#Roman

Im Bernstein.

Brita Steinwendtner

// Rezension von Astrid Reupichler

Im Bernstein eingeschlossen ist das winzige Insekt in Isolde Beckers Halskette, einem Erbstück. Eingeschlossen ist auch die Protagonistin selbst, eingeschlossen in der Vergangenheit ihres in Russland gefallenen Vaters und zugleich in der immerwährenden Gegenwart des Krieges.

In Brita Steinwendtners Roman ist er immer präsent, der Krieg, in den Feldpostbriefen und im Tagebuch des Vaters, in den Medienberichten über Bushs Irak-Krieg und den Nachrichten über Selbstmordattentate tschetschenischer Soldatenmütter, aber auch in den Schriften Mark Twains, dessen Gedanken und Lebensgeschichte Isolde in ihrer Funktion als Journalistin in Twains Heimatstadt St. Louis nachspürt. Die Autorin erzählt eine sehr persönliche, private Geschichte, die Suche einer Tochter nach einem Vater, der nur in verstaubten Briefen und Fotos und Erinnerungen aus zweiter Hand existiert, nach einem Vater, der ein überzeugter Nationalsozialist gewesen ist, bereits als es in Österreich noch illegal war, der „Hitler-Partei“ beizutreten.

Zugleich ist der Roman aber auch ein einziges Anschreiben gegen den Krieg in jeglicher Form und ein Versuch, die Faszination und Ästhetik des Krieges, welche aus den oft pathetischen Zeilen des in der Schlacht von Rshev getöteten Vaters spricht, wenn nicht zu verstehen, dann wenigstens zu erklären.
Reale und imaginäre Zitate verweben sich in Steinwendtners Roman zu einem Teppich, dessen Muster das immer gleiche bleibt, das Bemühen um eine Versöhnung mit den Gespenstern der Vergangenheit, das scheinbar unmögliche Bestreben, die Mücke aus dem Stein zu befreien.

Auch die Schicksale der Mutter und der Großmutter Isoldes finden ihren Platz in der Geschichte, zwei Frauenleben, die ebenfalls durch den Einbruch des Krieges dominiert werden. Die Großmutter, Viktors Mutter, entfremdet sich im Krieg von ihrem Mann und zerbricht schließlich am Tod des innig geliebten Sohnes. Und Elfriede, die Mutter, die sich zuerst von der Begeisterung ihres zukünftigen Mannes anstecken lässt, verzweifelt, als dieser freiwillig von seinem Weihnachtsurlaub zurücktritt und in den sicheren Tod geht. „Er zog seine Soldaten vor. Der Krieg war seine Heimat, Rußland sein Schicksal. Er wußte es. Er wollte es.“ (S.199)
Die Mutter wird sich von diesem Schicksalsschlag nie wieder erholen und stirbt schließlich in Isoldes vierzehntem Lebensjahr an einem Gehirntumor.
Wie Viktors Leben und Tod nehmen auch die Lebensgeschichten der beiden Frauen durch die Wortwahl der Autorin mythische Züge an. Während Viktors Mutter dem Totengott Thanatos verfällt, ist das Leben von Viktors „Blondl“ (also Isoldes Mutter) „Hypnos“, dem kleinen Bruder des Todes geweiht.

Die Historikerin, Philosophin und Germanistin Brita Steinwendtner wandert in ihrem Roman auf einem schmalen Grat zwischen Relativierung und Anklage. Der individuelle Einfluss und die persönliche Schuld sowohl des Vaters als auch des zu spät aus den Fängen der Waffenindustrie geflüchteten Lebensgefährten „Isas“, wie sie sich nennen lässt, werden hinterfragt. Mit großer Sensibilität und bewegenden Worten schildert die Autorin den „Soldatenblick“ auf die wilde Fremdheit der russischen Landschaft, die zur Heimat gewordene Männerwelt des Eliteregiments und den aus der Absurdität und Härte der Situation geborenen Schicksalsglauben des „an den Krieg verlorenen“ Vaters.

Wichtig und interessant ist Brita Steinwendtners Sicht des Schreibens als Befreiung, als Verarbeitung des Erlebten und eben auch nicht Erlebten, ein Schreiben, das in Isoldes Fall auch nur Illusion sein kann, die Illusion, das fremde Leben nachleben oder durch Schreiben erfahren zu können.

Eine Reise nach Russland soll Isolde schließlich ein für alle Mal mit der Vergangenheit aussöhnen. Sie wird dort auch mit der anderen Seite, mit den russischen Verlusten, den Schrecken Stalins und der noch immer verwundeten und vom Krieg gezeichneten Landschaft konfrontiert. Nachdem sie ihren Vater zumindest symbolisch begraben hat, kommt es in St. Petersburg zum dramatischen Finale, welches sich beim Lesen ein wenig nach einem „deus ex machina“ anfühlt. Während die Auflösung und Befreiung des Insekts „Deina“ mit Isoldes Familienvergangenheit abschließt, symbolisiert der abgefeuerte Schuss gleichzeitig das Fortdauern, die ewige Tradierung des Krieges.

Roman.
Innsbruck, Wien: Haymon Verlag, 2005.
266 S.; geb.
ISBN 3-85218-467-3.

Rezension vom 27.09.2005

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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