#Roman

KOSMO

Isabella Breier

// Rezension von Daniela Fürst

Wie rettet man das unrettbar Flüchtige?  Und wozu sollte es gut sein, menschliche Erinnerungen zu archivieren? Im Jahr 2048 glaubt die Archivarin Chave, die Antworten auf diese Fragen zu kennen. Doch in der Vergangenheit löst sich diese Gewissheit wieder auf. In Isabella Breiers Roman KOSMO holt uns die Zukunft ein und schärft dabei unseren Blick auf das Gegenwärtige.

„Mit jeder Erinnerung einer Erinnerung ändert sich dieselbe zumindest ein bisschen. Weder Form noch Inhalt sind jemals hundertprozentig identisch.“ (S. 15)

Mit dieser Feststellung beginnt Isabella Breiers sechster Roman KOSMO und bildet zugleich die Grundannahme, von der aus alles, was aus der Erinnerung wiedergegeben wird, betrachtet werden sollte. (Im Übrigen wohl auch dieser Text hier!)
Welchen Wert haben also unsere Erinnerungen vor diesem Hintergrund? Wichtige Erinnerungen, also solche, die wir auch als kollektives Gedächtnis bezeichnen, werden in Gesellschaften gesammelt, archiviert und weitergegeben. Die meisten aber sind bloß individuelle, im Gehirn gespeicherte, mentale Repräsentationen vergangener Erfahrungen, die wir manchmal oral weitergeben oder aufschreiben. Und genau damit beschäftigt sich die Temporary Eternal Collection, eine der einundzwanzig Einheiten des Hybridkollegs im Jahr 2048. Sie sammelt schriftliche Aufzeichnungen subjektiver und gemeinhin als individuelle Gefühls- und Gedankenhaushalte subsumierte Erinnerungen.

Eine der dort angestellten Expertinnen ist die 62-jährige Chave M., und sie scheint in ihrem Job wahrlich ihre Berufung gefunden zu haben. Seit frühester Jugend steht sie mit „der Tatsache der Endlichkeit und vor allem mit dem Phänomen des Vergessens auf Kriegsfuß“ (S. 21) und stemmt sich tagaus, tagein gegen das Verschwinden des Vergangenen. Die für sie damit einhergehende, oberflächliche wie unbedachte Denk- und Lebensweise ist ihr ein Gräuel. Seit rund 28 Jahren besteht ihre berufliche Kernaufgabe darin, menschliche Gedanken und Erinnerungen anhand von gefundenen oder angeworbenen Protokollen aufzuarbeiten, zu kontextualisieren und zu archivieren. Ebenso strukturiert und akkurat wie sie ihre Arbeit macht, so gestaltet sie auch ihr übriges Leben. Alles ist geplant, an genaue Abläufe und festgelegte Zeitpunkte gebunden und wird als solches erfasst. Selbst körperliches Begehren und gelegentliche Ausschweifungen, deren Notwendigkeit sie als wesentlich für ihre Ausgeglichenheit erkannt hat, unterliegen einem strengen, selbst erdachten Regelwerk.

Seit geraumer Zeit plagen Chave aber Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihres beruflichen Tuns. Warum das alles? Ihrem Arbeitgeber, der Temporary Eternal Collection, wirft sie innerlich schon längst unlautere Absichten und eine gewisse Realitätsverweigerung vor. Wird doch anhand der von ihr aufgearbeiteten Protokolle aus den vergangenen Jahren deutlich, dass man trotz der schon vor Dekaden reichlich vorhandenen Daten und Fakten nichts Wirksames beispielsweise gegen die Klimaveränderungen unternommen hat.

„Es bleibt erstaunlich, mit welcher Beharrlichkeit man über Generationen hinweg nicht tat, was zu tun gewesen wäre, obwohl man es wusste“ (S. 49),

stellt Chave resigniert fest. Da wird ihr anonym eine Audiodatei mit dem Titel Gespensterprotokolle zugespielt, aus dem Jahr 2020 stammend. Etwas an den Notizen, die die Urheberin namens Louise in ihr Diktafon gesprochen hat, lassen die Archivierungsexpertin nicht mehr los.

Mittels Spezialtelefongespräch nimmt sie über zweieinhalb Jahrzehnte hinweg Kontakt mit Louise auf. Nach dem siebten und letzten dieser Telefonate im Frühling 2023 verschwindet diese aber plötzlich. Die einzige Spur sind die unveröffentlichten Texte einer Autorin namens Xenia, die Louise bei ihrer Arbeit im Literaturarchiv in die Hände fielen und mit der sie, wie sie in den Protokollen erzählt, bis zu Xenias Tod Kontakt hatte. In diesen Texten erzählt die Autorin unter anderem von jenem griechischen Ort namens Kosmo, wo sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte. Chave beschließt kurzerhand, dem nachzugehen, und beantragt beim Hybridkolleg eine Investigationsexpedition quer durch die Zeit von 2048 ins Kosmo des Jahres 2023. Warum sie das tut oder was genau sie erforschen möchte, ist ihr selbst nicht ganz klar. Geht es ihr tatsächlich nur darum, herauszufinden, was aus Louise, dem ach so menschlichen Gespenst und der Urheberin der Geisterprotokolle, geworden ist?

