#Anthologie

Meine Schreibmaschine und ich

Thomas Glavinic

// Rezension von Sabine E. Dengscherz (Selzer)

Wie kann man sich einen Roman erarbeiten? Welche Prozesse, welche Denkstrukturen, welche Einstellungen und welche Zufälle sind dabei hilfreich – und welche Umstände eher hinderlich? Vor mehr als 20 Jahren stellte der angehende Schriftsteller Thomas Glavinic diese Fragen zehn arrivierteren Kollegen – und heute reflektiert er selbst darüber.

Was ich mag und was ich nicht mag, Was ich denke, Was ich dachte und Was andere denken hat Thomas Glavinic die Poetikvorlesungen übertitelt, die er 2012 an der Universität Bamberg gehalten und nun in überarbeiteter Form in der Edition Akzente des Hanser-Verlags veröffentlicht hat. Meine Schreibmaschine und ich hat Glavinic die gesammelten Texte über seine Beziehung zum Schreiben übertitelt. Der Bogen wird gespannt von einer Selbstverortung über (eher) prozessorientierte Betrachtungen über das Schreiben und (eher) produktorientierte Reflexionen über die bisher entstandenen Romane bis hin zu einem Interview mit einem Kulturjournalisten, das – hoffentlich – als Parodie zu verstehen ist.

Ein wiederkehrendes Motiv ist die Frage, wie wichtig man sich als AutorIn/KünstlerIn nehmen kann/darf/soll … Eine Frage, die auch John Burnside im Vorwort aufwirft (wobei er zu dem Schluss kommt, dass ein Schweigen zuweilen weitaus manierierter sein kann als ein ehrliches Mitteilen). Glavinic eröffnet durch die Einblicke, die er gewährt, bewusst eine neue Ebene auf seine Romane, denn: „Jeder Text ist gefärbt von den persönlichen Erfahrungen seines Verfassers, von seinem Charakter, seinen Interessen, ja seiner augenblicklichen Befindlichkeit.“ (S.88)
Informationen über den Autor sollten mitgeliefert werden, „damit der Leser besser einzuschätzen vermag, was er vom Gelesenen halten darf“ (ebd.). Und so erfahren wir, dass die drei Romane Arbeit der Nacht, Das Leben der Wünsche und Das größere Wunder nicht nur in einem motivischen, sondern auch in einem Entstehenszusammenhang zu sehen sind, der dem Autor selbst auch gar nicht von vornherein klar gewesen sei. (So sei etwa mit der Idee für die Doppelstrangerzählung für das Bergsteigerbuch sein eigenes Verständnis davon gewachsen, „wie stark und in welcher Weise diese drei Bücher miteinander verwoben“ sind. Die weitere Interpretation dieser Querverbindungen überlässt er seinen LeserInnen. Ähnlich wie in seinen Roman, möchte er auch in der Reflexion über sie Eckpunkte und wichtige Stationen aufzeigen, aber nicht alles vorwegnehmen, was sich dazwischen abspielen könnte.)

Relativ detailliert schildert Glavinic seinen (stark ritualisierten) Schreibprozess und die Verwendung verschiedener Medien mit verschiedenen Funktionen von der ersten Idee bis zum fertigen Text – ein schönes Dokument für die Schreibprozessforschung. So ist die erste Phase des Ideen-wachsen-Lassens, das über eine längere Phase zwar großteils im Kopf geschieht, dessen Früchte aber sofort in Form von Notizen den Weg auf Papier oder ins iPhone nehmen (siehe Leseprobe), für Glavinic eine Phase, die auch darin besteht, sich selbst noch zurückzunehmen, die eigene Ungeduld zu zügeln: „Ich beginne erst mit der eigentlichen Arbeit am Text, wenn ich das Gefühl habe, kurz vor dem Explodieren zu stehen“ (S. 54) – und wenn er „innerlich ganz nah an dem dran“ ist, „was auf den ersten 30 Seiten passieren wird“. Wenn es dann soweit ist, folgen mehrwöchige Schreibzyklen auf einer mechanischen Schreibmaschine (Olivetti lettera 32) mit einem fixen Pensum: jeden Tag zwei Seiten, in erzwungener Langsamkeit und Genauigkeit der Formulierung. Der Feierabend kann mitten im Satz eintreten, das hat den Vorteil, dass es den Wiedereinstieg am nächsten Tag erleichtert, der in der Regel auch damit beginnt, dass die zwei Seiten vom Vortrag noch einmal (ebenfalls auf der alten mechanischen Schreibmaschine) abgetippt und dabei gleich überarbeitet werden. Erst die dritte Version wird in den Computer getippt, wo später noch etliche weitere Überarbeitungsdurchgänge folgen.

