#Prosa

Kurzer Regentag.

Peter Rosei

// Rezension von Roman Jobstmann

Hätte nicht schon Peter Handke seine „Lehre der Sainte Victoire“ geschrieben, so wäre Peter Rosei die österreichische Pionierrolle in Sachen gleichnishafter Beschreibung von berühmten höchsten Punkten einer Landschaft zugefallen.
Kurzer Regentag versammelt 35 Texte des Dichters zu den vom japanischen Ukiyoe-Maler Hokusai 1823 herausgegebenen 36 Ansichten des Fuji-Berges. Statt einer sechsunddreißigsten Geschichte finden wir eine an den Schluß gestellte Hommage an Hokusai.

Bezeichnend also der Kernsatz des aus dieser gewagten (japanisch-deutschen) Entsprechung geborenen, vom Folio-Verlag unaufdringlich-bibliophil aufbereiteten, schmalen Bändchens: „Der Zeichner wendet der Welt sein fragloses Gesicht zu, […] als wär sie sein Spiegel, […] als liege nicht die Welt mit all ihren Längen und Breiten und Tiefen und Löchern vor ihm, sondern ein auf feine Gaze hingeatmetes Bild, das schon die Welt ist.“ (S. 50) Rosei versucht hier, Malerei mit einem Sprach-Bild zu kompensieren, wobei er der Malerei bescheiden den Vorzug läßt.
Da wird beispielsweise der Rachen eines Monsters geöffnet, und der Verschluckte überlegt noch im finsteren Hohlraum, ob er die schrecklichen Zähne des Ungeheuers auch richtig beschreibt.

Hier legt sich jemand im Schreiben den Lauf der Dinge so zurecht, daß er nie in dessen mitreißenden Strudel gerät. Es handelt sich bei dieser poetischen Individualität um ein äußerst wandelbares Prinzip, das auf einen ständigen Neuanfang, auf Bewegung in einem bereits allzu starren System ausgerichtet ist. Man hat das Gefühl, als ob Rosei so nebenbei die Welt und sich noch einmal eigenschöpferisch hervorbringen möchte.
Dazu eignet sich ganz vortrefflich ein geistig-inspirierter Ortswechsel: Wie bei Kafka in seinem großen „Amerika“-Roman schließt bei Rosei die heimatliche Nähe wie von selbst die geografische Ferne mit ein. Und sowohl Kafka als auch Rosei haben die Länder ihrer literarischen Wahl tatsächlich nie bereist.

Umso klarer wird dann die Quasi-Rechtfertigung: „Wir sind uns schon fremd, wenn wir über die eigene Schulter schauen.“ (S. 68) Dieser Satz problematisiert nicht eigentlich die Fremde, sondern stellt das Fremde im Menschen an sich als von vornherein unausweichlich dar.

Wie eine reife Mohnkapsel platzt Roseis Sprache, die sich sowohl am Erhabenen als auch am vermeintlich Gemeinen zu entzünden vermag. Nichts ist mehr an seinem Platz, alles ist austauschbar und kann somit Alltag genauso wie feierlicher An- und Ausklang werden. Vermittelnde Darsteller sind neben Menschen und literarischen Figuren etwa auch Frösche, Bienen, Wölfe, Spechte und Unken – oder einfach nur das Ausgespuckte im Rinnstein der Gefühle.

Nach all den Metamorphosen beantwortet der Autor selbst die Frage nach seiner Person mit dem zart schwingenden Rhythmus, der die Tragik eines „kurzen Regentages“ wie ein Hauch umschwebt: „Ich selbst? Wenig zu sagen: Mit dem Schreibstift am Fenster! […] Dort draußen gehe ich herum: als Mann […], als Frau im Pelzmantel, als fliegender Vogel; als Plaudertasche vor dem Schultor.“ (S. 28)

Aufzeichnungen.
Mit einem Text von Walter Vogl.
Übers. ins Japan.: von Tsuneo Sunaga, Ai Nakashima und Atsushi Hirano.
Wien, Bozen: Folio, 1997.
(Tokyo Edition)
81 S.; brosch.; m. Abb.
ISBN 3-85256-072-1.

Rezension vom 27.11.1997

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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