Nach Im Schein der Pfütze (Müry Salzmann, 2024) hat der Musiker, Performer und Autor Jimmy Brainless nun den zweiten Teil einer fiktionalisierten, weitverzweigten Familiengeschichte aus zwei Kontinenten (Asien und Europa) vorgelegt, deren Bezüge zu seiner eigenen Herkunft von einer taiwanischen Mutter und einem österreichischen Vater aber klar hervortreten. Simon, der zentrale Ich-Erzähler (der an markanten Stellen, vor allem gegen Ende des Romans, in die distanzierte, abgeklärtere Er-Form wechselt), bewegt sich geschickt als Reisender und eloquenter Wortführer zwischen Tainan/Formosa/Taiwan und Wien, um ein Jahr Auszeit vom bisherigen Leben zu nehmen. Dazu passen häufige Anspielungen auf musikalische Prägungen, die ihm das Leben strukturell als „Sesseltanz“ (vgl. Kapitel 2) erscheinen lassen.
Man muss den ersten Band der Saga nicht unbedingt kennen, um mit Gewinn zum vorliegenden Werk zu greifen. Das liegt sowohl daran, dass alles, was vonseiten der Literaturkritik bisher ausgeführt worden ist, nach wie vor zutrifft, als auch daran, dass das poetologische Grundprinzip weitergeführt und anhand vieler Textpassagen ausreichend illustriert wird, um nicht das Gefühl zu bekommen, etwas versäumt zu haben. Simon pflegt nämlich die Gewohnheit, Pfützen, die er da und dort findet, als eine Art Medium zu benützen, um in den mehr oder weniger diffusen Spiegelungen der Wasserlachen Angelegenheiten aus der Ahnenzeit erblicken und (im wahrsten Sinne des Wortes) durch-schauen zu können. Daraus entsteht ein surreal anmutender Illusionsraum, der mit einer Fülle von Geschichten, Anekdoten, Reflexionen und Mutmaßungen über seine Altvorderen, in erster Linie die Groß- und sogar die Urgroßelterngeneration, ausstaffiert wird.
Obwohl nicht explizit davon die Rede ist, muss Simon seinen Nietzsche intus haben. Denn unweigerlich muss man bei der von ihm präferierten Version dessen, was man früher wohl als ‚Kaffeesudlesen‘ bezeichnete, an die bekannten Worte des Philosophen denken, die aus Also sprach Zarathustra stammen: „Sie trüben alle ihr Gewässer, dass es tief scheine.“ Genau so entwickelt sich der rote Faden des gesamten Romans aus der überaus kommunikativen, mitunter konfliktbeladenen Auseinandersetzung mit flüssigen Oberflächen, die geradezu anthropomorphisiert erscheinen und wie auf Displays Vorkommnisse sicht- und hörbar werden lassen – aus den unterschiedlichsten Zeiten, an den unterschiedlichsten Orten und in den unterschiedlichsten Familienkonstellationen. Onkel, Tanten, Cousinen (der einzige Cousin fällt tatsächlich nicht ins Gewicht), Opas, (Stief-)Omas und deren jeweilige Eltern werden einer orakelhaften Betrachtung unterzogen, um den Prozess der schwierigen Identitätsfindung des Protagonisten (und indirekt auch seiner Schwester Lupida, mit der er oft in Gedanken- und Erfahrungsaustausch mittels Skype steht) zu vermitteln und zu verdichten. Bei der Lektüre erweist sich das beigelegte Lesezeichen, auf dem die Stammbäume der taiwanischen und der österreichischen Seite abgebildet sind, als überaus hilfreich, um den Überblick zu bewahren.
