#Roman
#Prosa

Kreuzungen.

Marlene Streeruwitz

// Rezension von Christine Schranz

In Kreuzungen. setzt sich Marlene Streeruwitz in gewohnt gesellschaftskritischer Manier mit den Themen Reichtum, Macht und Sexualität auseinander.

In der Welt des reichen Max ist alles käuflich und nichts unmöglich: „Man musste auf dem Geld so sitzen, wie auf einem Pferd. […] Mit dem Zügel in der Trense musste man das Geld so führen wie ein guter Reiter.“ Als seine Beziehung zu Lilli, deren Name nach „Helene“ und „Margarethe“ eine weitere Anspielung auf Streeruwitz‘ eigenen Namen darstellt, zu Ende geht, erkennt Max: „Es war einsam, das Geld zu reiten.“ Die Handlung nimmt ihren Lauf: Max unterzieht sich erst einer kosmetischen Zahnoperation und reist von Wien nach Venedig, wo er dem Künstler Gianni begegnet. Danach engagiert er eine Heiratsagentur, die ihm Francesca, „eine Engländerin aus einer alten Familie, in der die Töchter immer schon gegen Geld ausgetauscht worden waren“, vermittelt. Als Max erkennt, dass er von der Hochzeitsvermittlerin und Francesca hintergangen wird, nimmt er in London eine neue Identität an und beschließt, fortan als Künstler zu leben.

Die Ebene der Handlung ist nicht die einzige, auf der sich das entfaltet, was Mario Scalla Streeruwitz‘ „nicht präzise bestimmte Dynamik“ nennt: Die Dynamik reicht von der Handlungs- über die syntaktische zur intertextuellen Ebene. Damit setzt Streeruwitz ihr experimentelles literarisches Werk fort und entwirft einen gegenmodernen Dekadenzroman. Kultur und Gesellschaft werden erst als unentrinnbar dargestellt, um dann doch Möglichkeiten des Ausbruchs aufzuzeigen, indem immer wieder überraschend Anderes, seltsam Unerwartetes in Max‘ Welt eindringt.

Die beiden Pole, um die Max‘ Welt auf der Handlungsebene kreist, sind Geld und Sex. In seinem Denken sind sie untrennbar miteinander verwoben: „Und war er vom Sex abhängig und musste deshalb das Geld betreiben. Oder war er dem Geld verfallen und das Geld zog den Sex nach sich.“ Max‘ Denken kreist um seinen „Kleiner Mann“; der Sex in seiner Vorstellung wird von drei Spiegeln symbolisiert. In einem sieht er Lilli im Zustand höchster Wut, im zweiten den Rücken einer Asiatin, die ihn befriedigt, und im dritten seine beiden Töchter beim selbstvergessenen Spielen auf dem Fußboden. Die kostspielige Zahnoperation, Ausdruck der Käuflichkeit von Schönheit, vereint die beiden Pole: Max sieht seine blutende Mundhöhle als Resultat einer „hermaphroditische[n] Maßnahme“ und meint, Perfektion erreicht zu haben: „Er war sicher, sein Kleiner Mann immer gerade so dick, diese Höhle auszufüllen.“

Die erste Anderswelt, die in Max‘ Leben eindringt, ist die des Künstlers Gianni in Venedig. Gianni beobachtet Max in einem Restaurant, bezeichnet ihn als „Naturtalent“ des Essens, als „awja·as“, folgt ihm anschließend nach Hause und erklärt ihn zu seinem Mäzen: „Du wirst mich nähren und kleiden und dafür wirst du mit mir über meine Kunst bestimmen.“ Giannis Kunst besteht darin, nach Ess- und Duschritualen verschiedentlich gemusterte Kotwürste zu produzieren. Während Gianni, zumeist im nackten Zustand, Max‘ Wohnung besetzt hält, sieht jener – ein Gustav Aschenbach des 21. Jahrhunderts – zufrieden dabei zu.

Ein weiteres Eindringen des Anderen und Unerwarteten findet sich in London: Max findet Raj, einen ihm unbekannten jungen Mann, in seinem Hotelzimmer. Da ihm „die Ausdruckslosigkeit dieses jungen Mannes“ gefällt, beschließt Max, ihm zu vertrauen – er gibt ihm seine Kreditkarte und schickt ihn einkaufen.

