Clemens J. Setz gehört mit 26 Einzelpublikationen seit dem Jahr 2007 zu den produktivsten heimischen Autoren der jüngeren Generation – und mit 25 Auszeichnungen gleichzeitig auch zu den am meisten und am lukrativsten prämierten. Zuletzt erhielt er 2020 den Kleist-Preis und 2021 den Büchner-Preis sowie im August dieses Jahres den Großen Österreichischen Staatspreis. Und das, obwohl er sich nicht um die Regeln schert, die Literaturschulen und Verlage derzeit als Voraussetzung für Erfolg ansehen: Primat der Handlung, durchgehende Verständlichkeit und am besten noch eine moralisch aufbauende Botschaft.
Nach allein vier Publikationen im Jahr 2025 – einem Theaterstück, einem Kinderbuch, einem Hundertseiter über Rainer Maria Rilke und den autobiografischen Aufzeichnungen Das Buch zum Film – folgt nun ein weiterer, der insgesamt dritte Erzählband unter dem Titel Mein Leben als Noiseband.
In einem Sommergespräch auf Radio Ö1 am 23. August 2026 mit Zita Bereuter wollte Setz noch nichts über sein neues Buch verraten, damit sich seine Leser:innen ein eigenes Bild machen könnten. Aber er gab sein Kompositionsprinzip preis, das auch Bestsellerautor Daniel Kehlmann einmal empfohlen hat: wie bei Zaubertricks zuerst die zweitbeste Geschichte zu bringen und am Schluss die beste.
Wahrnehmungen des Lärms der Welt
Die 19 Erzählungen unter dem Titel Mein Leben als Noiseband sind von drei Zeilen bis zu rund hundert Seiten lang. Noise ist eine Musikrichtung, die sich seit den 1970er Jahren von gewohnten Elementen wie Melodie, Rhythmus und generell von Struktur abgewandt hat, um an die Grenzen des Hörbaren und und Erträglichen zu gehen – sprich mächtig „Krach“ zu machen. Wenn man diese Richtung nicht kennt oder hinter dem Buchtitel eine zweite Ebene sucht, könnte man ihn auch so verstehen, dass hier der Autor Clemens Setz von seiner Wahrnehmung des Lärms der Welt berichtet, sozusagen als Tape, das die Geräusche des Lebens aufzeichnet.
Die erste Erzählung Das Lesebändchen in der U-Bahn kommt mit acht Seiten schlank daher. Ein Mann begegnet in der U-Bahn seinem Sohn, dessen Leben nach sechs Wochen mit einer Fehlgeburt geendet hat.
Er, von dem man in der kurzen Zeit, die er bei uns gelebt hatte, vermutlich nur das Cumuluswölkchen in der Toilettenschüssel hätte sehen können (und selbst dafür war ich zu feige gewesen), war nun ein schöner junger Mann mit beginnendem Bartwuchs. (S. 11)
Der Vater versucht heimlich herauszufinden, welches Buch dieser gerade liest. Eine junge Frau, die den angeblichen Sohn beobachtet, möchte er – „ganz klein vor Glück“ (S. 14) – ermuntern, diesen anzusprechen. Aber er selbst denkt nicht daran, sondern geht nach Hause, um das für den Sohn reservierte Spielzeug auszupacken, von dem nicht mal seine Frau etwas ahnt.
Er hat niemals daran gedacht, uns zu suchen oder zu kontaktieren. Er braucht mich nicht. Nicht einmal für das Weiterblättern der Seiten in seinen Büchern. (S. 18)
So lauten die letzten Sätze dieser zärtlichen und doch so gespenstischen Geschichte, die die Realitätsebene vorgibt, in der diese Erzählungen angesiedelt sind.
Ein Fünfzehnjähriger, der eingesperrte Menschen mit Behinderungen „betreut“, ein Hausmeister, der auf einem Dach Abendkleider drapiert, um junge Männer vom Selbstmord abzuhalten, ein Dorf, in das Touristen kommen, um Schatten zu sehen, die in ihrer Welt herausgefiltert werden, ein blinder Junge mit einem nach einem Brandunfall entstellten Gesicht, der die Internetgemeinde dazu aufruft, dieses zu beschreiben: Setz wirft die Leserschaft in unbekannte Szenarien, deren Parameter und Gesetze sich erst nach und nach enthüllen. Er packt sie bei der Neugier und der allgemeinmenschlichen Sucht zu verstehen – um diese nie zur Gänze zu befriedigen. Auch aus diesem Grund kann man nicht aufhören weiterzulesen, mit angehaltenem Atem, klammem Herzen und sich immer wieder über die Anmut und Schönheit von Beobachtungen freuend.
Das Unklare, das Unlogische und das Absurde
Manchmal scheint Autobiografisches auf, wie in der Erzählung Der Mann im Beißanzug, in dem der Ich-Erzähler Clemens Setz heißt, auch dessen Werke veröffentlicht und froh ist, endlich eine „echte“ Arbeit in der Ausbildung von Hunden zu finden, bei der er sich von diesen im Beißanzug anfallen lassen muss.
Nur ein einziges Mal, ich glaube, in der dritten Woche, kann es zwischen Bernd und mir zu einer Unterhaltung über meine Bücher.
