#Roman

Lektionen in dunkler Materie

Ursula Knoll

// Rezension von Holger Englerth

Fünf Frauen packt die Wut. Ursula Knoll hat ihnen dafür eine gelungene literarische Form gegeben. Dabei ist der Roman „Lektionen in dunkler Materie“ von einer Gegenwärtigkeit, die sich – das lässt sich recht gefahrlos behaupten – als haltbar erweisen wird.

Die fünf Frauen könnten kaum unterschiedlicher sein, ebenso wie die jeweiligen Gründe und Ursachen für ihre Wut, und sogar der jewilige Zeitpunkt, an dem sie sich im Roman ihren Weg brechen wird. Und trotzdem ist in diesem Roman auf faszinierende Weise alles miteinander verknüpft und verbunden. Die Wuthandlung entsteht aus diesem Beziehungsgefüge und wirkt wieder darauf zurück. Bei Knoll wird die Wut fallweise zum Katalysator, indem bestehendem Unrecht zumindest der Kampf angesagt wird, auch wenn es sich dadurch nicht gleich besiegen lässt. Mit dumpfer Wutbürgerei hat das alles jedenfalls nichts zu tun.

Es finden sich naheliegende Charaktere, wie die Aktivistin Milka, die gegen die Arbeitsbedingungen der Erntearbeiter*innen kämpft, oder Eszter, die per ausgeklügeltem Internethandel betrügerische Konzerne zur Strecke bringen will. Oder es sind einfach nur die Öffnungszeiten des Kindergartens, die letztlich das Fass zum Überlaufen bringen, wie im Falle von Heide. Etwas weniger auf den ersten Blick nachvollziehbare Trägerinnen des gerechten Zorns sind die Sachbearbeiterin am Bundesamt für Fremdenwesen und die Astronautin Katalin, aber gerade sie geraten zu Glücksfällen für die Wandlungen und Überraschungen des Romans.

Dabei bedient sich der Roman häufiger Perspektivenwechsel: Dialogreiche Passagen weichen der zurückgenommenen Darstellung von Familienhistorie, auktoriale Teile stehen neben direkter Figurensicht, die sogar – und dies ist die große Ausnahme in einem sonst konsequent auf die Sicht von Frauen festgelegten Werk – von einem Buben im Kindergartenalter stammen kann. Bei all dem meidet Knoll die Metapher wie der Teufel das Weihwasser (also genau das jetzt macht sie nicht). Sie gibt der gesprochenen Sprache vor jeder lyrischen Versuchung auf jeden Fall den Vortritt. Vielen Dank zum Beispiel für das schöne Wort „nachdackeln“. Bei allem Vergnügen wäre dem Text trotzdem an manchen Stellen ein strikteres Lektorat zu wünschen gewesen. Nicht immer wird das Potential voll ausgeschöpft. Doch die Probleme, denen sich der Roman stellt, sind zu brennend, um ihn auf Grund der einen oder anderen unfertigen Formulierung einfach wieder zurück ins Regal zu stellen.

Seien es der bürokratische oder alltägliche Rassismus, der kaum mehr überzeichnet werden kann und nicht trotzdem noch Realität abbildet, oder die häufig als langweilig abgetane und dennoch zentrale Frage, wo denn das Geld ist, „Lektionen in dunkler Materie“ scheut nicht den Gang dorthin, wo Literatur von einigen Stimmen mittlerweile schon abgeraten wird, hinzugehen. Da ist es auch kein Wunder, wenn die Figuren im Roman alle in der einen oder anderen Weise genervt sind. Hat eins noch Gefühle, geht das heute wohl kaum mehr anders.

Knoll legt eine Literatur vor, die durchaus das Etikett ‚engagiert‘ verdient, umso mehr, als sie auch die Möglichkeit des Scheiterns integriert. Der Akt, der aus der Wut geboren wird, kann zerstörerisch oder zukunftweisend sein, einfach egal ist er auf keinen Fall.

Ursula Knoll Lektionen in dunkler Materie
Roman.
Wien: Edition Atelier, 2022.
248 S.; geb.
ISBN 978-3-99065-068-4.

Rezension vom 07.03.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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