#Roman

Luftpolster

Lena-Marie Biertimpel

// Rezension von Janko Ferk

DER LUFTPOLSTER IST NICHT AUFGEBLASEN
Ein ehrlicher Psychiatrie-Roman aus der Jetztzeit.

Lena-Marie Biertimpel ist ein neuer Name in der jungen österreichischen Literaturszene, mag die einunddreißigjährige Autorin auch aus einer nichtösterreichischen Hafenstadt, die im Roman immer wieder thematisiert wird, stammen. Sie ist in Hamburg geboren, lebt aber mittlerweile in Wien, wo sie an der Universität für angewandte Kunst Sprachkunst studiert und mit Luftpolster ihren ersten Roman vorlegt.

Dem Verlag sei ausdrücklich gratuliert, weil er nicht nur arrivierte Autorinnen und Autoren verlegt, sondern – Pardon! – Neulingen eine relevante Chance einräumt, wozu auch zählt, dass Biertimpels Erstling in einer sehr ästhetischen gebundenen Ausgabe – mit Lesebändchen! – präsentiert wird. Gerhard Gausters Satz und Typografie machen aus dem Buch ein gelungenes Gesamtkunstwerk.

Der Luftpolster ist ein Ich-Roman, wobei über die Bedeutung des Titels nichts verraten sei. Das Wort ist eine Paraphrase für … irgendetwas. Die Autorin könnte genauso gut ein anderes gebrauchen.
Die Ich-Erzählerin lässt sich nach dem Selbstmordversuch ihrer Schwester in die Psychiatrie einweisen. Vermutlich handelt es sich bei diesem Krankenhaus um jenes „Am Steinhof“, was aus dem Kontext geschlossen werden darf, weil die zweite Großstadt – neben der Hafenstadt – wohl Wien ist. Biertimpel beschreibt eindringlich den Therapieverlauf ihrer Protagonistin. „ich beschreibe mit möglichst schlimmen worten die situation.“ (S. 38.) Eindringlicher und präziser wäre es wohl nicht möglich, so dass man an manchen Stellen unwillkürlich an letzte literarische Arbeiten und Aufzeichnungen Brigitte Schwaigers denken muss, zum Beispiel an ihren Memoiren-Band „Wenn Gott tot ist“ (Wien 2012). Lena-Marie Biertimpel ist aber beileibe keine Epigonin.

Der lange Weg von der stationären Behandlung über die Tagesklinik zurück ins selbständige Leben ist nicht – wie man so schön sagt – „von Rosen gesäumt“. Im Gegenteil. Zwischen Ergotherapie, Selbstzweifeln, Zigaretten und Zusammenbrüchen gewinnt die Hauptheldin des Luftpolsters langsam Boden unter den Füßen. Und zwar so viel Boden, dass der Roman letztlich in einem Happyend abbricht, aber nicht abrupt, sondern denkrichtig und nachvollziehbar.

Lena-Marie Biertimpel hat einen Roman geschrieben, der einerseits poetisch und andererseits eindringlich ist. Sie erzählt über Traumata, die nicht nur der Heldin Schwierigkeiten bereiten, sondern insgesamt ihre Familie – wortwörtlich – betreffen, aber wie bereits festgestellt in Heilung und Hoffnung enden. Nebenbei gesagt, es muss nicht jeder Roman in Hoffnungslosigkeit enden, um gute Literatur zu sein, das Buch ist nicht einmal im Ansatz kitschig oder schnulzig. Biertimpel schreibt in einer jungen und ungezwungenen Sprache, die authentisch klingt. Orthografisch hat sich die Autorin für die Kleinschreibung entschieden, Eigennamen beginnt sie hingegen respektvoll mit Großbuchstaben. Mit ihrem Kurzsatzstil gelingt es ihr, an bestimmten Stellen eine verbalisierte Atemlosigkeit zu erzeugen. Die ganze Geschichte ist präzis erzählt. Was Biertimpel sagen will, kann sie ausdrücken. Manchmal rutscht die Sprache in einen Slang ab. Aber nur, wenn es kontextuell passt.

In einem Wechsel von Gegenwart und Rückblenden werden Zeiträume „vor tagen“, „vor wochen“, „vor monaten“ oder sogar „vor jahren“ wiedergeben, was zur Spannung und zum Verständnis der Traumata nicht unwesentlich beiträgt.
Auf diese Art und Weise sowie mit dem Gebrauch dieser Sprache kann man/frau in der Jetztzeit Romane schreiben. Lena-Marie Biertimpel spielt ab jetzt auf „Bundesliganiveau“.

Lena-Marie Biertimpel
Roman.
Graz, Wien: Leykam, 2022.
184 S.; geb.
ISBN 978-3-7011-8232-9.

Rezension vom 29.03.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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