#Roman

Klara spielt nicht mit.

Susanne Pollak

// Rezension von Holger Englerth

Der Titel von Susanne Pollaks zweitem Roman Klara spielt nicht mit könnte in die Irre führen, verheißt er doch – besonders in Kombination mit dem Kinderbild am Cover – die Einfachheit und Geradlinigkeit einer Kindheitsgeschichte, die Pollak sich aber mit aller Kraft und Konzentration versagt.

So begegnen wir der titelgebenden Klara, der Schwester der Erzählerin, nach einem vierseitigen Prolog, der eigentlich alles andere als ein Prolog ist, erst wieder nach einem guten Drittel des Romans. Zuvor wendet sich die Erzählung ihren Eltern zu, die sich im französischen Exil und der Résistance kennen und lieben gelernt haben. Auch die Erzählerin wird in Frankreich geboren, ihre Kindheit verbringt sie dann im Nachkriegswien, in das ihr Vater mit seiner aus Deutschland stammenden Frau zurückkehrt. Es gelingt ihnen trotz ihrer jüdischen Herkunft und der zumindest anfänglichen Zugehörigkeit zur kommunistischen Partei eine Existenz aufzubauen, auch wenn die Beziehung unter dem Druck der Verhältnisse leidet.

Eindrücklich wird eine Nachkriegskindheit aus der Perspektive der Erzählerin Edith beschrieben, in der die fremde Herkunft und die andere Sprache immer mehr der Anpassung und dem Funktionieren geopfert werden. Während der Großteil aus der Perspektive von Edith geschildert wird, sind immer wieder kursiv gesetzte Passagen zwischengeschaltet, die den kindlichen bzw. persönlichen Blick um die historische Einordnung und erwachsene psychologische Deutung erweitern. So folgt auf die Beschreibung des Gefühls der Fremdheit und des Alleinseins, das Edith zunächst im Gymnasium hat, eine Begründung, die dem 10-jährigen Kind kaum erkennbar gewesen wäre:

Viel Kraft forderte das normale, kleinbürgerliche Leben dem Vater und der Mutter ab unter Menschen, die sie zuvor ohne Gnade den Nazihenkern ausgeliefert hätten und nun nicht willkommen hießen. Die antifaschistische Aufbauarbeit, deretwegen sie überhaupt Frankreich verlassen hatten und nach Österreich zurückgekehrt waren, musste als gescheitert gelten. (S. 52)

Da die Erzählerin heranwächst, nähert sich die auktoriale Position jener der Erwachsenen an – und den Lesenden wird dabei auch klar, dass wohl beide Perspektiven nicht gerade verlässlich sind und man nicht darum herumkommt, selbst eine Position zum Erzählten zu finden. Denn mit der Geburt von Klara tritt eine Störung in das Leben ihrer Schwester Edith, sie ist von Beginn an etwas Unbegreifliches, auch Enttäuschendes für die Erzählerin. Die ständig Kranke, deren Krankheiten nicht immer glaubwürdig erscheinen, wird zur Fremden in der eigenen Familie und zieht doch deren ganze Kraft auf sich. In einer Familie, in der Funktionieren und Selbstkontrolle zur Notwendigkeit geworden sind, auch aus den Zwängen der Nazizeit und ihres Fortwirkens abgeleitet, stellen das fortgesetzte Scheitern und die Unkontrollierbarkeit von Klara eine Irritation dar. Klara dominiert die Familie, und sie, die im ersten Teil des Romans noch gar keine Rolle spielt, verdrängt auch die Erzählerin selbst aus dem Text. Später wird sogar deutlich, dass die Schilderung der Zeit vor Klaras Geburt auf den ausdrücklichen Wunsch von ihr selbst zurückgeht.

„Nein, noch weiter zurück, noch mehr zurück!“
„Was meinst du?“
„Na zurück, weiter zurück, an den Anfang zurück!“
„Welchen Anfang?“
Du ereiferst dich, beginnst zu keuchen: „Du gehst zurück und noch weiter zurück und noch weiter!“

(S. 203)

Während Klaras von misslingenden Ausbruchsversuchen und radikalen Neustarts geprägtes Leben akribisch geschildert wird, tritt das Leben ihrer erzählenden Schwester, an dem die Lesenden zu Beginn so viel Anteil nehmen können, immer mehr zurück und ist offenbar nur noch in den auf Klara bezogenen Teilen erzählenswert. Doch trotz dieser Konzentration, dieser Gewichtsverschiebung im Text, bleibt die Beziehung zu Klara eine von Distanz geprägte. Pollaks Roman wird dadurch zu einer ergreifenden Studie über Abhängigkeiten und Zwänge, die einer echten Nähe auf tragische Weise im Wege zu stehen scheinen. Gerade durch die Kühle der Erzählperspektive entsteht dabei ein Effekt, der die Hilflosigkeit und die Wut, die das Leben der Schwester auslösen, nachvollziehbarer macht, als es eine bilderreiche oder ausschweifende Sprache könnte.

Der Schmerzlichkeit des Ringens um ein Begreifen, das scheitert, fügt Susanne Pollak aber am Ende des Romans noch einen Raum für unerwartete Nähe und Zuneigung hinzu. Wenn auch die Muster der Herkunft des menschlichen Schmerzes nicht immer zu durchdringen sind, lassen sich die Muster des Schmerzes selbst vielleicht doch zuweilen durchbrechen.

Roman.
Wien: Picus Verlag, 2022.
208 S.; geb.
ISBN 978-3-7117-2124-2.

Rezension vom 04.10.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.