Grüne Hydra von Calembour

Lisa Spalt

// Rezension von Marcus Neuert

Lisa Spalt

Bereits der Titel von Lisa Spalts neuester Publikation gibt Anlass zu eifrigen Nachforschungen, denn was da so nach einem fantastischen Drachentier aus einer frankophonen Stadt klingt, könnte vielleicht auch einen ganz anderen Hintergrund haben. Und, voilà, es hat: die Grüne Hydra ist zoologisch ein bis zu 15 Millimeter langer Süßwasserpolyp mit sechs bis zwölf Tentakeln um die Mundöffnung; und Calembour ist keine Ortschaft, sondern die französische Entsprechung zum deutschsprachigen Kalauer, wenngleich die etymologische Herkunft nicht ganz geklärt ist. Was hat nun ein klitzekleiner Vertreter der Klasse der Hydrozoen mit dem per Definition auch als Flachwitz bezeichneten Wortspiel zu tun?

Eine einfache Antwort gibt es – wie eigentlich immer im Werk von Lisa Spalt – nicht. Doch schon der Titel erzeugt eine sprachliche und semantische Hybridität, die wiederum dem Schaffen der in Hohenems geborenen und heute in Linz und Wien lebenden Autorin generell eigen ist. Zumindest ist eine Richtung vorgegeben, worum es sich in dem soeben bei Czernin, dem Hausverlag Lisa Spalts, erschienenen neuen Buch handeln könnte: um einen experimentellen Text im weitesten Sinne, in dem es um eine Verbindung von Natur und Sprache geht, um die Extreme einmal auf ihre kleinsten gemeinsamen Nenner zusammenzukürzen.

Ein Ich, das offenbar gleichermaßen Künstlerin wie Wissenschaftlerin zu sein scheint, arbeitet zunächst an einem Film, forscht dann aber vor allem an der Verschmelzung menschlichen und pflanzlichen Lebens. Es gebiert gleichzeitig am laufenden Meter manifeste und gedankliche Installationen aus Vorgefundenem, Erdachtem, aus künstlicher und natürlicher Materie, aus Wortspielen und den Versatzstücken von Gesellschaftstheorien. Das Ich ist freilich selbst in sich nicht allein, es existiert in einer Art Doppelpersönlichkeit mit differierenden Herkünften: „Wir hatten unterschiedliche Biografien, teilten uns jedoch die Materie, und nur unsere Reflexionen gaukelten uns die Option vor, uns in ferner Zukunft auseinanderdividieren zu können.“ Außerdem zerbricht das Ich in eine Reihe von „Schwestern“, mit denen es gleichzeitig auf vielfältige Weise interagiert. Es befindet sich in einer (weiblichen) Welt, in der Heldentum nur noch als lächerliche Schwundform existiert.. Alles ist diesem Ich denkbar: „Mein Werk wird die Möglichkeit überraschender Wendungen scheinbar unveränderbarer Situationen feiern.“

Gibt es einen Plot? Nicht im herkömmlichen Sinne, denn zum Fehlen einer nachvollziehbaren Chronologie gesellt sich die augenscheinliche formale Zerrissenheit des Textes, der sich in kurzen Abschnitten aus Essayistischem, Erzählerischem, Vershaftem, aus den Genres der Groteske, der Fantastik, der Satire, des Poetry Slams bedient. Die gemeinsame Klammer für all das und gleichzeitig diejenige Komponente, die dieses wilde, scheinbar ungebändigte Konvolut zu einem überhaupt rezipierbaren Stück Literatur werden lässt, ist Lisa Spalts Sprache, ihre respektlose Schnoddrigkeit, die gleichzeitig so unglaublich scharfsinnig sein kann, dass es dem Lesepublikum, einmal gefangen genommen von dieser mäandernden Suada, fortgesetzt den Atem verschlägt. Es ist gleichsam, als ob Lisa Spalt das Sammelsurium zu einer literarischen Gattung erhöbe. Wie muss das live klingen?

