#Theater

Gegen Tagesende.

Alexander Widner

// Rezension von Helmuth Schönauer

Alexander Widners Kärntner Philosophenkollege Konrad Paul Liessmann hat über das Scheitern großer Philosophien süffisant gemeint, der Mensch habe schon so mit dem Leben zu tun, daß er keine Zeit mehr hätte, es gut zu tun.
Dieser eingebremste Lebenssinn ist auch das Motto von Alexander Widners „Komödie des Alltags“, worin der Autor von September 1997 bis September 1998 jeweils „gegen Tagesende“ hin versucht, den Tag irgendwie aufzuschreiben und vor dem Zeitverfall zu retten.

 

Die Ausgangslage ist fatal: Ein denkender Mensch, nach Kärnten in den geistigen Widerstand verschlagen, muß ein Jahr lang gegen das unheimliche Niveau der Provinz ankämpfen. Hinzu kommt noch eine körperliche Verfassung, die von Kuraufenthalt, Arztbesuch, kompletter Müdigkeit und totaler Sehnsucht nach Frühpension gekennzeichnet ist. So geschieht tagelang wirklich nicht mehr, als daß der Körper mit allerhand Durchhalte-Parolen zum Weitermachen überredet wird. Und kaum gibt der Körper einen Frieden, setzen starke Rückschläge in Gestalt von üppigen Eß-Eskapaden oder Alkohol-Attacken ein, so daß einmal sogar während der Kur die Verdauung einen Retourgang einlegt.

Alexander Widner notiert unbarmherzig und gestaltet auch in jenen aussichtslosen Augenblicken, in denen ein anderer vielleicht nur mehr ein Stichwort hingeworfen hätte, ganze Textblöcke.
„Die vier Gründe, in Klagenfurt zu wohnen und zu bleiben: das Kreuzbergl, der Donnerstagmarkt, der See und Tarvis.“ (S.139)

In dieses Alltagsgemetzel sind freilich höchst philosophische Bemerkungen und Erkenntnisse eingelagert. Der Autor hat zwei Strategien gegen das Verblöden entwickelt: die eine besteht im Lesen und Kommentieren des Gelesenen, die andere ist eine beinahe debile Hinwendung an Presse und Fernsehen und das fassungslose Gelächter über das Dargebotene.
So kommt es mehr oder weniger gleichzeitig zu einer fast bewundernswerten Hommage an den Käfersammler Ernst Jünger, für den der Krieg ein Spiel war und der trotz Rauchens beinahe hundertdrei Jahre alt geworden wäre, und andererseits zu einer Skizze über eine Bundeskanzlergattin, die für caritative Zwecke Tag und Nacht am Golfplatz einlocht.
Beide Erkenntnis-Schienen führen schließlich zu einem Bild, das auf erschreckend flachem Niveau ein grunzend-dahindümpelndes Österreich zeigt. So sind auch Wutausbrüche erklärbar, in denen alle erschossen werden sollen, die zu diesem desaströsen Bild beitragen.

Die Textform „Komödie des Alltags“ ist raffiniert gewählt, denn auf dieser halb öffentlichen, halb privaten Bühne der Alltäglichkeit haben die Gedanken die Chance, vor dem Autor und Leser vorzusprechen. Und der Werkstattcharakter ermöglicht unter dem Aspekt des vorläufigen Ausprobierens Gedankengänge, die in einer rein öffentlichen Fiktion nicht erlaubt wären.

Ähnlich wie in Manfred Mosers gnadenlos aufklärendem Provinzroman „Second Land“ erfährt der Leser alles über „die People of Klagenfurt“, das sind jene Lokalmatadore, die auch heuer wieder nicht die Aufnahme in den Villacher Fasching geschafft haben.
Umso heroischer wirken dann jene Passagen, in denen von der Arbeit des Klagenfurter Literaturhauses berichtet wird, sein Leiter Klaus Amann muß täglich elf neue Leben haben, von denen er in diesem Geistesklima täglich zehn verliert. Gegen Tagesende ist ein Überlebensbuch, das manchmal sarkastisch, manchmal widerborstig, aber stets mit ungeheurer Zähigkeit den Ablauf des Alltags kommentiert. Und sei es auch nur als Seufzer „Übles Tagesgemisch!“, mit dem der 20. Februar festgehalten wird.

Komödie des Alltags.
Wien, München: Deuticke, 2000.
395 S.; brosch.
ISBN 3-216-30526-0.

Rezension vom 10.03.2000

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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