#Prosa

Misstraut den Floristen

Engelbert Obernosterer

// Rezension von Sabine Schuster

„Das Tal ist still und kräftig – es ist überall schön!“ – so preist die Tourismushomepage des Kärntner Lesachtals das angeblich umweltfreundlichste Tal Europas an. Sommer- und Wintersport, Bauernladen, Natur- und Kräuterwerkstatt, südliche Sonne! Aus dieser Postkartenidylle stammt der Schriftsteller Engelbert Obernosterer, der sich nunmehr seit Jahrzehnten die Freiheit nimmt, das wolkenlose Blau seiner Heimat mit satirischen Wortgewittern zu überziehen.

Damit wird der ehemalige Bergbauernbub aus St. Lorenzen, der seine Schuljahre im kirchlichen Gymnasium Tanzenberg mit einer ganzen Reihe von späteren Künstlern wie Peter Hankde, Florian Lipus oder Valentin Oman teilt, seinem Vornamen Engelbert, „strahlender Engel“, nur entfernt gerecht, beflügelt ihn doch stets die Kehrseite alles Glänzenden. Auch im 2003 erschienenen Miniaturenband „Bodenproben“ bekennt er: „Ich bin ein Jenseitsforscher. Mich interessieren die Dinge jenseits von schön und unschön, das Trübe in den Augen, nicht das kapitale Blau.“ (Bodenproben, S.16)

Im Dezember 2006 feierte der Autor seinen 70. Geburtstag und kurz zuvor ist im Klagenfurter Kitab Verlag sein zwölftes Buch erschienen, der Miniaturenband „Misstraut den Floristen“. Das lustvolle Zerstören der Idylle und des Blumigen paart sich darin mit Nachdenklichkeit, mit sehr feinsinnigen Beobachtungen und stillen Portraits von Menschen und Landschaften. Immer wiederkehrende Themen sind die dörfliche Ordnung, der Katholizismus, Tourismus und Fremdenangst, erotische und eheliche Beziehungen, einfache und hochstehende Personen, Arbeit und Nichtstun sowie zum Ende hin Alter, Krankheit und Tod.

Obernosterer empfängt seine Leser in beiden Miniaturensammlungen mit einem klassischen Auftakt, einem (Selbst)Portrait des Schriftstellers am frühen Morgen, mit dessen Schläfrigkeit und Verdrießlichkeit , bevor Bilder und Gedanken klar aus den sich auflösenden Nebelschlieren hervortreten und ihn aus seinem diffusen Zustand des Nichtstuns erlösen. In den „Bodenproben“ erzählen die ineinander gestauchten Falten des Bettzeugs von einem, der darin unschlüssig „herumkrautert“, nicht recht krank, aber auch nicht gesund, ohne einen Anhaltspunkt zu finden. (Bodenproben, S.5)
„Ein farbloser Morgen“ steht auch am Beginn des neuen Bandes, keineswegs farblos bleibt allerdings dessen Schilderung. Die anfängliche Tristesse im „durch herabhängende Nebel gleichmäßig durchgesiebten Licht“ entwickelt sich zur wohltuenden Bestimmtheit einer Frühstückszeremonie und schließlich zum bilderreichen Disput mit der leinenen Tischdecke, aus der die bäuerlichen Wurzeln des Autors sprechen, und die dem nunmehrigen „Nichtstuer“ zeigt, wer der Herr im Haus ist:
„Vorsicht, nur ja keine Flecken! zetert mir das mit Stickereien eingesäumte Zierstück entgegen, als ich mich ihm mit Kaffee und Marmeladeglas nähere. Weit unten im vorigen Jahrhundert richten sich irgendwelche Bauersleute beim Hanfausraufen auf, langen sich auf die schmerzenden Rücken und fragen mich Nichtstuer mit finsteren, vorwurfsvollen Blicken, ob ich nicht so viel Achtung vor ihrer Arbeit aufbrächte, dass ich die Leinendecke zurückschlagen wollte. (…)
(Ich) frage mich was das wohl für Mächte sind, die das Terrain für sich beanspruchen und sich anschicken, mich mehr und mehr vom Tisch zu verdrängen.“ (Misstraut den Floristen, S.5)

Gemeinsam mit dem Erzähler sitzen wir endlich doch am Schreibtisch und beobachten durchs Fenster seinen Nachbarn, der mit Eifer an einem Haus-Zubau arbeitet, seine Materialien herumschleppt, -schaufelt und -schüttet. Analog dazu steht auch der Schreibarbeiter vor einem Haufen an Rohmaterialien, versucht Eindrücke zu ordnen, allerdings ohne Plan und Ziel. In den Baumkronen, Dachrinnen und verwitterten Farben dort draussen hält er vage Ausschau nach Bausteinen für seine „Architextur“, bis endlich der schlampig fallen gelassene Tretroller eines Kindes seinen Blick ruckartig innehalten lässt. Hier macht er seine Gedanken fest, bald ergibt ein Wort das andere, und „schon ist es ein bisschen wohnlich in dem bescheidenen Wortgehäuse“. (S.6-7)

