#Prosa

Mein Fall

Josef Haslinger

// Rezension von Michaela Schmitz

Die Demarkationslinie des Schweigens. Kann man wie ein Fremder über das berichten, was einem selbst widerfahren ist? Manchmal muss man das sogar. Weil man sonst überhaupt nicht reden könnte über das, wozu einem zwar die Worte fehlen, was sich aber tief in einen hineingeschrieben hat.

„Ich hatte keine Sprache, um zu erklären, was vor sich ging. Aber es hat mich auch niemand danach gefragt.“ Das sind vielleicht mit die emotionalsten Sätze in Josef Haslingers schmerzhaft nüchternem autobiografischen Bericht über den sexuellen Missbrauch, den er selbst von Patres als Sängerknabe am Stift Zwettl in den Sechzigern erleben musste.

Und noch etwas kommt zur Sprachlosigkeit des damals zehnjährigen Jungen erschwerend hinzu: Es gab niemanden, mit dem er hätte reden können. Die Eltern sah der Internatsschüler nur noch extrem selten. Der Einzige, zu dem er ein inniges Vertrauensverhältnis gehabt habe, sei paradoxerweise derjenige gewesen, über den er hätte sprechen müssen: sein Religionslehrer Pater Gottfried.

Die Folge: Der Junge schweigt, statt zu reden. Auch als Erwachsener sei er, bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr, fest entschlossen gewesen, es nicht zu tun, beginnt Josef Haslinger sein Buch Mein Fall.

Als er sich endlich dazu entschließt, doch auszusagen – und das sogar öffentlich vor der mittlerweile eingerichteten Kommission – wird sein Fall trotz dreimaliger Anhörung, zu seinem wachsenden Erstaunen, lange nicht dokumentiert, berichtet Haslinger weiter. Dass er dann beim sogenannten „Erstgespräch“ vom vierten Ansprechpartner schlussendlich auch noch gebeten wird, seinen Fall doch am besten gleich selbst schriftlich zu dokumentieren – er sei ja schließlich Schriftsteller – macht ihn, wieder einmal, sprachlos.

Trotzdem beginnt er zu schreiben. Es wird ein Buch daraus: „Mein Fall“. In seinem Versuch, Jahrzehnte nach dem Missbrauch doch noch zur Sprache zu bringen, wofür er noch immer keine Worte findet, macht er die eigene Sprachnot zur Tugend. Es wird keine fiktive Erzählung daraus. Sondern er berichtet über „seinen Fall“ im faktischen Stil einer sachlichen Dokumentation. Im möglichst emotionsneutralen Berichtston spürt er den Vorgängen im eigenen Inneren nach, indem er sich selbst, quasi als Fremder, „als Fall“ betrachtet. Und das gleich in mehrfachem Sinne: sowohl als juristischen, als auch als gesellschaftlich symptomatischen, aber auch als medizinisch-psychologischen Fall.

„Nie habe ich von Pater G. erzählt, aus Angst, man könne mir anmerken, dass ich sein Kind geblieben bin.“ Sein langes Schweigen und die chronische Verharmlosung seines eigenen Missbrauchsfalls erklärt sich Haslinger als „Selbstschonprogramm“, um sich nicht lebenslang als Opfer fühlen zu müssen. Selbst heute noch identifiziere er sich mit den Tätern. Sich selbst als Opfer einer strafbaren und schändlichen Handlung sehen und die Täter benennen, das habe er daher erst können, nachdem diese gestorben seien.

„Autoritäre Systeme sind so hartnäckig, weil man in sie hineinwächst.“ Diese Erkenntnis wächst bei den Missbrauchsopfern von sexualisierter Gewalt wie von den im Heim alltäglichen Züchtigungen erst im Nachhinein. Und noch schlimmer: Die Zöglinge wachsen in ein Gewaltsystem hinein, das die Opfer zu Tätern erzieht. Als persönlichen Sünden-Fall begreift Haslinger im Rückblick seine Kopfnüsse als älterer Schüler gegenüber Neulingen beim Abprüfen lateinischer Gebete.

Über die persönliche literarische Aufarbeitung hinaus ist dem Autor aber auch wichtig, seinen Fall offiziell zu Protokoll zu geben. Als Zeichen, dass es sich nicht nur um ein kirchliches, sondern auch um ein bildungspolitisches, staatliches, ja gesamtgesellschaftliches Versagen handelt. Aus diesem Grund besteht er auch auf einer Entschädigungszahlung. „Die Zahlungen sind eine Geste der Entschädigung fürs kollektive Wegschauen. Immerhin.“

Schlussendlich ist es eine Frage der Wahrnehmung, ob und wie die Dinge zur Sprache kommen. Oder eben nicht. Die Sprachlosigkeit der Missbrauchsopfer spiegelt auch das Schweigen der Gesellschaft wider, die sich bis heute der Verantwortung entzieht.

Der nüchterne, faktische Stil seines nur scheinbar auf einen Tatsachenbericht reduzierten Buchs Mein Fall ist Josef Haslingers Versuch, dieser doppelten Sprachlosigkeit Ausdruck zu verleihen. Indem er haarscharf an der Demarkationslinie zum Verschwiegenen entlangschreibt, verleiht er dem Unaussprechlichen Kontur. Dieser erzählerische Trick macht Josef Haslingers Buch so stark. Mein Fall ist, auch wenn oder gerade weil es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag, ausgefeilt konstruierte Erzählkunst. Seine ganz persönliche Form der literarischen Aufarbeitung seines Missbrauchsfalls. Als Appell an die Gesellschaft und als Motivation für andere Betroffene, es ihm gleichzutun. „Ich bin Schriftsteller. Mein Fall ist hiermit dokumentiert.“

Josef Haslinger Mein Fall
Bericht.
Frankfurt am Main: S. Fischer, 2020.
144 S.; geb.
ISBN 978-3-10-030058-4.

Rezension vom 03.03.2020

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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