#Roman

Krippler

Günther Loewit

// Rezension von Veronika Nowak

Immer wieder habe ich beobachtet, dass Menschen – Hausmeister, Busfahrer, Buffettdamen – jenes bisschen Macht, das ihnen ihr Beruf verleiht, gerne ausnützen. Nicht alle natürlich – aber wenn ein Bus- oder Straßenbahnfahrer an einem kalten, regnerischen Herbstabend die Tür tatsächlich vor meiner Nase zumacht und abfährt, machen sich in mir Wut und Verzweiflung breit und die Frage, welchen Gewinn diese Person aus ihrem Handeln wohl zieht.

Auch in Günther Loewits Roman Krippler geht es um Macht, eine Macht, die sehr viel institutionalisierter ist als jene eines Busfahrers: die der katholischen Kirche. Dabei denkt unsereins natürlich sofort an den Vatikan, doch hier geht es um das kleinste Rädchen dieses Machtgefüges – und gleichzeitig jenes, das den unmittelbarsten Einfluss auf die ihm anvertrauten Menschen hat: um den Dorfpfarrer.

Josef Krippler, von seiner Mutter von Kindesbeinen an dazu angehalten, ein nützlicher Mensch zu werden, weiß schon sehr früh, dass er zum Geistlichen berufen ist. Als Vorbild dient ihm der Pfarrer seiner Kindheit, zu dessen Kirche er und seine Eltern jeden Sonntag eine Stunde Fußweg zurücklegen müssen. Sein Vater kommt jedoch nicht in die Messe, sondern biegt zum Gasthaus ab, aus dem er gegen Mittag – oder überhaupt erst am Abend – betrunken und ganz und gar unnützlich nach Hause kommt. Dieser unnützliche Vater verspottet Josefs Wunsch, Geistlicher zu werden, während die Mutter und der Pfarrer ihn unterstützen; letzterer besorgt ihm einen Platz in einem guten Gymnasium, wo Josef die Liebe zum Klavierspiel entdeckt, und schickt ihn nach der Matura auf eine Reise nach Israel, auf der er sich mit dem mitreisenden Freund darüber entzweit, ob ein angehender Geistlicher von der fleischlichen Liebe probiert haben sollte oder nicht. Krippler reist alleine weiter. Wieder zurück absolviert er den Zivildienst und beginnt dann sein Theologiestudium. Mit Erlaubnis des Organisten spielt er in der Universitätskirche Orgel, und seine „jugendliche und doch sakrale“ Musik zieht bald Zuhörer an, darunter jene Person, die sich als einzig wahre Gefahr für seine Berufung entpuppen wird: Johanna Hofinger. Sie weckt in Josef Liebe und Verlangen und zeigt dem Studenten die Welt der Sexualität, eine Erregung jenseits von Musik und Glauben. Sie möchte ihn zu ihrem Mann und zum Vater ihrer Kinder machen, doch er verlässt sie, macht in einem Gotteshaus mit ihr Schluss und stellt seine Berufung über ihrer beider Liebe. Sie verflucht ihn dafür und schreit mitten in die Kirchenstille: „Ich werde dir deine Feigheit heimzahlen!“

So unrecht hat sie mit der ‚Feigheit‘ nicht, denn neben seinen Berufungen – jener zum Geistlichen und jener zur Nützlichkeit – ist es die Angst vor der Innigkeit, die ihn aus ihren Armen endgültig in jene der Kirche treibt. Josef verschwindet hinter den Mauern eines Priesterseminars, wo er nicht nur gegen die Sehnsucht nach Johanna und ihrem Körper kämpft, sondern auch Avancen seiner Kollegen abzuwehren hat und geradezu eine Abscheu gegen körperlichen Kontakt entwickelt. Kaum mit dem Priesterseminar fertig, wird er Dorfpfarrer. Sein Vorgänger wurde dezent von diesem Posten entfernt, da dessen Messwein-Bestellungen seit langem das übliche Maß überschritten hatten. Die folgenden Jahre setzen sich zusammen aus Gottesdiensten, Beichten, Hochzeiten (und den dazugehörigen Beratungen) sowie Begräbnissen.

