#Roman

Mitten im Weg.

Irene Prugger

// Rezension von Sigurd Paul Scheichl / Monika Kollmann

Stoff dieses Romans der Tiroler Autorin ist ein „Frauen-Schicksal“: eine alternde Frau mit einer als psychosomatisch zu verstehenden Erkrankung blickt, nach einem Selbstmordversuch (der vielleicht doch keiner gewesen ist), zurück: auf das Scheitern der (zumeist von ihr selbst abgebrochenen) Beziehungen zu Männern; auf das vorzeitige Ende ihres beruflichen Ehrgeizes, da sie ihr besonderes Talent wegen der Erziehung ihres Kindes nicht ausbilden zu dürfen glaubt; auf arge Spannungen mit Tochter und Enkelin. Ihre Gegenwart, in der sie auf die bezahlte Hilfe fremder Menschen angewiesen ist, entspricht diesem im Grunde traurigen Leben. Am Ende gibt es nach der Vielzahl von Schicksalsschlägen einen Lichtblick.

Die konsequent mit Rückblenden und Parallelisierungen arbeitende Form baut Spannung auf, hat aber darüber hinaus kaum eine Funktion: sie ist nicht mehr als eine etwas geschicktere, etwas modernere Art, die im Grunde einfache, additiv konstruierte Geschichte zu erzählen, eben ein „Frauen-Schicksal“ – diese Charakterisierung entnehme ich bewußt dem Repertoire der Selbstpräsentationen von Unterhaltungsliteratur, die freilich schlichter zu erzählen pflegt. Mit Unterhaltungsliteratur hat „Mitten im Weg“ nicht nur die einfache Fabel gemeinsam, sondern auch manches Klischee wie den roten BMW Richards (S. 69, 86) oder die Schwierigkeiten mit der größer werdenden Enkelin Inga (S. 70ff.). Das an einigen Stellen, vor allem in den Bemerkungen Agnes‘, der Hauptfigur, über die Mutterrolle (S. 161), erkennbare Element der Selbstkommentierung ist ebenfalls aus der Unterhaltungsliteratur vertraut. Und nicht zuletzt sind alle Konflikte, sind alle Figuren „real“, vollständig durch gesellschaftliche Verhältnisse bedingt und erklärbar. Nur ganz selten wird eine Dimension erahnbar, die über allgemeine Lebenserfahrungen hinaus- und in jene Bereiche hineinreicht, um deretwillen es Literatur gibt.

Der angedeutete Widerspruch zwischen dem Stoff und der gewählten Form wie die Häufung des über die arme Agnes hereinbrechenden Unglücks sind zweifellos erzählerische Schwächen. Andererseits gelingen der Autorin im Detail sehr überzeugende Szenen wie die mit dem Straßenkehrer (S. 87) oder die, auch sprachlich besonders geglückten, Stellen, an denen von der Schneiderarbeit der Hauptfigur gesprochen wird. Einige Nebenfiguren wie der ungezogene Bub René und der etwas rätselhafte Theologiestudent bleiben ebenfalls im Gedächtnis. Vor allem Agnes ist eine berührende Gestalt, an deren Schicksal man Anteil nimmt; ihre Erinnerung an den Selbstmord gehört zu den Szenen, an denen Irene Prugger die Grenzen ihres sonst allzu realistischen Erzählens überschreitet und dem „Frauen-Schicksal“ eine tiefere Dimension gibt.

Die Feststellung der emotionalen (mehr als intellektuellen) Anteilnahme des Lesers an Agnes sollte auch klar machen, daß die Bemerkungen über die Nähe dieses Romans zur Unterhaltungsliteratur keineswegs abwertend gemeint sind.

Roman.
Innsbruck: Haymon, 1997.
183 S.; geb.
ISBN 3-85218-230-1.

Rezension vom 30.06.1998

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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