#Roman

Monden. Der Wellen Schatten

Leopold Federmair

// Rezension von Spunk Seipel

Eine unglaubliche, doch wahre Geschichte beschreibt Leopold Federmair in seinem neuesten Roman. Eine obdachlose Frau schleicht sich in das Haus eines alleinstehenden Mannes und lebt dort wochenlang versteckt in einem Wandschrank. Schließlich nähern sich beide an, werden ein Paar und zeugen ein Kind. Dennoch reden sie nicht miteinander. Nachdem sich die Frau aus diesem selbstgewähltem Gefängnis befreit hat, arbeitet sie als Krankenschwester und berichtet ihre Erlebnisse einem ihrer Patienten, einem rekonvaleszenten Schriftsteller, auf dessen iPod.
Eine Geschichte, wie gemacht für reißerische Medien, die sich gerne ins Spekulative begeben. Aber Federmaier erliegt dem Reiz der Sensation nicht. Vielmehr versucht er mit einer metaphernreichen Sprache die Psyche der Frau nachzuerleben.

Der Leser erfährt nur bruchstückhaft, was die Romanheldin antreibt. Sie lebt zuerst in den Wäldern und als der Winter naht, schleicht sie sich in einer anonymen Vorstadtsiedlung in ein Haus, um dort in einem engen Versteck zu überwintern. Die Siedlung wird zu einen Synonym für die Sprachlosigkeit dieser Welt. Nachbarn beäugen einander hinter Vorhängen oder ignorieren einander. So funktioniert die Außenwelt wie das Innenleben des Hauses, wo der Besitzer schnell bemerkt, dass jemand im Haus lebt, es aber auch akzeptiert, dass die Überwachungskameras abgedeckt wurden. Die Hauptsache scheint zu sein, dass niemand mit dem anderen redet.
Die Freiheit, die vor den Türen beginnt, nutzt ebenfalls niemand. Die Amsel, die lieber im Käfig lebt als zu ihren Artgenossen auszubrechen, ist ein wunderbares Bild für die Menschen in dieser Geschichte.
Bedingt durch diese Kommunikationslosigkeit und durch die Erzählform, das Sprechen auf den iPod eines schlafenden Patienten, fehlen Dialoge in diesem Buch völlig. Ausnahmslos wird aus der verwirrenden Sicht der weiblichen Figur berichtet.

Da ist die langsam vergehende Zeit im selbstgewählten Gefängnis. Die Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit. Die Angst sich zu verraten. Die immer stärkere Einengung der Welt auf immer kleineren Raum. Die Frau erlebt dadurch die Welt fast wie ein kleines Kind. Nebensächliches und Alltägliches werden zu etwas, das ausführlich beschrieben und neu erfahren wird. Je blumiger, bildnisreicher die Sprache, um so mehr wird die psychische Verfassung der Frau deutlich.
Manchmal gelingen Federmair wunderbare Bilder. Leider schießt er aber auch oft über das Ziel hinaus. So beschreibt die Frau zum Beispiel ihren früheren Liebhaber mit folgenden Worten: „Bei Joe war es immer ein Fest, wenn er die Mundwinkel und andere Falten hochzog wie ein Schiff, wie die Segel auf einem Schiff, in die der Wind blasen wird.“ (S. 217).

Federmair macht es mit dieser bildgewaltigen Sprache dem Leser nicht immer leicht, dem Text zu folgen. Zumal er an den Hauptteil noch 116 Seiten mit Auszügen aus den Notizbüchern der Frau anhängt. Auch sie führen nicht wirklich zu einer Klärung der Umstände.
Aber die Herausforderung des Lesens lohnt sich, denn man kann tief in eine Welt eintauchen, die einem sonst verschlossen bliebe. Nicht die Sensationen, sondern die Menschen sind es, die Federmaier faszinieren und die er uns so nahe bringt, dass es manchmal unangenehm werden kann.

Leopold Federmair Monden. Der Wellen Schatten
Roman.
Salzburg: Otto Müller, 2017.
444 S.; geb.
ISBN 9783701312559.

Rezension vom 29.08.2017

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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