Ich habe nichts als mich

Rudolf Bayr

// Rezension von Helmuth Schönauer

Auswahl aus dem Werk.

Das Dilemma beim Verfassen einer Bayr-Rezension kann am ehesten ein Germanisten-Witz lösen. „Mitarbeiter des Völkischen Beobachters mußten nach dem Krieg im Österreichischen Rundfunk untertauchen oder sonstwo ihr Süppchen kochen. – Der ehrgeizige Rudolf Bayr tat zur Vorsicht beides und wurde Fernsehkoch.“

Zum achtzigsten Geburtstag oder neunten Todestag oder 40jährigen Jubiläum zum Staatspreis für Hörspiel ist nun im Residenz Verlag, bei dem Rudolf Bayr lange Zeit Lektor gewesen ist, eine Auswahl aus dem Werk erschienen. Der Titel ist durchaus doppeldeutig zu lesen: Ich habe nichts als mich. Was einerseits bescheiden wirkt, kann auch bedeuten, daß „alles zu Bayr wird“, wenn er damit in Berührung kommt.

Ein literaturhistorisch interessantes Vorwort steuert die Herausgeberin des Jubiläumsbandes bei. Brita Steinwendtner tut sich als Drehbuchautorin und Filmemacherin in Salzburg sichtlich schwer, gegenüber dem ehemaligen Arbeitgeber (Rudolf Bayr war auch Intendant des ORF-Studios Salzburg) einen Kurs zu segeln, der loyal und fachlich sauber ist.
So wird in der Einbegleitung darauf hingewiesen, daß Rudolf Henz bald nach dem Krieg die literarische Restauration im Rundfunk eingeleitet hat, einen Absatz später stellt sich heraus, daß Rduolf Bayr das gleiche „in grün“, sprich in Salzburg gemacht hat.

Ziemlich tollkühn ist es, Rudolf Bayr mit Ilse Aichinger, H. C. Artmann, Ingeborg Bachmann oder Heimito von Doderer in einem Atemzug zu nennen, denn außer der physischen Anwesenheit in der Nachkriegszeit gibt es zwischen den genannten Autoren und Rudolf Bayr, dem „ideell belasteten“ ehemaligen Redakteur des Völkischen Beobachters, keine zu duldende Verbindung.
So ist auch die Flucht Bayrs in die Übersetzung griechischer Theaterstücke und deren adäquate Deutung für Österreich eher als politisches Treibgas für den Schub auf der Karriereleiter zu verstehen denn als literarische Leistung. Wer zwischen den Zeilen zu lesen vermag, wird feststellen, daß sich die Herausgeberin mit großer Tapferkeit durch die Nachlaß-Welt Rudolf Bayrs gekämpft hat.

Die Textauswahl ist mit liebenswürdiger Sorgfalt geschehen. Und da alle Bücher Rudolf Bayrs momentan vergriffen sind, ist es für Einsteiger in sein Werk äußerst hilfreich, daß die Texte durchmoderiert sind. Anlässe, Zeitgeschichte, literarische Replik und Ideologie des Autors sind zu einem informativen Erlebniszopf verflochten, der durchaus eine erfolgreiche Karriere im Nachkriegsösterreich schmückt.
Berührend für den mitfühlenden Leser ist schließlich die Resignation, die sich im Spät- oder Ruhestandswerk einnistet. Daß ein denkender Mensch am Lebensende nur mehr die Küche mit ihren Kompositionselementen im Kopf hat, läßt vermuten, daß das Ende manchmal wirklich schrecklich sein kann.

Die melancholische Auswahl Brita Steinwendtners berührt Stationen wie „Historie und Schuld“, „Tradition der Antike“, „Lebensfreude und Genuß“, „Landschaft und Licht“, „Liebe“ sowie „Vom Altern und der Endlichkeit aller Zeit“.
Gerade wenn die durchaus bemerkenswerte Literatur Rudolf Bayrs den Leser auf die gute Seite gezogen und mit vielem versöhnt hat, folgt im Auswahlband noch eine Sammlung deplacierter Bemerkungen sogenannter Persönlichkeiten aus Küche, Kabinett und ORF. Da dürfen sich dann Prominente wie Sepp Forcher, Werner Schneyder, Gerd Bacher oder Wolfram Siebeck „selbst äußerln“. Am Ende holt leider die Realität des Klamauks und der Unterhaltungsindustrie den ganzen würdigen Nachruf auf Rudolf Bayr wieder ein.

Rudolf Bayr Ich habe nichts als mich
Salzburg, Wien: Residenz, 1999.
239 S.; geb.
ISBN 3-7017-1134-8.

Rezension vom 09.04.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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