#Roman

Gemma Habibi.

Robert Prosser

// Rezension von Sabine E. Dengscherz

Am Boden liegen und sich wieder aufrappeln, sich sammeln, alle Kräfte zusammennehmen für eine neue Runde. Auf die eigenen Kräfte vertrauen, die eigene Wendigkeit, den eigenen Rhythmus. Im Ring. Oder im Leben. Robert Prosser verknüpft in seinem Roman Gemma Habibi Boxen mit Zeitgeschichte, Geschichten von Freundschaften und der Geschichte einer ganz speziellen Beziehung. Der Roman ist eng an die Geschehnisse von 2015 geknüpft: Z., ein syrischer Kurde, kommt auf der Flucht vor dem Krieg nach Wien, die Fotografin Elena spezialisiert sich auf das Dokumentieren von Demonstrationen. Und Lorenz, der Ich-Erzähler, boxt sich irgendwie durch.

Prosser sammelt Beobachtungen, Momentaufnahmen, kurze Szenen, Sequenzen, beschreibt sie nüchtern und bemüht um Präzision. Lorenz ist Student in Wien. Auf einer Reise nach Syrien meint er zunächst auf den Spuren Karl Mays zu wandeln, die sich angesichts realer Begegnungen aber schnell verlieren. Die Reise lehrt ihn einen unvoreingenommeneren Blick und beschert ihm eine Reihe von Bekanntschaften. Dazu gehören die Fotografin Elena und die leidenschaftlichen Boxer Hamed und Zain („just call me Z“). Lorenz tauscht Karl May gegen Roberto Bolaño und verlegt sich vom Lehramt Deutsch auf Kultur- und Sozialanthropologie. Zum Boxen kommt er über eine Seminararbeit, in der er – in Erinnerung an seine syrischen Freunde – das „Milieu“ in einem Wiener Boxclub erforschen möchte. Durch verschiedene „Milieus“ mäandert der ganze Roman. Lorenz nähert sich ihnen offen an, versucht sich auf die Menschen, denen er begegnet, einzustellen so gut er kann, egal ob in Österreich, in Syrien oder in Ghana, wohin er Elena begleitet.

Im Wiener Boxclub trainieren Sportler*innen verschiedenster religiöser, nationaler und ideologischer Herkunft. Muslimische Religiosität trifft auf kommunistischen Atheismus, eine Polizistin und ein Ex-Häftling schlagen in denselben Sandsack. Bekanntschaften beginnen und enden an der Clubtür, Politik, Religion und Nationalität müssen draußen bleiben; was zählt, ist allein der Sport. Ring und Boxclub sind Begegnungszonen mit gegenseitigem Respekt und klaren Regeln – das Leben lässt oft beides vermissen.

Mehr und mehr rücken körperliche und seelische Grenzerfahrungen ins Zentrum des Romans: Im Boxen, auf der Flucht, in der Beziehung. Lorenz arbeitet hart an sich, an seinem Körper, seiner Wahrnehmung, ist begierig zu lernen und daran zu wachsen, nicht nur im Ring. Doch er lässt sich auch treiben durch die Welt, durch seine Begegnungen mit Elena, die ihm meistens einen Schritt voraus ist und zusehends zur Sparring-Partnerin wird – außerhalb des Rings. Gewalterfahrungen haben beim Boxen eine spezielle Qualität. Schmerz auszuhalten ist im Ring leichter als anderswo. Am Ende geht es ums Durchhalten, um Neuanfänge nach einer Niederlage. Am Boden liegen und sich wieder aufrappeln, sich sammeln, alle Kräfte zusammennehmen für eine neue Runde. Das müssen Boxer*innen können. Überall auf der Welt. Und alle anderen auch.

Roman.
Berlin: Ullstein fünf, 2019.
234 S.; geb.
ISBN 978-3-96101-014-1.

Rezension vom 06.09.2019

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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