Die Auseinandersetzung mit den Romanen selbst wird bereits im Vorwort von John Burnside eingeleitet und schließlich von Glavinic im Abschnitt Was ich dachte fortsetzt. Hier erfahren wir einiges über Momente, aus denen Ideen für Romane entsprangen. Das konnte die jahrelange Beschäftigung mit einem Gebiet sein (z.B. die Leidenschaft für das Schachspiel, die zu Carl Haffners Liebe zum Unentschieden führte) oder ein böser Traum (der maßgeblich zum Kameramörder beitrug) oder die Verknüpfung von Alltagsthemen mit der Wahrnehmung eines gewissen Ratgeberliteraturhypes (die Wie man leben soll inspirierte) oder der Blick auf eine nächtlich leere Straße (der eine Vorstellung auslöst, die in Die Arbeit der Nacht mündete) oder gestrichene Stellen aus einem Roman, die dann den Ausgangspunkt für einen anderen bilden können: Die Figur Jonas hatte in Die Arbeit der Nacht zum Teil ein Eigenleben entwickelt, das nicht mehr in diesen Roman passte – aber sich schließlich in Das größere Wunder noch sehr viel üppiger entwickeln konnte.

Glavinic betont in seinen Ausführungen sein Ringen um Ehrlichkeit, etwas, das er schon zu Beginn im Abschnitt Was ich mag und was ich nicht mag als Conditio sine qua non für einen guten Schriftsteller einführt. Was nicht bedeuten soll, dass ein Autor mit seinem Ich-Erzähler gleichzusetzen wäre – es geht vielmehr um eine ehrliche, nichts beschönigende Haltung.
Und diese Ehrlichkeit nimmt man Glavinic auch ab, so etwa wenn er über sein persönliches Verhältnis zu seinen Büchern und das damit zusammenhängende Selbstbild als Autor schreibt, das starken Stimmungsschwankungen unterliegt (die wohl alle kennen, die viel schreiben): ein Auf und Ab zwischen großer Zufriedenheit mit dem Ergebnis und dem stets lauernden Abgrund der Enttäuschung. Ehrlich kommt es auch rüber, wenn Glavinic anmerkt, er möge Menschen, die sich mit seinen Büchern beschäftigen – und ihn als Autor respektvoll behandeln. Der letzte Abschnitt Was andere denken greift diesen Gedanken noch einmal auf – und schildert ein Negativbeispiel: ein schlecht vorbereiteter, uninteressierter, unsensibler Journalist führt ein Interview mit (der Figur?) Glavinic, spricht seinen Namen mehrmals falsch aus (auf verschiedene Arten), verdreht Buchtitel und Inhalte und schwankt in der Tonart zwischen plumpem Angriff und jovialem Schulterklopfen unter vermeintlichen Saufbrüdern. Der Autor versucht dabei verzweifelt, nüchtern und ruhig zu bleiben …

Glavinic meint von seinem Schreiben, wenn er eines könne, dann sei es, einen Bogen zu spannen: „Ich misstraue meiner Disziplin, ich misstraue meinen Ideen, ich misstraue mir, mit dieser einen Ausnahme: Ich kann einen Romanbogen spannen.“ Nun ist Meine Schreibmaschine und ich zwar kein Roman, aber einen Bogen hat Glavinic trotzdem gespannt: nicht nur zwischen den einzelnen Abschnitten des Buches, sondern auch zwischen seinen Romanen – und zwischen seinen Romanen und ihren LeserInnen.

Thomas Glavinic Meine Schreibmaschine und ich
Bamberger Vorlesungen.
Mit einem Vorwort von John Burnside.
München: Hanser, 2014.
115 S.; brosch.
ISBN 978-3-446-24487-0.

Rezension vom 18.03.2014

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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