#Roman
#Debüt

Laurenzerberg

Christoph Zielinski

// Rezension von Alexander Kluy

Die Traditionslinie von Dichterärzten – Schriftsteller, die ein Medizinstudium absolvierten und oft auch als Ärzte praktizierten – reicht viele Jahrhunderte zurück; vom sephardischen Dichter und Arzt Jehuda ha-Levi (ca. 1075-1141) über den französischen Erzähler und Arzt François Rabelais, den als Militärarzt tätigen Friedrich Schiller bis zu Arthur Schnitzler und Sigmund Freud.
Christoph Zielinski, Sohn des polnisch-österreichischen Schriftstellers Adam Zielinski, kann zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Debüts Laurenzerberg – einem eindringlichen Roman über Emigration und Zugehörigkeit – bereits auf eine beeindruckende Karriere als einer der führenden internistischen Onkologen Österreichs zurückblicken.

Christoph Zielinski (* 1952) war Vorstand der I. Universitätsklinik für Innere Medizin an der Medizinischen Fakultät Wien (2004-2017), Leiter des Comprehensive Cancer Centers (2013 bis 2018) und ist seit 2020 ärztlicher Direktor der Wiener Privatklinik. Er publizierte gemeinsam mit Herbert Lackner zwei Sachbücher, Die Medizin und ihre Feinde (2022) sowie die Monographie Dem Krebs auf der Spur (2024).

Für seinen Debütroman hat Zielinski eine autobiografische Grundierung gewählt. In 46 Kapiteln, von denen es die längsten auf gerade einmal fünf, höchstens sechs Seiten bringen, erzählt er spannend und bewegend von der weithin eher unbekannten Emigration jüdischer Familien aus Polen in den 1950er und 1960er Jahren in „den Westen“. Laurenzerberg ist aber auch ein Familienroman, es geht um Beziehungen, Erwachsenwerden, um unerfüllte Hoffnungen und Träume und zuletzt naturgemäß auch um Krankheit und Tod.

Der zeitliche Rahmen von Laurenzerberg reicht von den späten 1950er Jahren bis in die 1980er Jahre. Hauptfigur ist Wacek, der mit seiner Ehefrau Ophelia und dem gemeinsamen kleinen Sohn Richard, Rysio gerufen, ein neues Leben in Österreich beginnen will – genauer gesagt in Wien. Die drei landen schließlich in einem Zinshaus am Laurenzerberg im ersten Wiener Gemeindebezirk. Daher auch der Romantitel und der elegant gestaltete Schutzumschlag. Wacek und seine Familie haben Verwandte in Wien: Szymon und Ada. In Szymons Geschäft hat Wacek auch eine Anstellung gefunden. Dann stößt Schoschana zu ihnen, ebenfalls aus Krakau, die nach zwei unglücklichen Lieben, von denen sie eine, die große, nicht vergessen kann, eine Vernunftehe eingeht.

Und es taucht Rosenberg auf, ein Theaterregisseur, den die polnischen Kommunisten für fünf Jahre ins Gefängnis gesteckt hatten. Eigentlich heißt Rosenberg gar nicht Rosenberg; im Krieg beschaffte ihm ein katholischer Geistlicher einen rettenden Pass, der auf diesen Namen ausgestellt war. Nach Kriegsende waren alle seine Dokumente entweder vernichtet oder unauffindbar – so wie Personen, die Rosenbergs wahre Identität hätten bezeugen können. Also lebt Rosenberg seither unter diesem Namen. Auch in Wien. Doch diese Stadt verlässt er enttäuscht wieder und sucht, nachdem er seinen Namen ein weiteres Mal ändert (in „Michal Rose“), sein Glück zuerst in New York, dann in Israel, wo er eine Ehefrau findet, die in Tel Aviv ein Kaffeehaus betreibt. Dort arbeitet er als Kassier und wird in einer Arbeitspause durch eine Bombe getötet. Grimmige Ironie des Schicksal: der seit Jahrzehnten innerlich vereinsamte Rosenberg/Michal Rose stirbt alleine als einziges Opfer des Anschlags.

Über rund dreißig Jahre folgt Zielinski seinen Protagonisten, von denen die meisten KZ-Überlebende sind, manche penibel darauf bedacht, ihre in den Arm tätowierten Lagernummern durch langärmelige Gewänder zu überdecken. Die Welt, in der sie sich behaupten müssen, ist geprägt von Feindseligkeit, Ausgrenzung und Alltagsrassismus. Auch in den so genannten gutbürgerlichen Kreisen, in denen mit klassischer Musik und Bildung renommiert wird, haben sich ein unverwüstlicher Antisemitismus und ein schier unausrottbares nationalsozialistisches Gedankengut gehalten. Als das zeichnet Zielinski sehr gekonnt – genau beobachtet und auf den Punkt gebracht. So gelingt es ihm, in der nachfolgend zitierten Stelle durch eine sehr dezente Anspielung auf den österreichischen Nationalratswahlkampf 1970 zwei Dinge gleichzeitig zu erzählen: Wie deutlich antisemitische Ressentiments und Propaganda unter der dünnen Decke der Zivilisation zu sehen waren und wie bedrückend und desillusionierend dies für Überlebende des nationalsozialistischen Terrors sein musste.

„Ostjuden wären wir, hat Rosenberg gesagt, auch wenn uns manche ins Gesicht freundlich zunickten, aber hinter unserem Rücken würden sie sagen, dass wir Ostjuden wären, und dass sie dann mit ihren Händen wackeln und uns verspotten würden.“
Fela sagte: „Recht hat er gehabt – jetzt steht es auf dem Plakat: ‚Ein echter Österreicher‘1. Das sind wir zwei und auch Rysio nicht.“
Und nach einer Pause wiederholte sie: „Wie sollen wir das alles Rysio erklären, wo er doch sein Leben hier verbringen soll?“ (S. 156)

1 Im Nationalratswahlkampf 1970 warb die konservative ÖVP für ihren Spitzenkandidaten Josef Klaus mit einem an die Ästhetik der 1930er Jahre erinnernden Wahlplakat und dem Slogan „Ein echter Österreicher“. Der Sieger dieser Wahl, der SPÖ-Politiker Bruno Kreisky, hat später in seinen Memoiren auf die mit diesem Slogan vermittelte unterschwellige antisemitische Botschaft – Bruno Kreisky sei im Gegensatz zu Klaus kein „echter“ Österreicher – aufmerksam gemacht.

Alexander Kluy ist Autor, Kritiker, Herausgeber, Literaturvermittler. Zahlreiche Veröffentlichungen in österreichischen, deutschen und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften. Editionen, zuletzt Konrad Engelbert Oelsner Luzifer oder Gereinigte Beiträge zur Französischen Revolution (Limbus, 2024) und Felix Dörmann Jazz (Edition Atelier, 2023). Zahlreiche Buchveröffentlichungen, zuletzt im Klever Verlag Blöcke und Marmeln vor gekrümmter Fläche (2025) sowie in der Edition Atelier die kulturhistorischen Bände Das Kreuzworträtsel und seine Geschichte (2024) sowie Der Regenschirm. Eine Kulturgeschichte (2023). Im Herbst 2026 erscheint in der Wiener Edition Atelier Der Wolf. Eine Kultur- und Angstgeschichte.

Christoph Zielinski Laurenzerberg
Roman.
Wien: Carl Ueberreuter Verlag, 2025.
168 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag.
ISBN 978-3-8000-7890-5.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

 

Rezension vom 03.08.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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