#Roman

Insel im Sommer

Wolfgang Hermann

// Rezension von Michaela Schmitz

Reise ins Licht
Wolfgang Hermanns neues Buch Insel im Sommer schließt an seinen 2012 erschienenen Roman „Abschied ohne Ende“ an. Der autobiografisch fundierte Roman war der Versuch des Autors, den unerwarteten Tod seines jugendlichen Sohnes, der damals bereits dreizehn Jahre zurücklag, literarisch zu verarbeiten. Insel im Sommer erzählt nun vom Weg des Vaters zurück ins Leben. Die zweiundsiebzig Seiten kurze Erzählung liest sich wie eine lange poetische Meditation. Eine Achtsamkeits-Reise in drei Etappen: von Wien über Paris in die Provence. Sie sei, so der Autor selbst, nach der langen Dunkelheit ein Schritt ins gleißende Licht.

Gefangen im langen Schatten der Trauer, fühlt sich der Vater und namenlose Ich-Erzähler noch viele Jahre nach dem Tod seines Sohnes Fabius unfähig, ins Leben zurückzufinden. Als ihm plötzlich, buchstäblich aus heiterem Himmel, auf der Straße in Wien eine unbekannte Schöne begegnet. Cristina erscheint ihm wie eine überirdische Lichtfigur. Die Affäre zur verheirateten Spanierin in himmlischer Engelsgestalt bringt ihn wieder ins Leben zurück. Doch die Erinnerung an seinen Sohn holt ihn ein und ihre Beziehung scheitert, als Cristina sich ein Kind von ihm wünscht.

Der Verlassene flieht aus Wien nach Paris. Einem Ort, der ihm schon einmal Ort der Selbstfindung und Schlüssel zur Welt war. Und der jetzt erneut zum Ausgangspunkt seiner Reise zurück zu sich selbst wird. Ziel ist die Provence, mit der ihn glückliche Erinnerungen an seinen Sohn verbinden. Die Ankunft erscheint ihm wie die Wiederkehr in (s)ein gelobtes Land, die Heimkehr in ein archaisches Paradies von biblischem Charakter.

Die vom nahen Meer, ewigem Wind, dem Gesang der Zikaden, dem Duft von wildem Thymian, Rosmarin und Lavendel und dem Licht des Südens geprägte Landschaft überstrahlt die Schatten der schmerzvollen Erinnerung aber nur momentweise. Im Landhaus bei Freunden und an Badestellen am See, die er gemeinsam mit Fabius besucht hatte, verdunkeln sie doch immer wieder seine Seele.

Wie ein seelisches Gravitationszentrum umkreist der Reisende den „Mont Saint Victoire“. Mythos der Region und zentrales Motiv im Werk Paul Cézannes. Ein „heiliger Berg“, den der vom Erzähler erwähnte impressionistische Maler immer wieder und von allen Seiten aus malt. Der Berg wird zum Symbol für den künstlerischen Versuch Cézannes, die zerfallenen Realitätspartikel in eine neue poetische Wirklichkeit zu transzendieren.

Auch die Reise des Ich-Erzählers ins Herz der Provence und seiner Erinnerung beschreibt mehr als die Suche eines Vaters, der nach dem Tod seines Sohnes einen persönlichen Neuanfang wagt. Sie markiert auch den Willen des Autors zu einem poetologischen Neubeginn.

Deshalb ist es kein Zufall, dass seine Erzählung im Stil und Duktus an Peter Handkes „Lehre der Saint Victoire“ erinnert. Den zweiten Teil der mit dem namensgebenden Band „Langsame Heimkehr“ beginnenden Tetralogie, die einen Wendepunkt in Handkes Werk darstellt: eine Neuausrichtung seiner Poetologie weg von der Sprachkritik hin zum Schreiben, das im Blick für die unscheinbaren Dinge die Wahrnehmung öffnet auf der Suche nach einer „Zusammenschau“ der fragmentierten Wirklichkeit durch die Poesie.

Die zufällige wie schicksalhafte Begegnung mit einem kleinen Mädchen öffnet dem Ich-Erzähler buchstäblich die Augen für eine neue Dimension der Wahrnehmung. Auch die kleine Maria ist eine engelhafte Gestalt mit einer besonderen Aura. Sie ist die Tochter einer Künstlerin und aus einer gescheiterten Beziehung zu einem buddhistischen Mönch hervorgegangen. Klara, praktizierende ZEN-Meditierende, erschafft von der Natur inspirierte Kunstwerke wie Windskulpturen und Bilder in den für die Provence charakteristischen, vom kräftigen Ocker bestimmten Erdfarben.

Maria bringt den Ich-Erzähler mit ihrer Mutter Klara zusammen. Und wählt ihn zu ihrem Wunsch-Vater. Der zum zweiten Mal Vater gewordene Erzähler fühlt sich endlich zurück im Licht. Zu dritt setzen sie über zu neuen Ufern, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: auf der Fähre zur Insel Porquerolles, wo der Erzähler traumhafte Urlaubsmomente mit seinem Sohn erlebte.

Doch die Erinnerung an Fabius wird jetzt und hier nicht mehr nur schmerzlich erlebt, sondern stellt sich allmählich in einem besänftigenden neuen Licht dar. Das Leiden wird dabei nicht ausgelöscht, sondern der Schmerz wird gleichsam durch Schönheit überblendet.

„Wenn die Achtsamkeit etwas Schönes berührt, offenbart sie dessen Schönheit. Wenn sie etwas Schmerzvolles berührt, wandelt sie es um und heilt es“, schreibt der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh.

Wolfgang Hermanns Insel im Sommer ist ein schmerzvoll schönes Buch, eine poetische Achtsamkeits-Meditation, die vom tiefsten Dunkel ins Licht führt. Hermann entwirft in seiner Erzählung magische Bilder, die Schmerz durch Schönheit erlösen, indem sie Kunst und Natur in poetischer Sprache versöhnen.

Wolfgang Hermann Insel im Sommer
Roman.
Wien: Czernin, 2022.
72 S.; geb.
ISBN 978-3-7076-0754-3.

Rezension vom 23.02.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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