„Echt? Und was schreibst du so?“
„Hm, ja, gute Frage“, sagte ich. „Am besten könnte man wohl sagen, so gesellschaftliche Beleuchtungen von Problemen.“
„Ah“, sagte Bernd. „Les ich auch manchmal ganz gern sowas.“
„ich war auch beim Bachmannpreis eingeladen, 2008.“
„Ah, sehr fein.“
„Mit einer Geschichte, die dann in meinem ersten Erzählungsband drin war. Da ging’s um eine Waage und welchen Stellenwert sie in der Gesellschaft hat.“
„Klingt spannend. Okay, dann hier.“ (S. 215)
Ja, Setz arbeitet auch mit Ironie und Sarkasmus. „Die“ Gesellschaft gibt es bei ihm freilich nicht. Nicht im politisch-sozialen Sinn jedenfalls. Seine Erzählungen sind allerdings bevölkert von Menschen, die am Rand der sogenannten Gesellschaft stehen, von Außenseitern und Nerds, die den Betrieb von Produktion und Reproduktion weder antreiben noch ihn aufrechterhalten.
In der titelgebenden Erzählung Mein Leben als Noiseband – die letzte und tatsächlich die beste des Bandes – singt der Protagonist Paul in einer solchen, und man erfährt eine Menge über diese abseitige Musikrichtung, aber auch über Zeichnungen in mittelalterlichen Handschriften, die sogar teilweise im Buch abgebildet sind: ratlos oder finster dreinschauende Sonnen oder Monde.
Paul wird sogar eine Liebesgeschichte mit Happy End gegönnt sowie ein Kind, die Tochter Ulrike, die sein Leben erdet. Deren Mutter Annika erobert das Herz von Paul unter anderen durch ihre stupende Fähigkeit, ausgefallene und damit interessante Bücher zu finden, mit der sie sogar dem Büchernarr Paul überlegen ist.
Setz’ Protagonisten, oft der Generation Z angehörend, drücken sich oft in einem umgangssprachlichen „Denglisch“ mit unvollständigen Sätzen aus, die Setz, wie er im oben erwähnten Ö1-Gespräch erzählte, ebenfalls faszinieren.
Armer Mond, du gehst zur Ruhe, komplett fucked. (S. 280)
„Ich meine, wie life hack ist das.“ (S. 325)
Und in Kommentaren im Internet, die in einigen Erzählungen als (vermutlich nicht nur fingierte) Zitate eingebaut sind. 2024 veröffentlichte Setz ein ganzes Buch dazu: Das All im eignen Fell: Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie.
Allen Figuren gemeinsam ist die Fähigkeit, sich in Mikrowahrnehmungen zu verlieren: Schatten, Spinnenweben, Ränder von Pfützen, die Art, wie Gummiringe sich zusammenkringeln, wenn man sie auf den Boden wirft, oder die Schatten von in Holundersaft ertrunkenen Fruchtfliegen am Tassenboden.
Auch Sex, der in der zeitgenössischen Literatur zumeist ausgespart bleibt, spielt in diesen Erzählungen eine große Rolle, und zwar ‒ wenig überraschend ‒ mit unkonventionellen Praktiken. Von Paul erfahren wir zudem oft seine Träume.
Die Dinge sind nicht wie sie gesehen werden
Das Unklare, das Unlogische und das Absurde ist Clemens Setz’ Metier, vergleichbar mit den beiden in Berlin lebenden Autorinnen: der Argentinierin Samantha Schweblin und der Französin Marie N’Diaye.
„Der Wunsch nach Erklärung, auch wenn sie, so wie hier, nur ansatzweise geschehen kann, stellt ein Grundbedürfnis des Menschen dar“, heißt es in der Erzählung Der DUAD-Tourismus in Toblach (S. 116). Im „DUAD“, der in der Erzählung schon größere Teile der Welt beherrscht, werden Schatten und andere Muster herausgefiltert, die an „jene alten, gefahrvoll schwindelerregenden Tiefen der eigenen Seele“ (S. 102) erinnern, weil man sich in ihnen aus „allen wichtigen Zusammenhängen“ ausklinken kann. (S. 106). Und zwar „zur Förderung der Gesundheit des Planeten mit einer Art von ,vorauseilendem Weltverständnis‘“ (S. 101).
Setz’ Sätze funkeln wie Steine in der Dunkelheit und weisen einem doch keinen Weg – sie sind schlicht und ergreifend schön:
Es war einer jener Tage spät im Jahr, an denen jeder, der den Mond am Himmel entdeckt, augenblicklich zu dessen Anwalt wird. (S. 51)
Und nun, nach dem Biss, war das aus dem Apfel hervorleuchtende Fruchtfleisch auf einmal die hellste Stelle im Raum, sozusagen die einzige Lichtquelle, ein kleiner Erdenmond.“ (S. 161)
In einer Bäckerei stand ein Mann mit Heiligenschein und bestellte Brot. (S. 263)
Wenn man ganz still stand, konnte man die in der Falle gespeicherte Spannung in der Erde vibrieren fühlen, all die verpassten Gelegenheiten. (S. 273)
Als Motto über dem gesamten Erzählband könnte ein Zitat aus der Titelgeschichte stehen, als dessen Quelle das Lankavatara-Sutra angegeben wird, ein zentraler Text des Zen und des tibetischen Buddhismus:
„Die Dinge sind nicht, wie sie gesehen werden, noch sind sie irgendwie anders.“ (S. 278)
Das muss auch Paul erleben, wenn er erkennt, dass die Geschichten, die sein Bandpartner Mark ihm seit längerem über seine so schwierige wie angstgeleitete Freundin erzählt, nicht stimmen. Das Ende dieser Erzählung soll hier nicht verraten werden, aber doch so viel, dass Clemens Setz damit beweist, dass er sehr wohl auch mit konventionellen Erzählmomenten wie Spannungsaufbau und Peripetie umzugehen vermag.