„Stimmen habe ich im Ohr, Klangfarben im Kopf.“ (S. 160)

Rund um die weiblichen Protagonistinnen Chave, Louise und Xenia baut Isabella Breier ein literarisches Vexierbild aus verschiedenen Perspektiven, Realitäts- und Zeitebenen sowie Textsorten. Das verbindende Moment zwischen den Figuren ist ein gewisses „Herausgefallensein“ aus der Gesellschaft, das Gefühl, nicht ganz selbstverständlich dazuzugehören, aus welchen Gründen auch immer. Vor allem aber teilen sie die Suche nach etwas, ohne dieses Etwas genau zu kennen, das aber irgendwie mit Kosmo in Verbindung steht. Der Ort, das Dorf Kosmo oder „Fels mit Schlange“, scheint eine der wenigen Konstanten zu sein; der zentrale Schauplatz der Geschehnisse, Flucht- und vielleicht auch Endpunkt. Aber dann auch wieder nicht, da auch der Ort immer wieder sein Aussehen, seine Bestimmung und Anwohner:innenschaft wechselt.

Den weiblichen Figuren gemein ist auch die Suche nach Antworten auf wichtige und drängende Fragen. Solche Fragen sind der Grund, warum Xenia schreibt, Louise verschwindet und Chave sich auf ihre Investigationsexpedition begibt. Und Fragen haben sich auch mir als Leserin zu Genüge aufgetan. Ich teilte auch von Beginn an Chaves steigendes Misstrauen der Temporary Eternal Collection gegenüber und deren vermeintlich nur Archivierungszwecken dienenden Absichten. Dass wir hinsichtlich unserer Daten schon längst alle als gläserne Menschen gelten und dass beinahe alles, was wir tun, diversen nutz- oder kapitalbringenden Verwertungen zugeführt wird, damit mögen wir uns abgefunden haben. Doch über unsere persönlichen Erinnerungen scheinen wir zumindest noch eine gewisse Verwertungshoheit zu haben. Noch ist allerdings das Stichwort. Noch wird vielleicht deren monetärer Wert nicht ausreichend hoch eingestuft, um einerseits kapitalistische Nutzungsformen auszubauen und andererseits entsprechende Bedürfnisse bei uns zu kreieren, die ein „Memory-Mining“ im großen Stil ermöglichen.

Auch sprachlich hat KOSMO einiges an Bemerkenswertem zu bieten. Vor allem jene Passagen, in denen Chave spricht, verdeutlichen in ihrer Komplexität und Wortgewalt den speziellen Charakter der Hauptfigur. Sie zeigen aber auch die Virtuosität der Autorin im Umgang mit Sprache. Breiers Einsatz sprachlicher Mittel ist souverän, nicht nur in den oft halbseitenlangen Sätzen. Sie hat eine Vorliebe für möglichst treffsichere Kombinationen aus Verben und Adjektiven; dabei bleibt sie immer genau und präzise, die Beschreibungen rutschen nie ins Blumige oder gar Fabulierende ab. Ungewöhnlich für einen Prosatext sind auch die umfangreichen Fußzeilen, die uns Leser:innen mehr als bloß zusätzliche Informationen liefern. Freilich können sie ungelesen bleiben, um den Lesefluss nicht zu stören, empfehlenswert ist es aber nicht. Nicht zuletzt vermittelt Isabella Breier auch eine Kostprobe ihrer Fähigkeiten als Lyrikerin, denn die Überschriften der sechzehn Kapitel, in die das Typoskript zu Louises Gespensterprotokolle unterteilt ist, sind jede für sich ein Gedicht.

„kratzt wer die Häute des Wirklichen auf, streiche ich schmierige Schlieren entlang“ (S. 207)

Mit KOSMO beweist Isabella Breier erneut die Fähigkeit, kritisch auf gesellschaftliche Verhältnisse zu blicken, sowohl Absurdität wie Bedrohung in alltäglichen und vermeintlich harmlosen Selbstverständlichkeiten aufzuspüren und das gekonnt mit ihrer Affinität zu schwer greifbaren Phänomenen wie Träumen, Erinnerungen und Emotionen zu verbinden. Sie schafft damit eine Erzählung, die in erster Linie unterhält, oft genug amüsiert, gelegentlich aber auch subtil verstört. Und nicht zuletzt wird ihre Liebe zu Griechenland, seiner Mythologie, Sprache und Kultur „erlesbar“. Im Übrigen einer der Aspekte, die der vorliegende Roman KOSMO mit Breiers 2022 erschienenem Roman Grapefruits oder Vom großen Ganzen teilt –neben einer exzentrischen Ich-Erzählerin, seltsamen Vorkommnissen und Realitätsverschiebungen, sowie die Kritik am Kunstbetrieb in Grapefruits und am Literaturbetrieb in KOSMO.

Erzähltechnische Möglichkeiten reizt Isabella Breier nicht nur in Grapefruits und KOSMO aus, sondern in allen ihren Texten. Gekonnt spielt sie mit sprachlichen Varietäten, Textgattungen und herkömmlichen Leseerfahrungen. Sie fordert unsere ganze Aufmerksamkeit und erlaubt uns Leser:innen am Ende, die Erwartungen an künftige Romane ruhig etwas höher anzusetzen. Begeben Sie sich also nach KOSMO, auf Ihre eigene „Lese-Investigationsexpeditions-Reise“!

 

Daniela Fürst ist Kultur- und Mediensoziologin und seit 2004 redaktionell sowie organisatorisch Teil des Projektes literadio, das Gegenwartsliteratur hörbar macht.

Isabella Breier KOSMO
Roman.
Wien: Septime Verlag, 2026.
336 Seiten, Hardcover.
ISBN: 978-3-99120-077-2.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Rezension vom 15.05.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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