#Prosa

Irres Wetter.

Kathrin Röggla

// Rezension von Anne M. Zauner

Kathrin Röggla rennt.
Die Autorin irrlichtert in ihrem neuen Text durch Berlin. Sie dringt ein in Wohn- und Schlafzimmer, sitzt am WG-Küchentisch, zieht durch die Berliner Kneipen und hört zu.
Unablässig reden die Menschen, und Kathrin Röggla notiert ihre falschen Töne.

Hauptmotiv ihrer Berliner Skizzen ist die wortreiche Sprachlosigkeit der von ihr geschaffenen post-postmodernen Existenzen im babylonischen 21. Jahrhundert, wo das richtige Label, der richtige Jargon über Sein oder Nichtsein entscheidet: „und dann fing er mit seinem subversionsterror wieder an. war ja zu erwarten gewesen, daß er sich da wieder reinverirrt in seinen subversionsterrorton: geheimsprache on!“, „denn gentrification! lautet hier das stichwort, ist die bewegung, die durch mitte geht, und think-positive-hardliner geben sich darin die hand.“, „klingvokabel der ausgehenden 90er!“, „die große linke behauptung“, „ein zombiewort“ oder „globalkolorit“.

Kathrin Rögglas Irres Wetter ist voll von Zitaten und Anklängen an vergangene Moden und Zeitströmungen, ja das Buch lebt davon. Die Autorin wirft scheinbar wahllos Wissen und Halbwissen auf die Seiten. Sie formuliert: „von geräuschloser einfachheit durchdrungen, so beschreibt marx feuerbachs hegelkritik“ und setzt dazu: „das kann man womöglich auch anderswo entdecken, nicht jedoch im röntgenpalast, da rauscht alles. was solls, wir gehen trotzdem hinauf.“ Im Vorbeigehen erledigt sie die großen Glaubenssätze unseres Jahrhunderts und schmeißt sie auf den Sprachmüll.

Wie schon in ihrem ersten Buch „Niemand lacht rückwärts“ kollert die Erbengeneration ihres Wegs und wechselt ständig die Richtung; was heute zählt, landet morgen im Abseits. Die Metaphern blühen und verblühen. Die Hauptstadt Berlin ist ein gutes Pflaster für Rögglas Poetry Slam. Nirgendwo sonst in Europa treffen so viele Gegensätze aufeinander, leben die Menschen nebeneinander in den unterschiedlichsten Epochen: da strotzen die Glaspaläste des 21. Jahrhunderts, noch seltsam unbeseelt, und erzählen von Hauptstadtwahn und Hauptstadtgröße, da drängen sich die Alt-68er-WGs und die Punkabsteigen ins „so 36“ und träumen von der seligen Insel Westberlin, dort blüht eine neue Kunstschickeria im wiedervereinten Prenzlauer Berg, daneben gibt es immer noch die Endstation Neukölln, und da ist das Berliner Um- und Brachland, die Mark Brandenburg, wo selbst zehn Jahre nach der Wende kein Aufbruch in die Gegenwart spürbar wird.

Seismographisch lotet die junge, in Salzburg geborene Autorin das Menschenmaterial der Stadt aus, in der sie seit einigen Jahren lebt, und verwandelt es in ihre – zu recht hochgelobte – assoziative Prosa. Rögglas neuem Buch gelingt es jedoch nicht, den Spannungsbogen durchzuhalten. Szene für Szene läßt die Konzentration nach, verliert ihr Sprachtalent über den von ihr aufgehäuften – wenn auch ironisch gebrochenen – klischeehaften Alltagssujets an Kraft. Die Figuren leiden an Unschärfe – irgendwann sehnt man sich schlicht nach Inhalten.

Der Text droht schließlich auseinanderzudriften, die Sprachkreisel drehen sich in selbstverliebter Eigennützigkeit um „kleingedrucktes“.
Irres Wetter ist sicher nicht Kathrin Rögglas bestes Buch, ihr Talent verleugnet sich trotzdem nicht. Immer wieder gelingen ihr Szenen wie die Beschreibung eines „Ausflugs“ zu einem ehemaligen DDR-Lager in Brandenburg, und Kathrin Röggla schreibt sich – in vertauschten Rollen – ihr Motto selbst auf die Fahnen: „doch während sie ihm noch so klingvokabeln der 90er vorbetet, ist er schon umsetzbereit: ‚jetzt aber los!'“

Prosa.
Salzburg, Wien: Residenz, 2000.
168 S.; geb.
ISBN 3-7017-1171-2.

Rezension vom 02.05.2000

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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