2002 veröffentlichte Renate Welsh ihr Buch Dieda oder Das fremde Kind (Obelisk Verlag), das mich und wenig später meine Kinder nachhaltig beeindruckte. Die Handlung dieses Jugendbuchklassikers kreist um Motive des Fremdseins und wachsender Entfremdung, wie wir es auch von anderen Werken für Heranwachsende kennen, etwa von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf, Christine Nöstlingers Das Austauschkind oder Kurt Helds Die rote Zora und ihre Bande. Es ist die eigene unglückliche Kindheit, die die Autorin in die packende Geschichte eines heranwachsenden Mädchens im Volksschulalter verwandelt, ein Text, der zudem hautnah den Alltag und die Atmosphäre des letzten Kriegsjahres auf dem Land vermittelt.
Welshs Jugendbuch Dieda oder Das fremde Kind spielt im letzten Jahr des zweiten Weltkriegs, als die Halbwaise Ursel aus Sicherheitsgründen von ihrem geliebten Vater, einem Wiener Arzt, und den ihr zugewandten Großeltern getrennt und gemeinsam mit ihrer Stiefmutter zu deren großer Familie ins Ausseerland verschickt wird. Früher hat das Kind dort mit den Eltern schöne Sommer erlebt, doch nun ist alles anders.
Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des Mädchens, das mit ihren Schuldgefühlen nach dem frühen Tod der Mutter, mit ihren Fragen, Nöten und Bedürfnissen allein gelassen wird. Es gerät in ein liebloses Umfeld mit rauem Umgangston, in dem sie als Außenseiterin bloß stört, sich niemand für sie interessiert, mit ihr mitfühlt oder mit ihr spricht. Stattdessen soll sie sich schleunigst anpassen, muss „Zucht und Ordnung“ (S. 51) lernen. Ein dominanter, Hitler verehrender Alter prügelt sie schon für kleine Vergehen, lässt sie strafhalber hungern und unterbindet soziale Kontakte, Stieftanten nehmen sie hart ran, die zweite Frau des Vaters weiß mit ihr wenig anzufangen.
Das Mädchen ist voll Angst, Wut und Eifersucht. Und sie ist erfüllt von magischem Denken, glaubt, Zauberkräfte zu besitzen, mit denen sie den Tod der geliebten Mutter und durch ihre Kraft des Verwünschens eine Erkrankung des Stiefgroßvaters verschuldet hätte. Statt sich den Anforderungen am neuen Wohnort zu fügen, wird sie aufmüpfig und trotzig. Sie reagiert auf den familiären Druck und ihre zunehmende Vereinsamung, in dem sie nicht mehr auf ihren Namen, sondern nur mehr auf die distanzierende Anrede „Dieda“ antwortet, mit der sie ihr Unerwünschtsein herausstreicht. Zudem weigert sie sich beharrlich, die Stiefmutter Mutter, deren Schwestern Tanten und deren autoritären Vater Opa zu nennen, denn für sie sind und bleiben sie „die Frau“, „die Schwestern der Frau“ und „der Alte“.
80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und 23 Jahre nach dem Erscheinen von Dieda oder Das fremde Kind legt Welsh nun ein Werk vor, in dem sie mit dem ursprünglichen Text ins Zwiegespräch tritt. Ausgangspunkt ist ein Schlaganfall einige Jahre zuvor, durch den die Autorin die Sprache verlor, die sie sich erst wieder mühsam aneignen musste und dadurch neu schätzen lernte. Nun denkt sie noch einmal über „das Kind, das ich war“ (S. 72) nach, will noch einmal genau hinsehen und setzt sich so erneut mit den Spuren ihrer Vergangenheit auseinander. Sie fällt sich dabei, wie schon der Titel verdeutlicht, immer wieder ins Wort, indem sie Passagen des ursprünglichen Textes aufgreift und Erzählungen, Vorkommnisse und Eindrücke Revue passieren lässt. Nun ergänzt sie diese durch im Buch kursiv gesetzte, luzide Betrachtungen und Überlegungen einer Frau mit fast einem Vierteljahrhundert mehr Lebenserfahrung, stellt Fragen, mit denen sie die damalige Zeit und die handelnden Personen noch einmal so kritisch wie wahrhaftig überdenkt und dabei, milder geworden, gelegentlich frühere Standpunkte relativiert, in einen breiteren Kontext setzt oder gar ändert.
Was beeindruckt, ist, wie homogen die unterschiedlichen Erzählebenen ineinander greifen und das Buch wie aus einem Guss wirkt, obwohl mehr als 20 Jahre zwischen den Entstehungszeiten beider Werke liegen. Die Sprache ist klar, bildhaft und einfach, klotzt nie mit Fachbegriffen und komplizierten Satzkonstruktionen, was barrierefreies Nachdenken und Verstehen fördert. Dabei bleibt sie stets präzis, genau in der Wortwahl und von österreichisch gefärbtem Idiom durchzogen, einer Mischung aus wienerischen und steirischen Anklängen, was mittlerweile eine Seltenheit in der deutschen Buchlandschaft ist. Doch Renate Welsh schreibt nicht für irgendeinen Markt, sondern will dem Kind, das sie war und das seine begrenzten Möglichkeiten auslotete, genauso gerecht werden wie ihrem dadurch geprägten Weg zu einer vielseitigen österreichischen Schriftstellerin.
