#Roman

Herzklappen von Johnson & Johnson

Valerie Fritsch

// Rezension von Walter Fanta

Eine Schatzsuche

Ich habe das Buch innerhalb von zwei Tagen ausgelesen. Das ist in diesen Zeiten keine Kunst. Obwohl mir die Fabel auf Grund der offensiven Verlagswerbung bei Beginn der Lektüre schon bekannt war und ich also wusste, dass der Roman von einem Kind handelt, das keinen Schmerz kennt, und vom Schmerz des Vergangenen und eine(r) beschwiegene(n) Schuld, die über die Generationen weiterwirkt, habe ich zu lesen begonnen und weiter und weitergelesen. Ich war von Neugierde gepackt, bis zur allerletzten Seite hat sie mich nicht losgelassen. Man soll diesen Roman nicht überschätzen, aber auch nicht unterschätzen. Versuchen wir ihn einfach zu schätzen. Am Ende der Suche stehe ich zuerst mit ziemlich leeren Händen da.

 

Nichts verstanden und voller Fragen

Das ist die eine Seite der entglittenenen Medaille. Daraus erweist sich der Wert eines Texts: Wenn ich lese und lese – und dann das Buch sinken lasse und denke: Warum? Wie hängt die Krankheit des Sohnes Emil mit der verräterisch redseligen Großmutter und dem über Krieg und Gefangenschaft schweigenden Großvater wirklich zusammen? Mit der in Konventionen erstarrten Ehe der Eltern und der sonderbar erstarrten Liebe von Alma und Friedrich zueinander? Was ist es, was diese Erzählung verschweigt? Das Nazi- oder Kriegsverbrechen des Großvaters. Man kriegt nicht wirklich heraus aus ihm, was er getan hat. Die Reise in den Osten zum Ort der Gefangenschaft irgendwo in Kasachstan mutet so sinnlos an, sie bringt keine Aufklärung, aber doch eine Art von Klärung. Es stimmt schon, dass Alma die letzte Generation derer vertritt, die mit diesen Dingen – Nazis, Krieg, Nachkrieg – noch konfrontiert ist. Wie die Autorin vielleicht (Jg. 1989). Das ist distant writing von Erinnerungsliteratur, schon eine Generation nach Arno Geigers (Jg. 1968) Familienroman Es geht uns gut (2005). So schnell vergeht die Zeit. Mittlerweile geht es uns noch besser. Die Erinnerung an Krieg und Verbrechen ist sehr abstrakt geworden. Das Fortwirken von Traumata früherer Generationen wird mit magischen Modellen erklärt wie dem therapeutischen Konzept der Familienaufstellung zum Beispiel. Ist Herzklappen von Johnson & Johnson ein Familienaufstellungsroman?

Sprachbildkunst

Das ist eine der Fragen, die ich nicht beantworten kann. Lieber schreibe ich noch etwas vom Talent der poetischen Gestaltung, die Valerie Fritsch nach Winters Garten (2015) ein weiteres Mal unter Beweis stellt. Die glänzende zweite Seite der Medaille. Der wahre Grund, warum ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte. Was der Großvater im Krieg angestellt hat und ob die irreal anmutende Schmerz-Unempfindlichkeit des Kindes eine befriedigende psychologische Erklärung findet, wurde mir beim Lesen zunehmend egal. Die Sprache dieser Erzählprosa rechtfertigt das Verschweigen des realen Verbrechens. Mit traumwandlerischer Sicherheit hebt sie alles Erzählte aus der Schlammbrühe der Realität an die frische Luft der sonnenbeschienenen Symbolik. Mich bitte nicht missverstehen: Das geschieht durch wunderbar detailreiche Realistik. In der Leseprobe 1 – einem Ausschnitt aus der Liebesgeschichte zwischen Friedrich und Alma – ist zu sehen, wie reich jeder Satz in diesem Text an Genauigkeit der Beobachtung, zugleich Rhythmik, Klang, schillernder Vieldeutigkeit der Worte ist. Das steigert sich im Schlussteil mit der Schilderung der Reise durch Kleinasien und den Kaukasus bis zur Kaspischen See. Die Geographie verwandelt sich in ein Kaleidoskop von Sprach- und Wortbildern, siehe Leseprobe 2. Man zoomt in diese fernen Wortlandschaften, diese namenlosen Nirgendwo-Orte. Als Leser begleite ich eine Reise, als würde ich durch einen Bildatlas fahren. Gar nicht selbstverständlich scheint mir, dass diese Sätze von einer ausgebildeten Kunstfotografin stammen.

Cover Valerie Fritsch Herzklappen von Johnson & Johnson
Roman.
Berlin: Suhrkamp, 2020.
175 S.; geb.
ISBN 978-3-518-42917-4.

Rezension vom 16.04.2020

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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