#Roman

Mauern

Paul Auer

// Rezension von Walter Fanta

Schwankende Gestalten

Bei Joshua in seiner Dachwohnung im Wiener ersten Bezirk tauchen plötzlich rasch hintereinander drei ungeladene Gäste auf.

Erst Judit, eine abgelebte Milf, ein wenig mütterlich, aber ein wenig mehr noch hexenhaft wirkend, mit ihren roten Augen, wie frisch aus der Walpurgisnacht entsprungen. Dann Luis, Sonnenbrille, bodenlanger schwarzer Lodenmantel, ein krankes Gespenst, sieht aus wie, nein, das ist: Luzifer. Und in seinem Schlepptau immer Finn, ein wunderschöner Junge, frisch und gesund, mit seinen rotblonden wuscheligen Haaren das blühende Leben, wenn, ja wenn das nicht der Junge wäre, „der geopfert werden soll“. Die drei tauchen also bei Joshua K. auf, wie Josef K., wie der Protagonist bei Kafka heißt er eben, sie gehen dann später aus und ein bei ihm, brauchen nicht mehr zu läuten, sind einfach da, und dann wieder weg, sei es über die Dachterrasse, durch die Lüfte. Schwankende Gestalten sind es, nach dem ersten Besuch zu mitternächtlicher Stunde keine ungebetenen Gäste mehr, sondern hoch erwünscht, denn der schon über dreißigjährige, aber immer noch nicht etablierte Schriftsteller Joshua braucht sie. In seiner allgemeinen Krise – seine Freundin Carmen hat ihn verlassen – und in seiner Schaffenskrise im Speziellen – nach seinem ersten Roman Hitlers Katze laboriert er an einem writers-block – braucht Joshua vor allem Luis: der Teufel wird ihm seine Geschichte erzählen, Joshua wird mit dieser Geschichte sein „Weltbuch“ schreiben, das wird ihm dazu verhelfen, „gottgleich“ zu sein! Darauf brauche ich die Leser:innen nicht zu stoßen, es riecht nach Faust, es stinkt nach Mephisto, duftet nach dem göttlichen Goethe.

Wiener Trilogie

Außer den dreien zeigen sich in Joshuas Dachterrassenwohnung noch einige weitere Personen – ein Wesen zeigt sich nicht: die Katze! – und ein Buch, und daraus erschließt sich zumindest für kundige Paul Auer-Leser:innen, worum es bei all dem denn noch geht: nämlich um das Verfassen einer Trilogie und die Schwierigkeiten dabei. Eine der weiteren schwankenden Gestalten ist niemand anderer als Bilinski, Protagonist von Auers erstem Roman Kärntner Ecke Ring (erschienen 2017), das ist der Mann, von dem die seiner Meinung nach hässlichsten Gebäude Wiens beinahe in die Luft gesprengt worden wären, der jetzt dafür einsitzt und trotzdem auftaucht, trotz Gefängnis-Mauern und Dachterrassenwohnungs-Mauern, womit auch der Sinn des dritten Romantitels Mauern aufgeklärt ist; bleibt noch der Titel von Auers zweitem Roman nachzutragen, der lautet nicht Hitlers Katze, sondern Fallen (erschienen 2020). Die Katze wieder, die da ist, sich aber partout nicht zeigen will, so sehr sie Joshua auch anzulocken sucht, die braucht Joshua zum Schreiben, die braucht er, die braucht er so notwenig wie andere Luft zum Atmen, oder weniger dramatisch formuliert, wie Chips zum Fernsehen. Es dreht sich in dem Roman letztlich alles um Joshuas Schreiben des Weltbuchs, Joshua, das schöpferische Genie, will das Weltbuch schreiben, er will, er will, aber er kann nicht. Exhibitionistisch stellt in diesem Portrait of the Artist as a Young Man so ein Jung-Autor in grotesker Selbst-Satire den Narzissmus, die eingebildeten Widerstände, die sich auftürmen, die absurden Machtphantasien und die abstrusen Antriebe der Kunstschaffenden bloß. Selten so gelacht! Um mit dem Vergnügen nicht allein zu bleiben, ersuche ich um die Lektüre der , die all die Selbstüberschätzung in einer komprimierten Dosis enthält.

Bulgakows Katze

Die Art und Weise, wie Joshuas Dachterrassenwohnung zum Tummelplatz realer – in einer realen Erzählung zu erwartender – und mythischer Figuren wird, wie diese auftauchen und wieder verschwinden, einfliegen und ausfliegen, auch Joshua selbst unternimmt einmal eine kleine Tour durch die Lüfte, das würde an psychedelische Literatur gemahnen, die nach Einnahme von genug Koks entsteht, wenn wer mit scheelen Augen liest. Wer wie ich mit Freude und Begeisterung mitfiebert, den erinnert das Verschwimmen und Schwinden der Wahrnehmungsgrenzen zwischen Wachsein und Träumen an die schönen Stunden bei der Lektüre surrealistischer Texte. Mir fällt als erstes Alfred Kubin ein, Die andere Seite, illustriert von Kubin selbst, die Reise ins Traumreich im Osten, beherrscht von dem ein wenig luis-haften luziferischen Diktator Patera. Auch in Auers Mauern sind die Mauern ja so durchlässig und einsturzgefährdet wie in Kubins Traumstadt oder in Raphaela Edelbauers Das flüssige Land. Und das Land im Himmel, aus dem Judith, Luis und Finn kommen, wird in Auers Roman einmal auch als Traumland bezeichnet. An einer Stelle fällt der Name des Großmeisters der europäischen Literatur des Surrealismus, Michael Bulgakow. Ich habe noch keine Zeit gehabt, Der Meister und Margarita wieder zu lesen, aber ich habe einen Verdacht, den ich nicht stichhaltig begründen kann, den ich aber trotzdem hinschreibe, da jemand, der einmal im Surrealen angekommen ist, nichts mehr zu verlieren hat: Auers Katze in Mauern ist Bulgakows Katze aus Meister und Margarita.

Kopfkino

In der Dachterrassenwohnung, von wo er auf den Heldenplatz sieht, auf dem sich einmal auch eine Demonstration gegen die Bundesregierung oder gegen die Klimaerwärmung abspielt, aber das kümmert ihn wenig, ereignet sich Joshuas Kopfkino. Die bedrängenden Visionen sind schlicht und einfach der Tatsache geschuldet, dass ihn seine Freundin Carmen verlassen hat. Das ist die Ursache für seine Verstörung auf der banalen psychologischen Ebene, die in den Roman auch eingezogen ist. Die psychedelischen Bilder sind Teil eines Verarbeitungsprozesses mit selbstzerstörerischen Zügen; ihm muss sich Joshua unterziehen, erst wenn er es schafft, dass der falsche Freund Winter, der Häftling Bilinski, der Teufel mit seiner Teufelsbraut und dem Teufelsbraten sich wieder verzogen haben, hat er eine Chance auf die Wiederkehr Carmens. Die ernsthafte Frage, die sich darin verbirgt, ist die: Kann ein Autor wie Joshua K. und wie Paul Auer schreiben und lieben, geht sich beides zugleich aus? Sie, liebe Leser:innen, müssen diese Entscheidung nicht treffen, Sie können Auers witzsprühenden dritten Roman kaufen und schenken und lesen, lesen und lieben, das geht sich aus.

Roman.
Wien: Septime, 2022.
155 S.; Hardcover.
ISBN: 978-3-99120-014-7

Rezension vom 05.12.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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