#Prosa

Karrieren.

Werner Schneyder

// Rezension von Matthias Köpf

oder Das letzte Drittel entscheidet.

Er könnte selbst eine seiner Figuren sein, dieser Werner Schneyder: Nicht mehr ganz jung, alt auch noch nicht, und mit einer recht ansehnlichen, wenn auch nicht absolut glänzenden Karriere in einer Kreativ-Branche beschäftigt. Wie soll es weitergehen im entscheidenden „letzten Drittel“?

Schneyder hat sich unter anderem für die Schriftstellerei entschieden. Daß er mit der Sprache umgehen kann, hat der gepflegte Ironiker hinlänglich bewiesen, und daß er sein bewährtes Werkzeug nachhaltig verändern würde, war nicht wirklich zu erwarten. Formale Experimente sind seine Sache also nicht, doch das müssen sie auch nicht sein für diese neun Momentaufnahmen aus dem Grenzbereich zwischen Karriere und Privatleben.

Die zwischen zehn und 35 Seiten langen Prosastücke kreisen um die Gegenwart von zwei bis drei Personen, deren Vergangenheit gerade genug angedeutet bleibt, um ihre jetzige Lage zu bestimmen. Die Zukunft? Wer weiß. Da treffen sich beispielsweise zwei ehemalige Jungtalente aus der Eishockey-Provinz, mittlerweile abgehalfterter Profi der eine, Architekt des neuen Eisstadions der andere. Die Innenansichten der beiden geben Schneyder willkommenen Anlaß zu Seitenhieben auf den Profisport inklusive Doping und modernen Menschenhandel einerseits und die fragwürdige Praxis der Auftragsvergabe im Sumpf der Lokalpolitik andererseits. Nach einem gemeinsamen Zechgelage blicken beide auf ihr Erbrochenes und überlegen, ob sie tauschen sollen.

Überhaupt scheint der Alkohol in vielen Geschichten die einzige Fluchtmöglichkeit aus dem jämmerlichen Betrieb zu sein, in dem Schneyders Figuren ihre Karrieren durchleiden. Nur das junge Fotomodell aus der längsten Erzählung „Das letzte Drittel“ greift hauptsächlich zu Pillen und härteren Betäubungsmitteln, bevor sie im eleganten Kurbad eine vielversprechende sommerliche Liaison mit dem Chefarzt beginnt.

Daneben kämpft ein Dirigent mit den Gesangswünschen seines Vaters, ein Cellist mit dem ihn technisch überfordernden Fotoapparat, ein Klavierspieler mit dem Suff, ein Jungverleger mit dem Kitsch und eine schriftstellernde Schauspielerin mit der neuen Verlegerin.

Besonders bemerkenswert sind die beiden letzten Erzählungen: In „Wein am Fluß“ beweist ein österreichischer Kabarettist und Weinliebhaber seinen damaligen DDR-Kollegen, daß mit dem nötigen Engagement gegen das bürokratische System eben doch eine Flasche des lokalen Weißweins zu beschaffen ist. Diese offensichtlich autobiographisch inspirierte und nebenbei auffällig unironische Geschichte scheint dann selbst Werner Schneyder etwas zu eitel, weswegen er sie in eine Rahmenhandlung mit einem seinerseits dem Wein nicht abgeneigten Leser setzt. Ganz anders dagegen „Die Ableitung“, die auch formal etwas gewagter konstruiert ist: Hier redet sich ein Künstler eingedenk seines Mathematiklehrers in einen Furor, als er im Interview den Faschismusvorwurf gegen einen Kollegen letztgültig zu beweisen sucht.

Dieser Furor ist es, den man sich beim Lesen von Schneyders Erzählungen manchmal ein wenig wünschen würde. Doch immer bleibt er um distanzierte Eleganz bemüht und parliert auf Dauer fast zu kultiviert. Daß seine Darstellung des Kulturbetriebs bisweilen hart an der Grenze zum Klischeehaften entlangschrammt, sei dem Ex-Kabarettisten verziehen: Unterhaltsam ist er jedenfalls.

Erzählungen.
Wien, München: Kremayr & Scheriau, 2000.
172 S.; geb.
ISBN 3-218-00674-0.

Rezension vom 20.03.2000

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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