Wir lernen Wally bei einem Termin mit einer Psychiaterin kennen, bei der ihre Tochter Vallie wegen einer ADHS-Diagnose in Behandlung ist. Im unverdächtigen „parentale[n] Plural“ (S. 14) erkundigt sie sich nach allfälligen Nebenwirkungen und optimalem Einnahmezeitpunkt der verschriebenen Medikamente. Was allerdings weder die behandelnde Ärztin noch Wallys Tochter und ihr Ehemann Matthias wissen: Vallie nimmt diese Medikamente gar nicht ein, sondern erhält von ihrer Mutter stattdessen Vitamintabletten. Die rezeptpflichtigen Psychopharmaka konsumiert Wally selbst, um ihre bislang nur selbst diagnostizierte Konzentrationsschwäche und Hyperaktivität in Eigenregie zu therapieren.
So bleibt Wally auch gelassen, als ihre Tochter beim Dealen mit den (vermeintlich) rezeptpflichtigen Medikamenten auf dem Schulhof erwischt und mit einem Disziplinarverfahren belegt wird. Sie kann sowohl im Gespräch mit der Direktorin deeskalieren als auch die Wogen des Shitstorms in der Eltern-WhatsApp-Gruppe glätten und muss schließlich nur ihrem Ehemann Matthias Farbe bekennen. Der ist impulsive Einfälle, Chaos im Alltag sowie zahllose angefangene und nie zu Ende gebrachte Projekte seiner Frau mehr als gewohnt und erträgt sie in stoischer Gelassenheit.
Allerdings scheint Wally zunehmend auch die Kontrolle über ihren Körper und seine physiologischen Funktionen zu verlieren, sie muss sich zum Atmen zwingen und beim Gehen auf das Heben ihrer Beine achten. Spätestens hier wird auch ihr selbst klar, dass sie sich in ärztliche Behandlung begeben sollte:
Diesmal – diesmal wollte ich nicht mehr. Konnte ich
nicht mehr: Mich aufraffen, als wäre ich ein Rock mit
sieben Unterröcken, der nicht über einen Stallboden schleifen soll.
Ich war müde.
So müde. (S. 45)
Der häufige Wechsel in Wallys Innenperspektive, die nicht nur in direkter und erlebter Rede erfolgt, sondern auch zum Teil formal durch anders formatierte Textblöcke markiert ist, ist ein origineller erzähltechnischer Clou. Damit erfährt das Lesepublikum wie es sich anfühlt, aus neurodivergenter Perspektive Alltagssituationen wahrzunehmen und zu meistern, und kann Wallys zeitweilige Überforderung besser nachvollziehen. Besonders charmant und sehr erhellend sind die Erklärungsversuche von Wallys Mitmenschen zu ihrem Psychogramm:
Matthias meinte einmal zu mir, ich würde Informationen in der Art teilen, wie ich in Restaurants mit Happy Hour trank. Am Anfang eine kleine Portion, weil das obligatorisch war. In einer kurzen Zeit dann alles auf einmal. Und danach hatte ich von der ganzen Sache eigentlich auch schon wieder genug. (S. 163)
Und die Psychiaterin vergleicht das Leben mit undiagnostiziertem ADHS wie das Laufen eines Marathons in lauter Sprints: „Das ist schwierig – schwieriger, als konsistent ein passendes Tempo durchzuhalten. Die Sprints werden kürzer. Die Pausen länger. Und irgendwann überholen einen alle anderen, obwohl die immer langsamer gelaufen sind. Und diesen Stress und dieses Gefühl des Versagens, stellen Sie sich das vor!“ (S. 396) Wenn doch alle Ärzt:innen ihre Diagnosen so klar formulieren könnten!
Neben dem Sichtbarmachen einer psychischen Erkrankung ist das zweite zentrale Thema von Travniceks Roman das Muttersein als Balanceakt zwischen Selbstverwirklichung und Rollenerfüllung bis hin zum Burnout. Obwohl Wallys Ehemann Matthias als ausgesprochen engagierter Vater und Partner in Erscheinung tritt, werden auch in dieser Beziehung generationenalte Gräben patriarchaler Gesellschaftsstrukturen offenbar, wenn es darum geht, das vermeintlich „Richtige“ zu tun:
Ich hätte auch gerne ein so reines Gewissen, wenn ich dem Kind Tiefkühl-Fischstäbchen und Backofenpommes servierte. (S. 187)
Und für einen befreundeten Vater, dessen Plan, seine Babykarenz zur beruflichen Fortbildung zu nützen, fehlschlägt, weil die Kinderbetreuung doch aufwändiger ist als gedacht, hat Travnicek auch nur ein müdes Lächeln übrig: „Willkommen in dieser Welt, guter Mann, in der du nichts schaffst, was du dir vorgenommen hast“ (S. 390).
Für das Dilemma des modernen Mutterseins zwischen Perfektionismus und Mental Load findet Travnicek eindeutige Worte:
Mutterschaft
ist eine Führungsposition. Du verwaltest das Budget, du
erstellst den Zeitplan und niemand hält sich daran. Du
musst ständig erreichbar sein. Jeder beschwert sich bei dir
und keiner kooperiert. Für jeden Teil deines Teams bist
du verantwortlich, aber du darfst niemanden feuern. Und
alle anderen tun so, als hättest du den einfachsten Job. (S. 122)
Nicht zuletzt wegen solch klarer Botschaften ist Travniceks Roman ein wichtiges Buch zu aktuellen, aber immer noch marginalisierten Themen, das gelesen werden sollte. Dank der ungebrochenen Sympathie, die die Autorin ihren Figuren entgegenbringt, und ihres humorvollen Zugangs zu brisanten gesellschaftspolitischen Fragen, schafft sie es auch, dass man das gerne tut!
Veronika Hofeneder ist freie Literaturwissenschaftlerin und Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Wien; Mitherausgeberin der Werkausgabe von Vicki Baum (Wallstein, 2025), https://vicki-baum-digital.univie.ac.at/. Forschungsschwerpunkte: Literatur und Kultur der 1920er- und 1930er-Jahre, Österreichische Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, Literatur von Frauen, Literatur und Individualpsychologie, Feuilletonforschung. https://www.germ.univie.ac.at/veronika-hofeneder/