Krippler genießt seinen Beruf und die damit verbundenen Rituale. Der Einfluss, den er Kraft seines Amtes über die Gemeinde und ihre Menschen hat, erregt ihn – eine kirchliche Erregung, die dann am stärksten wird, wenn er eine junge Braut über die Nachteile der Pille aufklärt oder wenn er eine Frau, die ihren tyrannischen Ehemann mittels Badewanne und Fön ins Jenseits befördert hat, dazu bringt, ihr Verbrechen während der Beichte zu gestehen. Selbst die Wahrung des Beichtgeheimnisses gegenüber den Behörden ist ihm nicht nur Pflicht, sondern Vergnügen. Morde und Selbstmorde werden unter dem Schutz der Kirche „vergessen“, die Kleiderordnung für Verstorbene lockert sich und Krippler entdeckt seine Liebe zu dem – ursprünglich verachteten – Fußballspiel und gewinnt so die Sympathie der Jugend und folglich auch genügend Ministranten.

Hier scheint einer jener Pfarrer beschrieben zu werden, die trotz aller Liebe zur Tradition fortschrittlich sind und eine lebensnahe Auffassung von Gemeinde haben. Doch die Erzählperspektive legt auch ganz anderes offen – alles wird durch Josef Kripplers Augen geschildert, es bleiben die inneren Kämpfe nicht verborgen, die Freude an der Macht, die Erregung, wenn ein Schäfchen in „Reue und Demut“ seine Sünden gesteht – kurz, die Menschlichkeit des Protagonisten wird deutlich sichtbar. Diese Menschlichkeit , die uns herausgestellte Persönlichkeiten in der Regel näher bringt , führt hier zur Demontage des Konzepts „Pfarrer“ – ein Pfarrer hat Vorbild zu sein, mit sich selbst im Reinen, oder jedenfalls darum bemüht, außerdem in der Lage, sich von der Vergangenheit zu lösen, seine Schwächen zu kennen und zu vermeiden. All das ist hier nicht der Fall, und als Josef Krippler tatsächlich von seiner Vergangenheit eingeholt wird, offenbart sich eine ihm eigene Unfähigkeit, mit seinem Leben zu Recht zu kommen. Lediglich die Kirche und sein Amt schützen ihn vor einem realen Scheitern. Er hat gelernt, seine Rolle zu spielen, er versteckt sich hinter seiner Funktion und hält somit den Schein aufrecht, auch für sich selbst.

Josef Kripplers Geschichte wird nicht linear erzählt. Während eines Begräbnisses, das sich sehr viel länger hinzuziehen scheint als alle anderen, erinnert er sich an die Stationen und Menschen, die ihn dahin geführt haben, wo er heute ist. Mehrere rote Fäden ziehen sich durch Kripplers Erinnerung: der Alkohol, der sowohl seinen Vater als auch seinen Vorgänger unfähig für das Leben gemacht hat, weiters die Frauen, denen er aus dem Weg zu gehen versucht und die ihn doch immer wieder einholen (einzig seine Mutter, die ihn in seinem Berufswunsch unterstützt hat, erscheint asexuell und somit positiv), und nicht zuletzt das Thema der Macht und die damit verbundene Erregung (die wiederum nah an die sexuelle Erregung heranzukommen scheint). Im Vergleich zu den eingangs erwähnten Busfahrern hat Krippler eine ganze Gemeinde, auf die er Einfluss ausüben und die er formen kann. Und er nützt diese Macht manchmal zum Guten, manchmal zum Schlechten, und meistens zu seinem eigenen „Genuss“, wie etwa während der Beichten.

Was bleibt dem Leser nach der Lektüre dieses Buches? Einerseits eine gewisse Freude, da der Roman mit unerwarteten Wendungen aufwartet, andererseits auch viel Nachdenklichkeit. Schließlich ist man generell dankbar, wenn sich die moralische Instanz „Pfarrer“ als menschlich erweist, allerdings ist die von Loewit beschriebene Menschlichkeit keineswegs von der romantischen Art (Pfarrer verliebt sich und entscheidet sich für die Frau), sondern aus Fehlern und Begierden zusammengesetzt, an denen der Protagonist verzweifelt, die er aber nicht zu ändern vermag. Ein Buch also, das man noch mit sich herumträgt, wenn man es längst zugemacht und ins Regal gestellt hat.

Günther Loewit Krippler
Roman.
Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabaeus, 2006.
164 S.; geb.
ISBN 3-7082-3203-8.

Rezension vom 13.02.2007

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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