Eine biologische Besonderheit der tatsächlich existierenden Grünen Hydra ist ihre Symbiose mit einzelligen grünen Algen, welche in ihrem Verdauungstrakt leben und dem ansonsten eher durchscheinenden Geschöpf seine Färbung verleihen. Das Symbiontische spielt denn auch im Text eine metaphorisch nicht zu unterschätzende Rolle. Das vordergründig bloß Hybride, nie ganz eindeutig Einzuordnende wird auf einer übergeordneten Bedeutungsebene zu ebenjenem vorteilhaften Zusammenwirken ganz unterschiedlicher Daseinsformen – eben auch literarischer Natur. Die Verschmelzung von Wortwitz (der nicht immer so flach ist wie die Bezeichnung Calembour es nahelegen mag, sondern im Gegenteil mitunter von ausgesucht ironischer Delikatesse) und biologischen Utopien oder von bissiger Kapitalismuskritik und den surrealen Handlungen der Protagonistin zeugen auf eindrucksvoll gestaltete sprachliche Weise davon.

Die Grüne Hydra von Calembour folgt literarisch unter anderem auch den Ideen von Lisa Spalts imaginärem Institut für poetische Alltagsverbesserung (IPA), welches zuallererst einmal aus der Dichterin selbst sowie wechselnden Mitarbeitenden besteht. Ob es irgendwo registriert ist und/oder eine Steuernummer besitzt, ist nicht ganz geklärt, vermutlich aber auch nicht wirklich wichtig. Das IPA nimmt sich konkrete Projekte vor wie beispielsweise die Erzeugung von kompostierbarem Geld, welches zur Erzeugung pflanzlicher Nahrung dienen soll, und sinnt über Drucker für solche Zahlungsmittel und deren Verbreitung zur Eigenproduktion in der Bevölkerung nach. Gaga ist das neue Dada, mag man sich da sagen – aber ist das nicht doch eher eine poetische, gleichzeitig erhebende, weil sich mit den realen Problemen von Ernährung und ihren impliziten Wechselwirkungen mit Tierethik, Bevölkerungswachstum und Neofeudalismus beschäftigende Art der Annäherung an außerliterarische Aspekte des Menschseins?

Die Idee vom letztlich essbaren Geld ist nur eines von zahlreichen immer wieder auftauchenden Motiven in der Grünen Hydra. Andere wären etwa das „Kunstpack“, welches „bei Cocktails amüsante Geschichten“ erzählt – Spalts augenzwinkernde Abrechnung mit den real existierenden Verwerfungen des Kulturbetriebs – oder der allgegenwärtige „Markt“, den die Autorin nicht müde wird auf kunstvolle Weise in immer neuen Variationen zu verhohnepiepeln. Zahlreiche Zitate und deren groteske Transformationen treten auf nicht selten sarkastische Weise in einen intertextuellen Multilog zwischen dem Ich des Textes und literarisch-philosophischen Fundstücken unterschiedlichster Provenienz. Auch das „Gartenparadies“, bald als naturnaher Erholungsort, bald als Einkaufszentrum für Pflanzen und Blumen, taucht immer wieder auf, ebenso das Labor, in welchem an der Fotosynthese des Menschen geforscht wird, und Calembour wird schließlich doch zur Stadt, in welcher sich die monty-pythonesque Assemblage der Ereignisse (wenn man das in Ermangelung einer tatsächlichen Handlung einmal so nennen will) abspielt.

Ein Ende gibt es dann freilich doch: „Die Menschen, die laut dem Schöpfungsmythos der Pueblo-Kultur am Anbeginn der Zeit aus einer Höhlung in der Erde herausgeklettert waren, betteten sich in ihrer angestammten Funktion eines terrestrischen Mikrobioms zurück in den weichen Bauch des Planeten.“ Der Versuch, mit Kunst und Wissenschaft ein Überleben der Spezies Homo sapiens zu sichern, ist gescheitert, aber Lisa Spalts Lesepublikum wird das nicht allzu schwer nehmen angesichts des unkonventionellen literarischen Outputs dieses Unterfangens.
 

Rezension von: Marcus Neuert, 11. 03. 2023

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Wien: Czernin Verlag, 2023.
168 S.; geb.; EUR 20,-.
ISBN 978-3-7076-7905-6.

Rezension vom 10.03.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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