#Comic
#Roman

Jakob Neyder

Franz Suess

// Rezension von Johanna Lenhart

Es ist etwas passiert. Franz Suess, einer der renommiertesten Comickünstler Österreichs, erzählt in Jakob Neyder von einem jungen Mann, der in eine Abwärtsspirale von Schuld und Paranoia gerät – und keinen Ausweg findet.

Stumm fängt der neue Comic von Franz Suess Jakob Neyder an: Ein ganzseitiges Porträt eines Hundes, der den Leser:innen mit großen schwarzen Augen entgegenblickt. Die darauffolgenden Porträts von Menschen, die Jakob auf die eine oder andere Weise nahe waren, haben zwar Text, sagen aber nichts: „Ich… kann nicht über meinen Sohn sprechen.“ (S. 8), bekennt seine Mutter.

Jakob Neyder ist die Geschichte eines jungen Mannes mit Überzeugungen, mit denen er nicht hinterm Berg hält. In zwischenmenschlichen Beziehungen jedoch lässt er vieles unausgesprochen. Eine Straftat, begangen in der Hitze des Moments ist der Katalysator für die Erzählung: Jakob stellt einen Umweltsünder zur Rede – die Situation eskaliert, endet gewaltsam. Er ergreift die Flucht, entzieht sich der Verantwortung.

Bereits vor der Veröffentlichung gewann Franz Suess für Jakob Neyder den hochdotierten Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung – mit gutem Grund. Denn die Erzählung um den unvermittelt in ein moralisches Dilemma geratenen Jakob ist hohe Kunst. Mühelos die Stile wechselnd, gelingt Suess eine nuancierten Zeichnung von Charakteren und einem Beziehungsgeflecht, das, geprägt von misslungener Kommunikation und Täuschungen, keinen Halt gibt – offen ausgesprochen wird hier gar nichts.
Jakobs Nachrichten an eine Mitschülerin, mit der er sich gelegentlich trifft, kommen nicht an, seine Mutter sucht eine Ausrede, um mit einem Arbeitskollegen, statt mit Jakob in den Urlaub fahren zu können, ein Brief verschwindet, bevor er ihn lesen kann. Das Gefühl, isoliert zu sein, und gleichzeitig mit zunehmender Paranoia an jeder Ecke jemanden zu sehen, der vielleicht etwas von dem fatalen Zusammenstoß weiß, vermittelt Suess gekonnt, indem er Jakobs Wahrnehmung mit der anderer kontrastiert und immer wieder Gesichter in den Fokus nimmt.

Dennoch bauen die Figuren kaum Blickkontakt miteinander auf, schauen aneinander vorbei, oder auf diverse Bildschirme. Einprägsame Bilder der Einsamkeit, die gelegentlich unterbrochen werden, von Panels, die nur noch aus Augen bestehen: gesehen werden (wollen) oder nicht – in den verschiedensten Facetten. Ein Spiel mit Nähe und Distanz, das zunehmend beklemmend wirkt und die Leser:innen mit in Jakobs Psyche nimmt. Dabei spielt Suess geschickt mit Erwartungshaltungen, indem er die chronologische Abfolge der Ereignisse stört, etwa das fatale Ereignis erst spät enthüllt oder Reaktionen auf Jakobs Schicksal an den Anfang stellt.

Wenn der erste Teil, „In der Stadt (ohne Kopf)“, mit feinen Linien in schwarz-weiß gehalten ist – wie man es etwa von Suess‘ Zu fallen und weiter (2013) kennt – überrascht der zweite Teil, „Auf dem Land“ mit geradezu gleißender Helligkeit und klaren Farben. Jakob, von seiner Mutter mit dem Hund in ihr Sommerhäuschen aufs Land geschickt, und Tim, der ihn begleitet und mit dem sich eine Beziehung anbahnt, scheinen schöne Sommertage in der drückenden Hitze zu verbringen – komplett mit Badesee und einem überraschenden Auftritt von Wilhelm Buschs Der kleine Maler mit der großen Mappe. Aber auch hier kann sich Jakob seiner Paranoia und Schuldgefühlen nicht entziehen, ein bedeutungsschwangeres Ignorieren legt sich wie ein bedrohlicher Schleier über alles: „Lieber nicht dran denken, was?“ (S. 19), meint Jakob am Anfang der Erzählung und lässt schon erahnen, wie unmöglich dieses Unterfangen ist. Als Susi, mit der Jakob ebenfalls mehr als eine Freundschaft verbindet, unvermittelt auftaucht, ist es auch schon fast vorbei. Im letzten Teil „Im Wald, im See, im Kopf“ wird schließlich alles in Rot getaucht und Jakob scheint plötzlich ganz allein auf der Welt zu sein, auf sich selbst zurückgeworfen: Ein Strudel, ein Auge, etwas ruft nach Jakob und plötzlich spricht der Hund.

„Jeder bekommt die Strafe, die er verdient.“ (S. 176), bemerkt Jakobs Opfer wiederholt und scheint dabei der Ironie angesichts seines eigenen Verhaltens ziemlich blind gegenüberzustehen. Jakob Neyder denkt mit bemerkenswerter Vielschichtigkeit über die Nuancen von Verantwortung – auch angesichts der menschengemachten ökologischen Katastrophe – und Schuld nach, über Einsamkeit und den Kampf mit sich selbst.

 

Johanna Lenhart, Studium der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien. 2017-2022 OeAD-Lektorin an der Ain-Shams-Universität Kairo, Ägypten, und an der Masaryk-Universität Brno, Tschechische Republik; 2022-2024 externe Lektorin an der Masaryk-Universität; seit 2023 beim Ars Electronica Festival als Redakteurin sowie im Projektmanagement im Bereich Demokratiebildung und Digital Transformation tätig; Forschungsschwerpunkte umfassen u. a. österreichische Literatur der Gegenwart, Comic sowie Genreliteratur und -film.

 

Franz Suess Jakob Neyder
Comic.
Berlin: avant-verlag, 2025.
184 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-96445-130-9

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Homepage von Franz Suess

 

 

 

 

Rezension vom 10.01.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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