#Roman

Laufendes Verfahren

Kathrin Röggla

// Rezension von Janko Ferk

Kein kurzer Prozess
Kathrin Röggla versucht sich in Forensik

Der sogenannte NSU*-Prozess, der im Jahr 2013 begonnen und sich über Jahre gezogen hat, das Urteil wurde am 11. Juli 2018, dem 438. Verhandlungstag, verkündet, hat Kathrin Röggla offensichtlich sehr beschäftigt. Nachdem sie die Verhandlungen vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München öfter besuchte, verfasste sie ein Theaterstück (Verfahren, UA 2022 am Saarländisches Staatstheater Saarbrücken) sowie ein Hörspiel (Verfahren. Eine audiophone Gerichtsbeschwörung. WDR/BR 2020) und schließlich den gegenständlichen Roman.

Unter dem Strich kann vorausgeschickt werden, die Auseinandersetzung mit dem Recht ist nicht Rögglas Kernkompetenz, jene mit den Rechten jedenfalls.

Und noch etwas muss vorausgeschickt werden. Laufendes Verfahren ist kein Dokumentarroman über den NSU-Prozess, sondern das gekonnte Literarisieren eines ausgeuferten Gerichtsverfahrens. Das heißt, um eine Wortfolge zu gebrauchen, die bei Röggla oft vorkommt, es geht um forensische Literatur, die man ohne Wenn und Aber in die Nachfolge Ferdinand von Schirachs oder Bernhard Schlinks stellen kann, obwohl sie sich ganz anderer (Stil-)Mittel bedient. Der Text hat – trotz des exorbitanten Stoffs, der zur Verfügung stünde – wenig Handlung, keine Spannung und gewiss keinen Höhepunkt. Eine Strategie des Romans ist zweifellos Rögglas Intention, dem Leser keine Meinung aufzudrängen. In diesem Sinn ist es kein bequemes Buch. Es ist eine unbequeme Lektüre, die den Leser fordert. Und offensichtlich fordern will.

Aber. Was (oder wer) ist der NSU-Prozess, muss gefragt werden. Die Autorin bezeichnet ihn unter anderem als „größten, teuersten und längsten Nachwendeprozess“, was er – im Vergleich zu anderen bekannten Fällen der jüngeren deutschen Rechtsgeschichte – zweifellos ist. Diese Qualifizierung sagt jedoch noch nichts über den „Sachverhalt“ beziehungsweise die Taten, die jahrelang verhandelt wurden(, aus).

Auf das Wesentliche reduziert, war es ein Strafverfahren gegen fünf Personen, denen zur Last gelegt wurde, an den Verbrechen der neonazistischen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), beteiligt gewesen zu sein. Es wurde ihnen vorgeworfen, zwischen 2000 und 2007 neun Morde an Migranten, einen Polizistenmord, zwei Sprengstoffanschläge, fünfzehn Raubüberfälle und dreiundvierzig Mordversuche begangen zu haben.

Die Haupttäterin Beate Zschäpe stand mit Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Ralf Wohlleben, Carsten Schultze, Holger Gerlach und André Eminger vor Gericht. Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos wurden zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Die erhobenen Rechtsmittel waren im Wesentlichen erfolglos. Die Kosten des Verfahrens haben weit über dreißig Millionen Euro betragen, wie aus einer Gerichtsquelle hervorgeht. Berappen musste sie der Staat, auf gut Deutsch, der Steuerzahler.

Kathrin Röggla vermittelt in ihrem Roman den Eindruck, zu viel sei versprochen worden, zu wenig aufgeklärt. Sie verhehlt jedoch nicht, dass es sich um einen Mega-Prozess handelte, der offensichtlich Richter und Staatsanwälte nicht überforderte, aber überlastete. Jedenfalls nach ihrer Ansicht. Die Ansicht der Staatsorgane wird nicht vermittelt.

