#Prosa

Maximilian Kirchberger stellt seinen Koffer vor die Tür.

Stephan Alfare

// Rezension von Ivette Löcker

Es ist seltsam. Seite für Seite wartet der Leser darauf, daß der titelgebende Maximilian Kirchberger auftaucht – von einer Reise? einer Flucht? – und seinen verheißungsvollen Koffer vor der Tür abstellt. Die Erklärung folgt schließlich: Maximilian Kirchberger ist der Held der nächsten Erzählung des Vorarlberger Autors Stephan Alfare. Sofern er sie jetzt schreiben wird.

Inzwischen begegnet man anderen Figuren: wunderliche Namen tragen diese (Kunigunde Komarek) und haben seltene Berufe (Kreuzträger, Knochenhauerkerle), Boxer, auf Ochsen eifersüchtige Altbauern, in den Gurkenbottich urinierende Saure-Gurken-„Händler“, Heroinkinder und kokainsüchtige Dramatiker: unsympathische und/oder vom Leben benachteiligte Charaktere werden zu den Protagonisten dieser Prosatexte. Das Leben wird fratzenhaft verzerrt, statt Köpfen haben die Menschen „Kopfmasken“, aus deren „Höhle ein Lachen tropft“. Die Metaphern sind drastisch, die Schicksale brutal und die zwischenmenschliche Gewalt ist allgegenwärtig. Auch die Tiere müssen dran glauben, ob nun Schweine geschlachtet werden oder die Zubereitung von Stierhoden diskutiert wird. Bei der Beschreibung des Verzehrs von Fleischfliegensalat ist einem dann schon übel.

Trotzdem kommt es in den Erzählungen zu keinen Tabubrüchen. Der Leser wird nicht schockiert, denn zu sehr entsprechen die Textverläufe schon aufgebauten Erwartungen. Es werden zu oft (wie in der Erzählung vom „Kirchendiener“) altbekannte Klischees bedient.
Eigentlich sind es Porträts vereinsamter Menschen in ihren elenden Lebensumständen. Die meisten porträtierten Charaktere sind auf der Flucht: entweder in den Alkohol oder Drogen oder in fremde Länder. Die seelische Versehrtheit spiegelt sich in der körperlichen wider. Der kokainsüchtige Dramatiker „[…] spuckte einen Mundvoll Blut auf den Asphalt. Mit zwei Fingern fischte er zwischen Zunge und Gaumen einen verfaulten Backenzahn hervor, der abgebrochen war.“ Die Themen Drogen, Krankheit, Ausweglosigkeit, Schreiben bestimmen die Texte – aber sie bleiben nur die nicht zu Ende verarbeiteten Prosaingredienzen. Denn die Schicksale rühren einen nicht.

Am pointiertesten ist der Autor dann, wenn seine Erzählungen ins Absurd-Witzige gleiten – dort, wo Objekte wie Waschmaschinen belebt werden. Oder: „Und die Stube begann zu singen. Immer häufiger beklagten sich die Becher und Krüge auf den Tischen, sie jammerten, sie kämen sich unnütz vor, weil sie leer waren, und die Wirtin schwitzte am meisten.“

Prosa.
Wien: Edition Selene, 1998.
96 S.; brosch.
ISBN 3-85266-083-1.

Rezension vom 14.06.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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