#Roman

Kosmologie.

Jakob Kraner

// Rezension von Julius Handl

Alles herleiten anhand zweier Begriffe, Fläche und Rohr. Ein erfrischend großer Anspruch, dem Jakob Kraner mit kaleidoskopischem Textarrangement und einer auf geometrische Begriffe reduzierten Fabel gerecht werden will. Irrlichternde Einfälle und ein feiner, sympathischer Humor sorgen dafür, dass die Kosmologie dabei nicht die Grenze zum Größenwahn schlechter Prägung passiert.

Natürlich verhält es sich im Rohrinneren so, dass das was direkt an die Rohrmembran anstößt, vom Rohr am meisten versehrt wird, während das weiter innen Liegende des Rohrinhalts zunehmend unberührt bleibt. Hier gilt es für ein gesundes Rohr, den richtigen Mittelweg zu finden. Mitunter hat ein Rohr das Bedürfnis, die Welt möglichst lange in sich zu behalten, sodass es ihr bis in ihr Innerstes hinein seine Spur einbrennen kann. So wird die Welt jedoch hart und starr.

Am Anfang ist die Fläche (1). Gemeint ist die „letzte, totale Fläche“ der Wirklichkeit. Nach ihr kommt nichts mehr, auf ihr findet sich alles, was Wirklichkeit ausmacht. Und zwar genau so, wie es sich vor den Leser:innen entspinnt. Da wären zum Beispiel „die gefalteten Flächen“ (1.1), die Rohre (1.1.1). Die Rohre sind, vielleicht zum ersten Mal in ihrer Geschichte, die Protagonisten dieses experimentellen Romans. Die personifizierten Rohre handeln nicht, sondern verharren an ihrem Platz in Kraners ausgeklügeltem Kosmos. Anstelle einer Handlung folgt eine In-Bezug-Setzung, zum Beispiel zu der „Idee“ (1.1.2). Sie gehört zu den einfachsten gefalteten Flächen und ist, in der Systematik der Kosmologie, die nächste Verwandte des Rohrs. Oder dem „Knick“ (1.1.1.1), Resultat des Spieltriebs der Rohre, die gerne mit Ideen um sich werfen und sich so gegenseitig beschädigen. Und was ist jetzt mit der „Spreize“ (1.1.1.1.1.1.2.2.2)? Sie ist ein sich in zyklischer Bewegung befindlicher Apparat aus eingeschleimter Verstrickung und daran angeschlossener Notwendigkeit. Na bitte. Wem der Sprung vom „Knick“ zu schnell ging, der/die sollte dringend die Elemente zwischen „Knick“ und „Spreize“ studieren. Den Leser:innen wird Aufmerksamkeit abverlangt, denn jedes Element, oder treffender, jeder neue Begriff schält sich aus dem Vorangehenden und beginnt unmittelbar, Kraners Kosmos mit zu konstituieren. Ungenauigkeit beim Lesen wird von den komplexeren Nachfolgern geahndet, die vorangehende Begriffe unter sich subsumieren. Die Bewegung, die sich dabei vollzieht, eine Evolutionsgeschichte, ist gewissermaßen die Erzählung, die in die Kosmologie eingezogen ist. Die Erzählung ließe sich auch eine Beschreibung von Abläufen, Gesetzmäßigkeiten, potentiellen Handlungen nennen, die die Leser:innen nie unmittelbar bezeugen. Das Erzählen wird zum Spinnen einer sprachlichen Struktur, die die Wirklichkeit der Rohre bildet. Es entsteht das Gefühl, ein absurdes Lexikon irgendwo in borgesken Nebelschwaden zu durchblättern, sich, bei aller Distanz zwischen Mensch und Rohr, durch einen mystischen, aber unheimlich vertrauten Kosmos zu bewegen. Diese schön ausgearbeitete, doppelte Gewandtheit ist eine große Stärke des Buches: Einerseits ist hier ein außerordentlicher analytischer Blick am Werk, andererseits geht er nahtlos mit dem Metapherngebäude Kosmologie zusammen. Es tun sich verschiedene Lesarten auf und fallen in einander.