Obernosterers Texte spiegeln den ländlichen Kontext ihrer Entstehung sehr direkt wider, die Grundspannung zwischen einer stummen, betriebsamen Welt auf der einen und intellektueller Neugier auf der anderen Seite.
Der Autor ist dabei meist in der Rolle des Ich-Erzählers, er erforscht sich selbst ebenso schonungslos wie die Menschen seiner Umgebung, schlüpft dabei geschwind vom eigenen Denken ins andere und wieder zurück, verwischt bisweilen auch die Grenzen. Ländliche Sprachmuster klingen an, der Autor schreibt sich ohne Anbiederung ans Dialektale oder Folkloristische eng an ihnen entlang, reflektiert sie ironisch, wendet und verwandelt einzelne Formulierungen auf überraschende Weise – so etwa im Portrait einer „windischen“ Jungbäuerin, in das der Erzähler anfangs subtil, dann immer offener den geballten Argwohn der einheimischen Nachbarn hineinerzählt:

Tüchtig scheint sie jedenfalls zu sein. Schon in den ersten Wochen nachdem sie eingezogen ist, bringt sie ihren Mann dazu, an der Rückseite des Hauses eine Türe auszubrechen, keinen eigentlichen Ausgang, beileibe nicht, nur eine Vergrößerung des dortigen Fensters nach untenhin, durch die die Frau bei Bedarf rasch einmal hinters Haus gelangen kann. Mit einem ordnungsgemäßen Aus-dem-Haus-Treten hat das natürlich nichts zu tun. Ein solches erfordert ja so viel an Rücksicht auf die Schau- und Denkgewohnheiten der Nachbarn, dass man hier nur aus triftigem Grund aus dem Haus zu treten pflegt: durch das mit Schnitzereien verzierte und mit Schloss, automatischem Lichtmelder und Schuhabstreifer versehene Haustor selbstverständlich. In solchen Fällen ist es für die Umwohner ein Vergnügen zu beobachten, wie passend gekleidet, klug mit Geräten ausgerüstet und gemäßigt in seinen Bewegungen der Hausbewohner sich an eine in die Jahreszeit passende Arbeit begibt. Wer allerdings verliebt und ahnungslos in die Ortschaft hereingeschneit kommt wie unsere Neue, kann noch nicht wissen, wie viele Dinge zu berücksichtigen sind, damit mit dem Verlassen des Hauses nicht mehr als der Raum des Hauses verlassen wird. (…) Durch alle noch so netten Gespräche über Garten, Schneckenplage und Sternzeichen schauen sie durch, ins Windische hinab, von wo die Person ja gekommen ist und wo sie sie wieder hinwünschen. (S.86)

Wortspiele wie jenes über das „Verlassen des Hauses“, die eine kleine Alltagsstudie plötzlich über sich hinauswachsen lassen, sind ein häufiges Stilmittel in Obernosterers Miniaturen. Das anscheinend Banale, Alltägliche öffnet sich für einen Augenblick ins Philosophische, gibt einen Blick in die Weite frei.
Die Sprache bleibt bei aller (auch formalen) Reflexion nah am traditionellen Erzählen, Lautmalereien und Sinnverschiebungen verwendet der Autor sparsam und effizient. Nur in einem kurzen Text scheint die Sprachverliebtheit mit ihm durchzugehen und er lässt die Frauen zur Nachmittagsandacht „hinaufkatholisieren“, während es am Zapfhahn im Bierzelt „flinkhändig gläsert und dirndelt“ und die „Schotterwerkstochter vor den rot unterlaufenen Augen der Biertrinker hin und her schönt“. (S.136)
Dieses plötzliche experimentelle Worttheater wirkt allzu gewollt-originell und man sehnt sich nach der skizzenhaften Leichtigkeit des Erzählens, die Obernosterers kritischer Heimatliteratur ansonsten ihre Stimmigkeit verleiht.

