#Essay

Mädchen.

Teresa Präauer

// Rezension von Daniela Chana

Mit Mädchen legt Teresa Präauer einen literarischen Essay vor, der durch eine kunstvolle Verschmelzung von Inhalt und Form weitaus mehr verhandelt als es auf den ersten Blick scheinen mag. Während die Autorin vordergründig Fragen des Kindseins und Heranwachsens sowie der unterschiedlichen Erfahrungen und Zuschreibungen von Mädchen und Buben diskutiert, offenbart sich unter der Oberfläche ein mindestens ebenso spannendes Nachdenken über Sprache, das Schreiben und den schöpferischen Prozess.

Die Ausgangssituation ist denkbar einfach und poetisch: Die junge Schriftstellerin sitzt auf dem Boden eines Kinderzimmers und beobachtet fasziniert das Spiel eines neunjährigen Buben mit seinen Actionhelden, Playmobilfiguren und Monstern. Ebenso wie das spielende Kind verfällt sie in einen Zustand zwischen Beobachtung und Traum, imaginiert sich selbst auf dem Teppich gefesselt wie der Protagonist aus Gullivers Reisen, der als vermeintlicher Riese in die Gefangenschaft von Zwergen gerät und sich mit ihnen auseinandersetzen muss. Ihre Gedanken wandern zurück in die eigene Kindheit, aber bald auch zur Lektüre von literarischen und philosophischen Werken sowie in die Kunstgeschichte, um einer Frage nachzuspüren: Welches Paket an Assoziationen und Konnotationen beinhaltet der Begriff „Mädchen“? Dabei erforscht sie die Macht, aber auch die Ohnmacht, die damit verknüpft sind und überlegt, inwiefern sich der Handlungsspielraum und die Freiheit beim Heranwachsen verändern.

Niemals gerät in Vergessenheit, dass es sich bei der Nachdenkenden um eine Schriftstellerin handelt. Vielen Aspekten des Mädchenseins nähert sich Präauer über die Sprache, indem sie etwa die Etymologie des Wortes „Mädchen“ diskutiert sowie die Tatsache, dass es sich hierbei um ein Neutrum und ein Diminutiv handelt – anders als dies bei „Bub“ oder „Junge“ der Fall ist. Indem die Autorin wie einen Refrain den Satz wiederholt: „Wer über das Mädchen nachdenkt, denkt über Anfänge nach“, wird deutlich, dass es dabei auch um das Schöpferische des Schreibens und des kreativen Prozesses geht. Wenn der neunjährige Bub an einer Stelle des Buches fragt, woher denn die Wörter kämen und die Autorin darauf antwortet: „Aus dem Bauch“, werden Kind und Text austauschbar. Gleich darauf korrigiert sich die Autorin selbst: Nein, aus dem Hirn kämen die Wörter. Erneut wird unterstrichen, dass es sich bei beiden, Mädchen und Text, jeweils um Ideen handelt.

Immer wieder spürt Präauer nämlich dem Wechselspiel zwischen Erinnerung, Realität, Beobachtung und Traum nach. Auf autobiografische Passagen aus ihrer Kindheit folgt fast im selben Atemzug der Zweifel: Vielleicht hat sie sich hier falsch erinnert, gesteht sie gerne ein, oder sogar geflunkert, eventuell mag alles ganz anders gewesen sein. Der Begriff „Mädchen“ entsteht aus Zuschreibung, Projektion und Fantasie, das Mädchen ist eine Konstruktion, so wie jeder Text konstruiert ist.

Präauers Methode ist das Assoziieren, für ihre Überlegungen schöpft sie aus einem reichen kulturhistorischen Fundus. Dabei spannt sie den Bogen von Kinderbüchern und weißen Plüsch-Einhörnern mit Regenbogenmähne über alte Gemälde etwa von Pieter Bruegel d. Ä. oder Kunstinstallationen von Pipilotti Rist hin zu Irmgard Keun, Roland Barthes oder Peter Handke. Naturgemäß sind diese Bezugspunkte zu einem gewissen Grad willkürlich gewählt und von persönlichen Vorlieben oder Interessen geprägt, eine andere Autorin oder ein anderer Autor würde zu demselben Thema vielleicht völlig andere Beispiele heranziehen und eventuell zu anderen Schlussfolgerungen kommen; dies schmälert jedoch keineswegs die Qualität des Textes, schließlich ist es nicht Aufgabe eines Essays, die Vollständigkeit einer wissenschaftlichen Abhandlung aufzuweisen. Wenn ein Essay zu einem komplexen Thema mit knapp über 70 Seiten auskommt, liegt es auf der Hand, dass er in einem hohen Grade dem Publikum den Ball zuspielt und es auffordert, selbst weiterzudenken.

Präauer schafft die Balance, beim Schreiben über das Mädchen zwar persönlich berührt, aber nicht tendenziös zu werden. Sie nähert sich dem Begriff vorsichtig, ergebnisoffen und im besten Sinne „vage“, sie stülpt dem Publikum keine Meinung über, sondern bietet einen Assoziationsraum für eigene Überlegungen an. Die theoretischen Vorarbeiten zu „Mädchen“ hat die Autorin im November 2021 im Rahmen der „Zürcher Poetikvorlesungen“ in drei aufeinanderfolgenden, knapp einstündigen Vorträgen präsentiert, die online abrufbar sind und auf die am Ende des Buches auch hingewiesen wird. Wer tiefer in die Materie und Präauers Gedankenwelt eintauchen möchte, wird hier wertvolle Erläuterungen vor allem zu den literarischen und philosophischen Anknüpfungspunkten von Mädchen finden. Hier zeigen sich dieselben Qualitäten, die auch den Text so lesenswert machen: eine verspielte Freude an sprachlicher Präzision und ein humorvoller, unverkrampfter Umgang mit Wissen und Ideen.

Essay.
Göttingen: Wallstein Verlag, 2022.
78 S.; geb.
ISBN 978-3-8353-5196-7.

Rezension vom 29.03.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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