Die Autorin erzählt aus einer „Wir“-Position, an die man sich im Lauf der Lektüre erst gewöhnen muss. Dieses „Wir“ sitzt mit einer Reihe von Prozessbeobachtern „oben auf den Zuschauerrängen“. Auf der Empore sind ihre Mitbeobachter mit den bezeichnenden Namen, die „genau zusehen wollen, was der Staat hier macht“, der O-Ton-Jurist, die Frau von der türkischen Botschaft, Bloggerklaus, die Omagegenrechts, zwei Erklärburschen, Grundsatzyildiz, und der Gerichtsopa, eben eine „kleine Community“. Diese Gruppe ist der Ankerpunkt des Romans und legitimiert überhaupt erst die Genrebezeichnung.

„Wir sitzen auf der Empore links und rechts.“ Man könnte diese Feststellung in einem politischen Kontext verstehen, zumal Röggla protokolliert, dass – neben ihrer Antifa-Gruppe – viele Rechte in entsprechender Adjustierung beim Prozess anwesend waren.

Kathrin Röggla zieht an mehreren Strängen. Sie versucht in ihrer literarisierten Protokollführung, die mit Absicht wenig Fakten liefert, nicht nur das „Laufende Verfahren“ zu komprimieren, sondern will auch lebendig oder vielmehr interessant erzählen, indem sie Besucher Meinungen austauschen lässt, die Vorgänge beim Prozess kommentiert – sie beispielsweise als „Gräuel“ bezeichnet.

Eigentlich ist der Roman die Wiedergabe zweier Protokolle, eines über den Prozess und eines über die Diskussionen auf der Empore. Er ist eine Assoziationsprosa, wo ein Gedanke – in einem oft zur Suada ausgearteten Sprachfluss – direkt und schlüssig zum anderen führt.
… „dass man die eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit am besten an der Garderobe abgegeben haben sollte“, ist einer dieser Gedanken, die die Sache auf den Punkt bringen. Es hätte interessant sein können, wenn Röggla an dieser Stelle über den Zielkonflikt zwischen Recht und Gerechtigkeit ins Philosophieren gekommen wäre.
„Ja, zwar möchte alle Welt Richter werden, aber niemand möchte dessen Verantwortung tragen“ ist einer dieser Sätze, denen man nur vorbehaltlos beipflichten kann – ebenso wie: „Die Mitte der Gesellschaft liegt … nicht zwischen rechtsextrem und liberal.“

Eine Tatsache darf ich – als praktizierender Jurist – nicht unter den „Richtertisch“ des Rezensenten fallen lassen. Dem Text ist anzumerken, dass die Autorin die juristischen Begriffe nicht zur Gänze verinnerlicht hat, was dem nicht juristischen Leser nicht auffallen oder ihn stören wird. Vielleicht wird er den Text ohnehin besser verstehen als einen Roman, der mit Ausdrücken aus der Fachsprache gespickt wäre.
Letztlich ist Laufendes Verfahren der Roman einer österreichischen Schriftstellerin und kein Lehrbuch über bundesdeutsches Strafrecht oder Strafprozessrecht. Und vielleicht beurteilt ein zweiter Jurist meine Bemerkung als nicht zutreffend – ganz nach dem alten Juristenwitz: „Wo ein Jurist ist, ist mit Sicherheit auch ein zweiter, und wo zwei Juristen sind, herrschen drei Meinungen.“


Janko Ferk
arbeitet und lebt in Klagenfurt. An der Universität Wien studierte er Rechtswissenschaften, Deutsche Philologie sowie Geschichte und promovierte mit einer Arbeit über die Rechtsphilosophie bei Franz Kafka. Er ist Jurist, Honorarprofessor an der Universität Klagenfurt/Univerza v Celovcu und Schriftsteller. Zuletzt veröffentlichte er die Reisemonografie Die Slowenische Riviera (Edition Kleine Zeitung, 2022) und die Erzählung Mein Leben. Meine Bücher (Limbus, 2022). Er hat mehrere Bücher zur Kafka-Forschung vorgelegt.

Kathrin Röggla: Laufendes Verfahren.
Roman.
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2023.
203 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag.
ISBN 978-3-10-397155-2.

Kathrin Röggla

Leseprobe

Rezension vom 24.08.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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