Zum Beispiel in einem kleinen Exkurs am Rande des Friedhofs, dem der aktuelle Band vermutlich seinen Titel verdankt – ein farbiger Assoziationsreigen, ausgelöst durch das Entladen von Hollandblumen aus einem Kastenwagen:
„So unvermischt und gut sortiert sind die hier die einzelnen Facetten des Inneren, so bar jeder Trübung und Abfälschung, wie sie es abseits der Floristenläden nie sein können. Er sieht, hier wird es dem Käufer leicht gemacht, Verehrung, Treue, Anhänglichkeit und dergleichen an den Tag zu legen. Überwältigt von der Vielfalt an möglichen, hier bereits ausformulierten, fein abgestuften Stimmungen steht er vor dem ihn in den Schatten stellenden Spektrum der Möglichkeiten.“ (S.66)
Der offenherzige Handel mit Gefühlsvarianten, der „einfallslose und doch so wirksame Blumentrick“ wird hier ganz nebenbei zum Sinnbild serviler Unverbindlichkeit und fehlender Authentizität.
Verständlich das Misstrauen, das der Autor impulsiv den Floristen entgegenschleudert, das aber jeden treffen kann, mit Vorliebe natürlich Obrigkeiten, die souverän nicht nur Blumen, sondern ein ganzes Arsenal an Symbolen für sich sprechen lassen, makellose Hosen etwa – „Jeder der Verantwortungsfachleute besitzt ein fein abgestuftes Segment an textilen Antworten auf die häufigsten in ihrem Wirkungsbereich aufgworfenen Fragen“, während die Obernostererschen Autorenhosen in ihrer Schlottrigkeit bisweilen als Infragestellung der Obrigkeit aufgefasst werden. Dabei bräuchte ein einfacher Mann für einen tadellosen Auftritt nichts weiter als den „Kärntner“, den „schollebraunen Heimatanzug“, der allerdings auf jede Lebensfrage dieselbe Antwort gibt: „Ich bin ein Kärntner“. (S.134)
Textile Botschaften gibt es sonder Zahl in Obernosterers Texten, nie erstrahlen sie jedoch so klar, nie ist ihre Wirkung so gewiss wie beim Festtagsauftritt der katholischen Kirche : Eines Sonntags liegt ein Teppich auf dem Kies vor dem Kirchenportal, ein leuchtend roter! Er kündet „von der Ankunft dessen, was die Bewohner in ihrem Selbstbewusstsein so sehr vermissen: vom Übersteigenden und Eminenten“. (S.51).

Diese ständig präsente Bildsprache ist ein Stilmerkmal, das sich quer durch Obernosterers Schreiben zieht. Überall dort, wo die Sprache an ihre Grenzen stösst oder ganz fehlt, materialisieren sich Botschaften und Gefühle im Herzeigbaren und Bezifferbaren. Häuser und Autos erzählen vom Wohlergehen oder Niedergang ihrer Besitzer, eine neu installierte Sitzgruppe von einer hoffnungsfroh geschlossenen Ehe, und ein großer Hausputz kündigt den bevorstehenden Tod des Hausherrn an, der beruhigt hört, „wie realistisch seine Frau die Lage einschätzt und alles Nötige in die Wege leitet. Der wird, wenn es soweit ist, keiner etwas nachsagen können.“ (S.156)
Diese nonverbale Kommunikation hat auch sehr berührende Momente, wenn etwa eine alte Frau voller wilder Freude im Feinkostladen einkauft, weil die Tochter aus Schweden zu Besuch kommt: Schlagobers als Attribut der höchsten Feiertage, französische Käsesorten statt dem heimischen Bergkäse, Muskateller Spätlese, und „dass sie sich bei ihrer kleinen Rente für Wildlachs entschließt, ist wie ein Ausrufezeichen hinter den bereits im Korb liegenden, aufgeregt durcheinanderschnatternden Lebensmitteln.“ (S.161)

Das Eingebundensein, manchmal wohl auch Gefangensein im ländlichen Leben, in einem sozialen Beruf und einer großen Familie bringt zwangsläufig eine ganz andere Literatur hervor als die rastlose Welterkundung so mancher Landsleute, die sich mit aller Kraft vom väterlichen Acker frei- und wegschreiben, wie etwa Josef Winkler, der aus seiner Kärntner Heimat hinaus über Wien, Berlin und Rom bis an die Ufer des Ganges gelangt ist, letztendlich aber überall auf der Welt seinem Lebensthema, dem Tod, auf den Fersen bleibt. Engelbert Obernosterer kommt nicht nur aus der „Provinz“, er ist auch dort geblieben und kämpft sozusagen vor Ort, in einem Umfeld, in das die große Weltliteratur nur kleinweise vordringt, gegen das stille Aufgehen in „Gehörigkeiten“. Die dabei entstandenen Betrachtungen sind übrigens, das sollte schon klargeworden sein, auch für Leser jenseits der Kärntner Berge äußerst anregend und unterhaltend.

Engelbert Obernosterers Texte erscheinen seit 2002 in dichter Folge im Kitab Verlag Klagenfurt – die als Werkausgabe angelegte Reihe umfasst bis jetzt die vier Prosabände „Die Mäher und die Grasausreisser“, „Bodenproben“, „Misstraut den Floristen“ und „Grün. Eine Verstrickung“ (Erstausgabe 2001 bei Sisyphus), weiters das Theaterstück „Paolo Santonino“ und den literarisch-fotografischen Band „Mythos Lesachtal“.

Engelbert Obernosterer Misstraut den Floristen
Miniaturen II.
Klagenfurt: kitab, 2006.
166 S.; brosch.
ISBN 3-902005-34-3.

Rezension vom 21.03.2007

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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