Die verschiedenen Zeitebenen werden schon in den Titeln deutlich, wenn Ort und Jahr genannt werden, es zum Beispiel heißt „Bad Aussee, 1945“, „Alt Aussee, 1945“ oder „Wien, 1945“ und dazwischen Kapitel eingestreut werden wie „Bad Aussee, 2005“, „Wien, 2020“, „Bad Aussee, 2023“ oder „Wien, 2025“.
Das erneute Nachdenken und sich Befragen wird vor allem durch Begegnungen angestoßen. Da ist eine unbekannte Frau, die ihr nach einer Lesung in Aussee Buchteln schenkt, eine Geste, mit der sie an die Wohltat einer früheren Nachbarin anschließt, die dem kleinen Mädchen immer wieder Buchteln gab. Sie lebt obendrein in jenem Haus, in dem das Kind einst die letzten Monate des Kriegs verbrachte. Da sind Treffen mit den Schwestern, die sie die gemeinsame Vergangenheit mit deren Blick zu betrachten lehrt, weil sie von sich absehen, aufmerksam zuhören, das Leben der Schwestern differenzierter einschätzen kann. „Wahrscheinlich sind wir alle immer zu kurz gekommen, das ist die traurige Wahrheit“ (S. 46), resümiert die Autorin. An anderen Stellen bemerkt sie: „Es verband und trennte uns die gemeinsame Geschichte.“ (S. 91), weil die eigene Wahrheit „nur eine von wahrscheinlich unendlich vielen Wahrheiten ist“ (S. 8).
Auch die schwierige Rolle der Stiefmutter macht sie sich bewusst. Denn der von ihr bewunderte und geliebte Vater war kein einfacher Mensch und ließ seine zweite Frau mit der Verantwortung für drei fremde Kinder und „mit allen Sorgen allein“, weil er „Haushalt und Kindererziehung für reine Frauensache hielt“ (S. 23f.).
Zwei erwähnenswerte Motivstränge seien herausgegriffen. Da ist zum einen das Motiv „Erinnerung“ und damit verknüpft die Frage nach dem Wie und der Subjektivität jedes Erinnerns sowie dessen Unzuverlässigkeit. „Wem gehört, was vergangen ist?“ (S. 178), lesen wir im Gedicht am Ende des Buchs. Erinnern stellt kein „getreues Abbild der Wirklichkeit“ dar, auch „die Zeitenfolge gerät heillos durcheinander“ (S. 22). Welsh zeigt, dass es auch für geteilte Vergangenheiten keine objektive Ebene des Erinnerns gibt, sondern unterschiedliche Lesarten und subjektive Interpretationen von gemeinsam Er- und Durchlebtem.
Der zweite Motivstrang ist das Sinnieren über die Bedeutung von Wörtern, darunter viele, die das Kind einst nicht sagen durfte, über das Lesen und über das eigene Schreiben. So begleitet das Mädchen etwa ihren Vater nach der Rückkehr nach Wien bei seinen Arztvisiten und lernt dabei ganz unterschiedliche Welten kennen. Während der Wartezeiten liest sie die in den Fluren ausgehängten Hausordnungen und ärgert sich, weil sie geradezu zwanghaft jede einzelne von ihnen lesen musste, obwohl sie doch immer gleich waren. Aber „Buchstaben zu sehen und nicht zu lesen war ebenso unmöglich, wie eine juckende Stelle nicht zu kratzen.“ (S. 163)
Dass die widrigen Kindheitserfahrungen sich auf das weitere Leben der mittlerweile 87-jährigen Autorin auswirkten, wird deutlich. Welsh geht nicht zuletzt mit sich selbst und der eigenen Mutterrolle hart ins Gericht. So habe sie es, wie ihre Stiefmutter, nicht geschafft, ihren Söhnen die Mutter zu sein, die diese eigentlich gebraucht hätten. Und sie zieht 2025 das Resümee: „Ich hätte viel dafür gegeben, eine andere zu sein. Wenigstens nicht ganz so ernst, nicht ganz so zergrübelt, nicht ganz so fremd.“ (S. 109)
Monika Vasik, geb. 1960, Studium der Medizin an der Universität Wien, Promotion 1986; Lyrikerin, Rezensentin, Ärztin; Literaturpreise u. a. Lise-Meitner-Preis 2003, Publikumspreis beim Feldkircher Lyrikpreis 2020; Mitbegründerin und bis 2022 Mitverantwortliche der Poesiegalerie; mehrere Lyrikbände, zuletzt: hochgestimmt (Elif Verlag, 2019) und Knochenblüten (Elif Verlag, 2022). www.monikavasik.com