Kreuzungen. spielt in vier europäischen Städten – Wien, Venedig, Zürich und London. Während Wien und Zürich unentrinnbare Zentren einer kapitalistischen Gesellschaft darstellen, sind Venedig und London die Anderswelten, die zeigen, dass, wenn sich für Max letztlich auch nichts ändert, doch zumindest die Möglichkeit auf Veränderung besteht. Max selbst spricht immer wieder abfällig von „den Wienern“. Den ganzen Roman über versucht er, Wien zu entkommen, was ihm in seiner Vorstellung schließlich durch Lilli ermöglicht wird: „Sie hatte es geschafft, ihn von sich zu befreien. Die Spiegeltrias. Sie waren zerstoben.“ Auch Zürich ist kein Ort für seine Einsamkeit: „In jedem [Zürcher] Restaurant war die Welt eingeteilt, in die, die dasaßen und die, die sich dazusetzten.“ In London hingegen ist Max frei, ein neues Leben zu beginnen: „Da [in London] konnte man gar nicht wissen, was einem alles nicht zugestanden wurde. Und dann konnte man es immer nachkaufen.“

Wie sein neues Leben aussehen wird, bleibt offen, wenn auch angedeutet wird, dass ihn sein Reichtum doch wieder einholen wird: Im letzten Kapitel stellt Max sich vor, sein Künstlerleben damit zu beginnen, Damien Hirsts Skulptur „For the Love of God“ unter dem Titel „For the Love of Gold“ nachzubauen.

Wie in Verführungen., Partygirl. oder Majakowskiring. findet Streeruwitz‘ Originalität auch in Kreuzungen. Ausdruck auf der syntaktischen Ebene. In ihren Tübinger Poetikvorlesungen sagte die Autorin: „Der vollständige Satz ist eine Lüge.“ Für gewöhnlich dienen fragmentarische Sätze dazu, die Distanz zwischen Leser und Erzähler zu verringern – was weggelassen wird, ist das Selbstverständliche, die Teile des Satzes, die der Leser automatisch mitdenkt. Streeruwitz‘ elliptische Sätze dienen einem anderen Zweck. Sie verzichtet auf Prädikate, Präpositionen, Binde- und Einleitungsworte – eben jene Elemente, die nicht eindeutig sind. So denkt Max etwa: „Aber von ihm und er ihr Vater und ihre Mutter und fürsorglich und so. Ihre richtigen Eltern das nicht gewesen und er musste verreist sein.“ Im Gegensatz zur traditionellen fragmentarischen Erzählweise, die sich natürlicher elliptischer Denkmuster bedient und damit das Lesetempo erhöht, schafft Streeruwitz eine Kunstsprache, die zum Innehalten und Nachdenken auffordert. In Scallas Worten: „[E]ine syntaktische [wird] zu einer semantischen oder gar pragmatischen Frage.“ Fragmentarische und nicht-fragmentarische Passagen wechseln einander ab, wodurch sich das Lesetempo und die gefühlte Distanz zu Max ständig verändern. Das immer wieder aufgegriffene Motiv des Reitens und der Notwendigkeit, nicht nur auf dem Geld, sondern auch auf dem Text zu „sitzen wie auf einem Pferd“, wird im ständigen Wechsel von Ellipsen und vollständigen Sätzen, von interner und externer Fokalisierung auch auf der syntaktischen Ebene reflektiert.

Auf der intertextuellen Ebene werden die Themen des Romans aus einem dritten Blickwinkel beleuchtet. Von Thomas Mann über die Fernsehserie Tatort, Henry James über William M. Thackeray, Ingmar Bergman bis Elfriede Jelinek finden sich Reflexionen, Interpretationsansätze und Seitenhiebe auf Texte und Filme aus Vergangenheit und Gegenwart. Einerseits bringt die fragmentarische Erzählweise Max‘ Verzweiflung und die Unentrinnbarkeit des sinnentleerten Lebens zum Ausdruck, andererseits stellt die Intertextualität den Roman wie auch Max‘ Leben in eine literarischen Tradition und macht es damit zum Teil eines größeren Ganzen, das der Unentrinnbarkeit und Verzweiflung ihre Endgültigkeit nimmt und ihr neuen Sinn gibt. Die behandelten Themen verbinden Kreuzungen. mit Streeruwitz bisherigem Werk und führen ihre gewohnten Leitmotive – Geld, Ausweglosigkeit, Anderswelten – fort.

Und am Ende der Odyssee durch Text und Gegenwart? Wer weiß. Auf den letzten Seiten isst Max eine Schokoladenbombe und beschließt, am nächsten Tag sein neues Leben zu beginnen. Und: „Am Ende schleckte er seinen Handteller ab.“

Kreuzungen.
Roman.
Frankfurt am Main: S. Fischer, 2008.
251 Seiten, gebunden.
ISBN 978-3-10-074434-0.

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Verlagsseite mit Informationen über Buch und Autorin

Rezension vom 18.08.2008

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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