#Sachbuch

Matrix Louvre

Tongue Tongue Hongkong

// Rezension von Helmuth Schönauer

Zweckloses Unbehagen

Die Autorin als Person ist nach dem Literaturkonzept Petra Coronatos (=Tongue Tongue Hongkong) nicht mehr notwendig und daher von einem Projekt-Label abgelöst. Tongue Tongue Hongkong ist eine literarische Recyclingagentur, die alles verwertet, was ihr irgendwie unter die Finger kommt:
Die „tongue tongue nannte ihre Methode, die Komplexität zu erhöhen, damals pneumatische Strategie, jetzt matrix louvre. Das System entwickelt sich seitdem als eine passive Folge von Evolutionsprinzipien.“ (191)

„Tongue tongue existiert nicht mehr. (…) Sie war der Liebling der Veranstaltungen. Die tongue tongue hat bewiesen, daß jeder ungeniert vor aller Augen alles recyclen kann, ohne auch nur im geringsten dafür belangt zu werden.“ (200)

Matrix Louvre ist ein Logbuch über die Auflösung des Projektes Tongue Tongue Hongkong, das in der Publikation „Ex.Ex.Maggi“ 1997 seinen Höhepunkt hatte. Andererseits ist Matrix ein Buch über die Havarie, die Havarie ist schließlich das literarische Urereignis schlechthin. Zur Überwachung und Dokumentation diverser Havarien gibt es einen echten Helden, der Einfachheit halber wird er Jonny genannt und ist beim Berliner Wachschutz, wo er vor einer gigantischen Wand voller Screens die bemerkenswerten Ereignisse beobachtet und fallweise für eine genauere Analyse ans Leseauge heranzoomt.
So zufällig Havarien auch auftauchen, im Text werden sie wie in einem Museum streng acht Abteilungen zu je 32 Objekten zugeordnet, der Leser kommt also in den Genuß von 256 Havarien.

Vom falschen Auslaufen feindlicher Flotten vor Glasgow 1640, dem Zusammenstoß zweier Flugzeuge über dem Bodensee, dem Crash während einer Flugshow bis hin zu Deutsch-Afrika, dem Dorado für Havarien, kann letztlich alles in einen Crash münden und so zu einem Knotenpunkt für Literatur werden.
Aber auch die Verfahrensweisen in der Web-Literatur, das Aufgleiten des Textes auf einem Musikuntergrund sowie die diversen Performances von Musikgruppen bilden das Gerüst für Matrix Louvre.
Einen einsamen Höhepunkt für Provinzkultur bildet hier eine Veranstaltung in Innsbruck, wo die anreisenden Künstler wegen Drogenverdachtes wohlweislich in Rosenheim aufgehalten und schikaniert werden.

„In Österreich stellt sich die Frage nach dem Werkbegriff natürlich anders dar. Aber auch die Abteilung ‚experimentelle Literatur‘ im deutschsprachigen Literaturbetrieb mag am liebsten Literaturtheorien, die 30 Jahre und älter sind, solche, nach denen unsere Eltern geschrieben hätten schreiben und dabei modern sein wollen.“(119)
In das Logbuch der Havarien und der Webkultur sind in regelmäßigen Abständen Anleitungen zur Lektüre sowie wahnwitzige Literaturprojekte eingearbeitet. Ein Projekt besteht etwa darin, daß die Autorin in Berlin eine fixe Anstellung erhält mit der Bedingung, in der U-Bahn das Konvolut „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zu lesen. Leider geht gerade zur Halbzeit der fünfte Band verloren, weshalb die Lektüre mit einem neuen Datensatz wieder von vorne begonnen werden muß, die ideale Beschreibung von Lektüre überhaupt.

Die Arbeitsweise von Tongue Tongue Hongkong hat etwas von Musil an sich, dessen Parallelaktion immer wieder zitiert wird. So ungefähr könnte das Projekt „Mann ohne Eigenschaften“ aus dem Wissen der Gegenwart ausschauen, voller Web-Einsprengsel, Analysen der Zeitgeschichte und globaler Havarien.
Quasi als Kapitel-Zwischenblätter sind Gebrauchsgraphiken eingelegt, gleich die erste handelt vom Bürgermeister von Linz, der – mehr oder weniger als Kopfhavarie – eine Urkunde an die Autorin ausstellt. Den Schluß bildet eine Kalligraphie vom Ende der Überheblichkeit.

Matrix Louvre ist ein wunderbar anarchistisches und wohlkomponiertes Logbuch über Stoff, Crash und zweckloses Unbehagen in der Literatur.

Tongue Tongue Hongkong Matrix Louvre
Klagenfurt: Ritter, 2002.
268 S.; brosch.
ISBN 3-85415-323-6.

Rezension vom 09.01.2003

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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