pärchen die neueste österreichische Gegenwartsliteratur im Spannungsfeld von hochgradiger Reflexion und lustbetontem Sprachklamauk.

mr. elk & mr. seal nennt sich der neueste Band von Herrn Widhalm, der bereits im Titel auf den Kontext verweist, in dem die Publikation anzusiedeln ist, was auch die Widmungen in Teil 1 verdeutlichen: Laura Palmer, Jad Fair und Jeff Levine, Schöpfer unvergleichlicher flächiger Schwarzweißgestalten zwischen Bürotrott, Kabelfernsehen und Kurzzeitexzessen, stehen Pate für eine Welt von Popkultur zwischen Kitsch und Subversion. Und die ironische Geste, auch mr. elk & mr. seal im „realen“ Kontext von Song, Produktion und Vertrieb in die Dedications mit einzubeziehen, verweist auf die grenzenlosen Ausweitungsmöglichkeiten der Verschachtelung.

So wie – real – der „Warm up-Song“ der Band das klassische unisono Einsingen elegant ausführt und parodiert, so schreiben und schrauben sich Widhalms Textknechte quasi chromatisch hinauf in die Höhen und zurück in die Tiefen von Text- und sonstigem Begehren. Daß „Aufwärmen“ eine anzügliche Nebenbedeutung haben kann, wird niemanden wundern, der je Widhalm gelesen hat.

„mein mr. elk“ lautet der Titel des von „mr. seal“ verfaßten Anteils, einer kalenderartigen Aneinanderreihung von datierten und mit minutengenauer Uhrzeit versehenen Kurzsequenzen. „Geheime Tagebücher“ gibt es von Ludwig Wittgenstein ebenso wie von Samuel Pepys; die öffentliche Zurschaustellung des zugleich deklariert Versteckten und Verbotenen verheißt auch „Das geheime Tagebuch der Laura Palmer“, was wiederum den Bogen zu den Widmungen schließt. „mr. elk“ selbst steuert schließlich den Gedichtband „bleistift und notdurft“ zum von Widhalm quasi herausgegebenen Sampler bei.

Zwischen sexuellen Obsessionen, Neurosen und „rohmantik“ (S. 52) oszilliert das Verhältnis der beiden Partner. „mr. elk“ scheint der Bedeutende der beiden zu sein, „mr. seal“ immerhin eine Art Muse oder „Genius“, wie das männliche Pendant nach Meret Oppenheim lautet. „mr. elk“ schreibt Gedichte, während „mr. seal“, eine parodistische, aktiviert aktive Drag-Variante von Alice B. Toklas, Gefährte und Chronist, in seinen Aufzeichnungen über „seinen mr. elk“ nachdenkt, von ihm erzählt, ihn zitiert und seine Metaebenen reflektiert. Dazu paßt auch, daß „mr. seal“ seinen Text allen möglichen Heroes der Popkultur widmet, während „mr. elk“ seinen Gedichten schlicht und vornehm ein Altenberg-Zitat voranstellt.

„mr. seal“s Beitrag zum Band, dessen Umschlag das Herz jedes Farbtherapeuten höher schlagen lassen wird, ist der offenere, freiere, weniger literarisierte Text mit einer guten Portion narrativer Croutons. „mr. elk“s Gedichte, in denen sich schon einmal „soso“ auf „popo“ reimt (S. 90), zeichnen sich aus durch eigenwilligen Umgang mit Zeilenbruch und Tabulator und das Anschreiben gegen eine „verschüttete umgangssprache“. „diese gesellschaft muß neu / beginnen während ich sex habe“ (S. 101) lauten die letzten beiden Zeilen im vorletzten Gedicht des Zyklus, und es bleibt offen, in welcher Rolle und Funktion das Wort „während“ steht.

Kühn und doch subtil in der poetologischen Äußerung – Konjunktiv der indirekten Rede oder Postulat? – wird in „bleistift und notdurft“ die Beziehung von Tabu- und Grenzverletzung auf der einen, Authentizität auf der anderen Seite umrissen. „(auf allen vieren erst sei eine sprache eine sprache)“ (S. 124), wird in Klammern befunden. Interpunktion und Syntax werden aufgeladen zum sexuellen Inventar, die Unterwerfung unter Regeln der Grammatik wird zur masochistischen Auslieferung an eine symbolische Ordnung. Fritz Widhalm, mr. elk & mr. seal sind ein Trio Infernal, das sich fürwahr gewaschen hat.

mr. elk und mr. seal.
Linz, Wien: Blattwerk, 1999.
132 Seiten, broschiert.
ISBN 3-901445-25-0.

Rezension vom 28.05.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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