ABB. 33 – Beispiel gebündelter Überzeugungen: Oben abgebildete Rohre rotieren schnabelvoran um ein gemeinsames Zentrum und bewegen sich zugleich normal auf die Rotationsachse fort. Die Formation gibt innen den Rohren Sicherheit und hinterlässt außen Schneisen der Verwüstung. (siehe Abbildung)

Dieses Gefühl folgt Kraners sorgfältigem formalen Arrangement. Schon im Inhaltsverzeichnis sticht die Baumstruktur heraus, die das Buch in 34 kleine Kapitel unterteilt und ein wenig an Wittgensteins strengen Tractatus Logico-Philosophicus erinnert. Die Welt der Kosmologie endet jenseits der Begriffe, die Kraner für seine Rohre prägt. Soweit, so linear. Es gibt noch weitere Formgeschirre, die sich um den Text legen und sein Lesen stark beeinflussen. Die zahlreichen Abbildungen etwa, die, pointiert und witzig, der präzisen Beschreibung helfen, eine ebenso präzise innere Vorstellung zu erzeugen. Auch die sprachliche Wirklichkeit der Rohre kennt Lücken und das Visuelle ergänzt sie, nimmt ihr eine Teillast der Darstellung ab. Immer wieder ergeben sich glänzende Stellen, schmunzlige Momente, so in Abbildung 33 zu den „Überzeugungen“ (1.1.1.2.2) etwa. Die Abbildung schnürt aus den Beschreibungen ein Bündel und wird ein schönes Beispiel für den feinen Humor der Kosmologie. Der Humor der Rohre stellt einen Unterschied dar zu einer weiteren, in einer zweiten Spalte erzählten Geschichte. Auf den Seiten der Kosmologie herrscht reger Betrieb. Diese Geschichte, die sich um ein durch Wien irrendes Ich entwickelt und weniger umfangreich als der Rohrteil ist, ergänzt die luzide Fabel um eine konkrete Erzählung. Was sich da parallel entspinnt, ist den Rohren schwer zuzuordnen und sorgt für einen, wahrscheinlich auch so intendierten, mühsamen Lesefluss, der zum schnellen Umschalten zwingt: Während sich der Rohrkosmos gerade anfängt zu entfalten, schieben sich kleine Sätze aus einem Bewusstsein erster Person zwischen die kleinen Textblöcke. Da trifft Stream-of-Consiousness auf Fragment und Splitter, versandet aber erstmal leider neben dem deutlich kräftigeren Hauptteil. Erst später gerät der zweite Text in Bewegung, lebt von guten Beobachtungen, der Ahnung, es deute sich eine Allegorie an, und derselben Präzision, auf die sich auch die Rohre stützen.

Dieses einträchtig scheinende Gebaren darf keinesfalls als die Erfüllung des ursprünglichen Vervollständigungswunsches der Verstrickten gedeutet werden. Nicht die Beseitigung der Unvollständigkeit ist für die Liebenden entscheidend, sondern ihre Umdeutung. Ihr Schicksal ist die ständige Bewegung.

Die Präzision zeichnet Kraners Sprache in zweifacher Hinsicht aus. Während in der Wiener Partie die Sprache deutlich freier umhergeistert, Wortneuschöpfungen einander jagen, vertrackte, manchmal bissige Satzkonstruktionen für eine schwebende Atmosphäre sorgen, geht er bei den Rohren anders vor. Diese Sprache wirkt aufgeräumt, manchmal geglättet. Ein Vorteil, weil der Text davon lebt, dass sich die Metaphern und ihre komplexen Verbindungen nach und nach zum Ganzen fügen, die Sprache aus dem Irrgarten ein logisches Labyrinth macht. Andererseits wird den Leser:innen Spielraum genommen und manche Wege werden von Sprache und Struktur von vornherein abgeschnitten. Kontrolle wird zu einem Begriff, an dem die Meinungen zur Kosmologie auseinander gehen könnten: Während den Einen das Buch als absurder Käfig erscheint, genießen Andere die akribische Ausarbeitung und staunen über die blitzende Originalität.

„Ay“, ruft sie mir entgegen, die Runzeln ihrer Augenhöhlen spannen sich in Erwartung einer Antwort. Auf ihren Schenkeln, ein dicker Bogen Zeichenpapier. Viel zu große weiße Fläche Fläche auf dem kleinen Schoß. Bei jedem Baumeln der Füße sticht die Papierecke in den Arm der Nachbarin, die nun verärgert ihren rechten Kopfhörer aus der Haarwand zieht. „Ay“, ruft die Frau wieder und zeichnet einen schmucklosen Kreis, auf den sie nun zeigt.

Dass sich die lange Arbeit an dem Text gelohnt hat, zeigt die Neugier, die der Text zu wecken imstande ist. Wer sich auf die spielerische Art einlässt, hat einen weit verzweigten Kosmos zu entdecken, der seine Leser:innen gleichzeitig aus ihrer Realität enthebt und viel aus dieser offenlegt. Zum Abschluss vielleicht ein Gongschlag für das Verlagsbüro der Kosmologie: Dass Experimente wie dieses einen Platz in einer dafür neu eingerichteten Reihe bekommen, ist aktuell keine Selbstverständlichkeit und gehört erwähnt. Bravo an alle Beteiligten!

Roman.
Berlin: Rohstoff, 2022.
181 S.; geb.
ISBN 978-3-7518-7003-0.

Rezension vom 12.12.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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