Geschichten über Familien als Keimzellen und primäres Übungsfeld sozialen Verhaltens zählen nicht von ungefähr zu den ältesten und nachhaltigsten Narrativen, wobei von Jimmy Brainless ein wahres Trigger-Pandämonium entfaltet wird, in dem gegenseitige Schuldgefühle zum wesentlichen Gemeinschaftsgefühl werden. Aus dieser Paradoxie heraus kommt es insofern zu vielen Überschneidungen der Binnen-Erzählungen, wenn die Hauptfigur aus einem Handlungsstrang in einer anderen Geschichte als Nebenbeteiligte:r oder bloße Hintergrundfigur auftaucht, so dass sich ein Gesamtbild erst im Kopf der Leser:innen zusammenfügen muss. Denn natürlich treten Personen, deren Tod bereits einmal berichtet worden ist, in folgenden Episoden wieder auf, so dass die a-chronologische Anordnung der mitgeteilten Ereignisse etliche Anlässe für komische Effekte und ironische, mitunter recht sarkastische Kommentare Simons bieten, der sich ungeachtet der Liebe zu seinen Vorfahren letztlich doch wie in einem Käfig fühlt, aus dem er sich befreien möchte (vgl. S. 188, 270).
Einzig Mei-Ya, die Mutter von Simon und Lupida, erhält einen übergeordneten Status, weil ihr tragischer Unfalltod wie ein forensisches Leitmotiv von Anfang bis Ende des Romans als inhaltliche Klammer eingesetzt wird. Dabei werden nicht nur Unterschiede zwischen Fernost und Mitteleuropa aufschlussreich zur Kenntnis gebracht, sondern auch bemerkenswerte Parallelen gezogen. Um Beispiele zu nennen: Eheschließungen stellen sich da wie dort oft als fatal heraus; die Väter legen oft ein toxisches Verhalten an den Tag und haben eine Machtposition inne, die sie nicht selten missbrauchen; Schwiegermütter und Schwiegertöchter kommen kaum je gedeihlich miteinander aus; und das Erben ist und bleibt eine heikle Herausforderung für alle Beteiligten.
Auf stilistischer Ebene kulminiert diese hybride Sichtweise oder „Zusammenschau beider Welten in der grotesken Konstruktion eines einzigen Großvaters (vgl. S. 281), dem gleichzeitig die Charaktereigenschaften und Lebensstation beider Großväter zugeschrieben werden (vgl. S. 275).
Dieses Verfahren belegt die beachtliche thematische Vielfalt und sprachliche Ausdruckspalette, über die Jimmy Brainless verfügt. Nicht nur, dass in sein Buch historische Einzelheiten aus der bewegten politischen Vergangenheit des heutigen Taiwan eingearbeitet sind, sei es unter japanischer oder chinesischer Herrschaft; aus Übersetzungsproblemen und Transfers von Redewendungen oder akustischen Missverständnissen werden mitunter originelle Wortspiele generiert (vgl. S. 12), die zu einer spezifisch interkulturellen Klangfarbe der ganzen Textur beitragen, gleichermaßen informativ wie rhetorisch doppelbödig und, nicht zuletzt, unterhaltsam.
Arno Rußegger, ao. Univ.-Prof. i.R., Studium der Germanistik und Anglistik, verbrachte seine wissenschaftliche Laufbahn zunächst am Robert-Musil-Institut für Literaturforschung / Kärntner Literaturarchiv, danach (ab 2009) am Institut für Germanistik der Universität Klagenfurt. Dissertation über Robert Musil, Habilitation (2004) zum Thema Selbstbezüglichkeiten in Literatur und Film. Forschungs-, Lehr- und Publikationstätigkeit mit folgenden Schwerpunkten: Österreichische Literatur seit 1900, intermediale Literatur, Filmanalyse, Kinder- und Jugendliteratur, angewandte Germanistik (Buchforschung, Literaturvermittlung, Literaturbetrieb). Buchpublikationen: als Hrsg. [gemeinsam mit Ulrike Krieg-Holz]: Österreichbilder. Mediale Konstruktionen aus Eigen- und Fremdperspektive (Marburg 2022); als Hrsg. [gemeinsam mit Gottfried Schlemmer und Georg Seeßlen]: Hans Moser. Wiener Weltschmerzkomiker (Wien 2020); als Hrsg. [gemeinsam mit Andreas Peterjan]: Neo-Phantastik (Wien 2018) (= libri liberorum, Heft 49; als Hrsg. [gemeinsam mit Angela Fabris und Jörg Helbig]: Horror-Kultfilme (Marburg 2017).
