#Prosa

Meine schönen Grenzen

Stefan David Kaufer

// Rezension von Helmuth Schönauer

Da die Seele ein weites Land ist, sind Erkundungsreisen in ihr immer besonders aufregend. Und wenn das Seelengelände dann noch wüst, zerklüftet und wegelos ist, steht einem Lektüre-Abenteuer nichts mehr im Wege.

Stefan David Kaufer berichtet in seiner Erzählung Meine schönen Grenzen von einem Helden, der vorerst völlig verloren ist. Nach einem Umtrunk mit schwerem Estländischen Likör, wobei verschärfend die obligate mildernde Milch weggelassen worden ist, liegt das angeschlagene Ich gallertig in der Wohnung und kann sich für keinen Aggregatszustand des Bewußtseins entscheiden. Erzähltechnisch hervorragend gelöst ist dieser „Ich-lose“ Zustand des Ich-Erzählers durch den Wechsel der Schriftart. An den Schnittstellen zwischen normal und kursiv kollabiert jeweils die Identität des Erzählers, eine Frage, an sich selbst gerichtet, wird von einer anderen Ich-Hälfte beantwortet oder mit einer Gegenfrage verstärkt. Zusätzlich relativieren Zitate zwischen Anführungszeichen und Gedankensegmente in Klammern den mühsam dechiffrierbaren Erzählstandpunkt, sodaß der Leser eine Weile braucht, um sich in dieser mehrdimensionalen Bewußtseinslandschaft zurechtzufinden.

Aber bald lassen sich die wichtigsten Dinge soweit erkennen, daß man seine Leseerfahrungen festmachen kann.
Das geschundene „Erzählbündel“ ist von der Geliebten verlassen worden. Diese Tatsache wird in Klammern erzählt. „(Sie hat ihn verlassen).“
(S. 34) Der Held wagt sich mit einem irreal-rosa Regenschirm ins Freie, leidet an einem „dummen Loch“ im Schritt und entwirft im Spaziergang eine Seelandschaft mit Gegenhelden. Der Schreckliche Sven und der Kühne Kosak kämpfen um seine Ex-Geliebte, wobei diese Schlacht mit Gummischwertern durchaus den Gesetzmäßigkeiten des Comic folgt: „Hmpf! Argh!“ (S. 45)
Wut und Schadenfreude führen zu recht imposanten Trotzhandlungen, etwa zur Behauptung, daß Frauen zwar länger leben, Männer aber – durch den Geschlechterkampf bedingt – ihr Dasein intensiver erleben.

Der Leidende zieht ununterbrochen Grenzen, um sich durch Abgrenzungen zu definieren. Nicht umsonst sind der Erzählung drei Zitate über das Inselleben, den Solipsismus und den Gebrauch einer Privatsprache vorangestellt.
Stefan David Kaufers Erzählung über das Leiden an verschmähter Liebe in den eigenen vier Wänden geht nie in Jammern über. Da schützt schon die feine Ironie davor, etwa wenn das Essen in Maßen mit dem Maßhalten der Helden Dostojewskis verglichen wird, oder die Eroberung eines Herzens direkt in die Eroberung Belgiens durch Gottfried Benn mündet. Die literarischen Figuren bewegen sich so realistisch auf dem Parkett, daß man als Held oder Leser jederzeit mit ihren kommunizieren kann.

„Es gibt keine Grenzen, aber man kann welche ziehen“, heißt es bei Wittgenstein. Stefan David Kaufer hat mit seiner Erzählung schöne, sinnstiftende Grenzen zwischen der Innen- und Außenwelt des Erzählbaren gezogen.

Stefan David Kaufer Meine schönen Grenzen
Eine Erzählung.
Innsbruck: Edition Löwenzahn, 1999.
94 S.; brosch.
ISBN 3-7066-2192-4.

Rezension vom 24.06.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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