#Roman

Mon Chéri und unsere demolierten Seelen

Verena Roßbacher

// Rezension von Daniela Chana

Eine liebenswerte, tollpatschige Antiheldin und eine rührende Geschichte sind die Zutaten vieler romantic comedies. Verena Roßbacher zeigt in ihrem neuen Roman Mon Chéri und unsere demolierten Seelen, dass es möglich ist, abseits der Genreliteratur daraus etwas ganz Eigenes, Unverwechselbares zu schaffen, das in Erinnerung bleibt.

Charly Benz ist 43 Jahre alt, hat zahlreiche humanistische Studien abgebrochen und arbeitet ohne Ehrgeiz im Marketing einer veganen Müsliriegelfirma in Berlin. Sie findet sich selbst unattraktiv, ernährt sich exzessiv von Süßigkeiten, deren Werbeslogans ein schönes Leben versprechen, trinkt zu viel Alkohol und Kaffee, raucht Kette, hat (fast) keine Freunde und war bei der Partnersuche noch nie erfolgreich. Ihre Feierabende und Wochenenden verbringt sie allein mit ihren Ängsten und inneren Konflikten. Da sie panische Angst davor hat, ihre Post zu öffnen, hat sie einen älteren Herrn engagiert, Herrn Schabowski, dem sie monatlich 89,90 Euro bezahlt, damit er sich um alle ihre behördlichen Schreiben kümmert.

Als Herr Schabowski eine tödliche Diagnose erhält, schließen die beiden einen Pakt: Sie versprechen einander, sich ihren jeweiligen Problemen zu stellen, solange auch der jeweils andere dies tut. Fortan werden beide einander gegenseitig zur Stütze und probieren in einer humorvollen tour de farce wahllos Lebenshilferatgeber und Esoterikseminare durch. Dies löst mehrere skurrile Dominoeffekte aus, sodass sich Charly Benz plötzlich ganz neuen Herausforderungen gegenübersieht: drei unterschiedlich motivierten Liebhabern, einer Schwangerschaft und einem geerbten Hotel in Bad Gastein.

In der Art, wie die Protagonistin unperfekt und schlecht organisiert durch ihren Alltag stolpert, erinnert sie an die typischen Heldinnen des sogenannten chick lit-Genres: Ihr Charme und das Identifikationsangebot für die Leserschaft entstehen gerade durch eine vehemente Betonung ihrer Schwächen. Es vergeht kaum eine Seite, auf der Charly Benz nicht wortreich ihre angeblichen Mängel beklagt, sich über ihre schlaksigen Bewegungen, ihre ungünstigen Proportionen, ihre dünnen Haare, ihr ungeschicktes Verhalten beschwert. Die gehäuften Selbstbezichtigungen sind so exzessiv, dass man sich stellenweise fragen könnte, ob man es vielleicht mit einer unzuverlässigen Erzählerin zu tun hat: Kann denn ein einzelner Mensch in seinem Leben wirklich in so viele Fettnäpfchen treten und in so vielen Bereichen benachteiligt sein?

Trotz allem ist Charly Benz ein Wunder an guter Laune. Schwungvoll und im Plauderton erzählt die Ich-Figur ihre Geschichte, und tatsächlich sind viele Pointen so gelungen, dass man beim Lesen immer wieder laut lachen muss. Gerne greift Roßbacher dabei auf Berliner Slang-Ausdrücke zurück, die für österreichische LeserInnen stellenweise etwas ungewohnt klingen könnten, etwa wenn die Protagonistin darüber nachdenkt, was ihrem Gegenüber „die Petersilie verhagelte“ oder wenn sie feststellt, dass die Praktikanten „alle einen an der Murmel“ hatten oder moniert, dass Franz Kafka eine „traurige Socke“ war. Als Kontrast hätte es eventuell gutgetan, zwischendurch mehr ruhige Momente einzubauen, in denen das Publikum Gelegenheit bekommt, die Protagonistin ernster und leiser zu erleben, um ihr noch näher zu kommen.

Spannung erzeugt Roßbacher durch ein gekonntes Spiel mit Andeutungen und Vorgriffen. So setzt die Ich-Erzählerin gerne ironische Cliffhanger durch die Ankündigung, dass ein bestimmtes Thema so peinlich sei, dass sie niemals im Leben darüber sprechen werde – zum Beispiel Sex oder die Ergebnisse ihrer Systemischen Familienaufstellung –, um dann in einem späteren Kapitel schließlich doch genau diese Punkte abzuarbeiten. Generell lebt der Erzählstil von treffend gesetzten Überraschungseffekten, die das enttäuschte Lebensgefühl der Protagonistin illustrieren, etwa wenn sie hochmotiviert auf dem Fahrrad losfährt und dann feststellt: „Als ich am Tiergarten angekommen war, wusste ich wieder, warum ich seit Wochen nicht mehr Fahrrad fuhr, es war nämlich kaputt.“ (S. 50)

Elegant baut Roßbacher zahlreiche Referenzen zur Populärkultur ein – passend zum Beruf der Protagonistin dient vor allem das Feld der (Fernseh-)Werbung als häufige Bezugsgröße. Liebevoll philosophiert Charly Benz beim obsessiven Genuss von Pralinen und Schokoriegeln über die glücksverheißenden Spots, mit denen diese angepriesen werden. Werbung vermittelt typischer Weise ein falsches Bild der Realität, und genau darin ist die Protagonistin immer wieder gefangen: Sie leidet unter den Idealvorstellungen aus den Medien, die sie im realen Leben nicht erfüllen kann. Somit stellt die Negativ-Werbung, welche sie für sich selbst die ganze Zeit macht, einen charmanten Kontrapunkt zu ihrem Beruf dar und verweist auf das Gefühl der Desillusionierung, das sich als Motiv durch den gesamten Roman zieht.

Roßbacher vollbringt das Kunststück, nicht nur lustig zu sein, sondern das Publikum auch emotional anzusprechen. Viele Szenen berühren durch eine fatalistische Lebensphilosophie, etwa wenn Charly Benz ihre drei Liebhaber zu sich in die Wohnung einlädt, um ein ernstes Gespräch zu führen, sich dann aber nicht traut, ihre Probleme anzusprechen, und am Ende alle einen entspannten, harmonischen Partyabend miteinander verbringen. Diese lebensnahen, menschlichen Momente sind es, die den Roman durchgehend bereichern und seinen Charme ausmachen.

Verena Roßbacher Mon Chéri und unsere demolierten Seelen
Roman.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2022.
512 S.; geb.
ISBN 978-3-462-00119-8.

Rezension vom 21.03.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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