#Lyrik

geliehene zungen

Franz Josef Czernin

// Rezension von Marietta Böning

Der Dichter ist ein Hund. Die Dichterin eine Hündin. So mag man das letzte Gedicht in Franz Josef Czernins Lyrikband geliehene zungen resümieren, und mit ihm das ganze Buch. In diesem zieht sich das poetologische Literaturgeschichtsbewusstsein des Dichters über die Avantgarden-Moderne als Faden durch, der sich am Ende als Schnur, an der ein Artist sich verrenkt, erweist.

Was war der Dichter:die Dichterin noch alles? Was sind sie noch? Auserwählte:r bei Stefan George; Artist:in bereits bei Gottfried Benn; Experimentator:in, ganz ein:e Ungeheiligte:r im Dunstkreis der Wiener Gruppe.
Eine Kreatur, die viele Hüte aufhat, zeugt das erste Gedicht des Bandes. Die Hüte stehen für all die Bezüge, Bilder, Intertexte, die in uns wohnen, für all die Zungen. Und die Sprache, welche doch unser aller Gut ist, geteilt ist. Sie ist es, die für die Einzigartigkeit des Autors:der Autorin im permutativen Spiel noch bürgen könnte. Aus seinen Spielzügen kann er, kann sie also nicht mehr raus. Was Stil sei oder Masche, macht origi-nell, wenn schon nicht -när. Was für ein Wort, wo sind wir hingekommen: Spiel. Beobachtet man Kleinkinder beim lustvollen Spracherwerb, scheint der Vergleich schon legitim.

Im Zwischen von Neuerfindung/Eigenheit und geschichteter Anverwandlung springen Czernins Gedichte hin und her. Und konsequenterweise dann auch bis zum Äußersten, was gesagt wurde, was der:die Dichter:in nun sei, sich selbst befragend: tot. So erklärt bei Roland Barthes und Michel Foucault, wurden die Autor:innen letztlich vom intentionalen Sinngebungsgestus befreit. Dieses Todesurteil macht Czernins Gedichten zu schaffen – oder den aus ihnen sprechenden Dichter:innen? Nicht den:der singuläre:n Dichter:in, sondern dem eingebauten Pronomen (Plural!), das den Sinn eines Zu-uns-Redens vorgaukelt. Hier identifiziert er sich, „der Autor“, doch ins Uferlose überbordend Worterfindungen auf die Spitze treibend: quicklebendig, so vielstimmig: „die blüten sind nun an den vasen, / alles unmaß in den requisiten: // sie schildern uns in toten viten.“ Oder: „und mein geschick, es ist / im noten-, totenkranz nicht nur zu proben, / sobald im stück hinweg uns raffen liessen“. Oder im „totenpunkt: // erstarrt ist jetzt der sieger in der selbstikone.“ Die Gedichte des Bandes enden oft morbide. Markant sind hier die Texte gothic, underground, bahnhof. Sie spannen ein Bedeutungsnetz von Dunkelheit, Flüchtigkeit, Kälte, Nacktheit und (fehlenden) Überwürfen auf. Auch sonst ist Czernins Bilderwelt körperlich, textil, testlustig und ortvoll.

Bekannt für seine Exzessivität im Permutieren, überwiegt bei Czernin die Quantität an Bedeutungsanspielungen, was simpel eine Metapher oder Metonymie sei, extrem. Die Aussage wird aus dem gesamten Bedeutungskontext des Gedichts generiert, statt aus wenigen aufeinander anspielenden Begriffsbildern. Czernin bedient diese Funktion des Dichtens radikal. faksimile ist ein Gedicht, das seinen Schreiber sich insgeheim fragen lässt: Was ist neu? Reicht das Permutieren, reicht ein Spiel?:

„was mich als kreatur verpfeift, muss schmerzverzerrt,
die lieder wiederkauen: schon sehr gehemmt
und engster brust, voll schadenslust
versteift aufs letzte hemd, an dieser schnur
verrenkt muss euren tremor simulieren,
in der rabenmütterlichen kluft, dem schacht:

die witzfigur muss fallen mit dem letzten atemtrug.“

Der Dichter dieser Gedichte sieht aus, als würde er abrechnen wollen. Aber er hat keine Rechnung, die er wem auch immer geben kann. Er spricht, wenn er spricht, ja weiter. Und damit lebt er, kreist er und bezeichnet im Endbild autograph, was am Anfang auf dem Buchdeckel steht. Er beißt sich in den Schwanz: „mein mund biss nur in meinen eignen franz“, lautet der letzte Vers. Ein virtuoses Spiel, statt hermeneutischer Zirkel, aber inzwischen schon auch sehr ermüdend. Hat in der Postmoderne die Dichtkunst die Theorie aufgefressen? Geht Theorie nach der Dekonstruktion des Erhabenen weiter? Was wird aus der Dichtung, wenn nicht? – mögen diese Gedichte, müde angesichts des ganzen Dichterzirkus, fragen.

Czernins Lyrik ist eine erfrischende, pseudo-melodramatische, also auch witzige dichterische Abarbeitung an der postmodernen Literaturtheorie. Als solche ist sie doch eher etwas für Eingeweihte . Manche werden den Kopf schütteln und von Verständnislosigkeit sprechen. George würde Czernin willkommen heißen, Czernin sich darüber nicht freuen, aber es verstehen:

„self portrait as an old artist

einst uns dramadonner, bretterdeuter,
theatralisch wort- und weltenretter,
all die phrasen, die für uns verdrosch,
und in petto stets das volle panorama.

dafür steht jetzt allein die alte leiter,
über die hinaus ich kletter,
über alle wolken, jedes wetter.

dort bin einer letzten letter frosch,
prophezei mein licht, das längst verlosch.“

 

Marietta Böning, geb. 1971 in Hanau / Deutschland, studierte Philosophie, Psychologie und Literaturwissenschaft. Freischaffende Publizistin und Kulturmanagerin, Autorin von Lyrik, Essays, Kritiken, Erzählungen, Dramen. Zahlreiche Beiträge in Literaturzeitschriften und Anthologien.
Lebt in Wien. https://www.dieangewandte.at

 

Franz Josef Czernin geliehene zungen
München: Hanser 2023.
88 Seiten, Hardcover.
ISBN 978-3-446-27758-8.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Rezension vom 04.03.2024

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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