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gebrauchs/gut. OBERFLÄCHE

Susanne Toth

// Rezension von Marina Rauchenbacher

Das Buch ist ein Gebrauchsgut und hat daher „hand. / taschen. / format.“ (7). Dies führt der erste Text in Susanne Toths gebrauchs/gut. OBERFLÄCHE (2008) aus. Der solchermaßen auffällig pragmatisch eröffnete Band versammelt Prosatexte und ‚Gedichte‘, die in ihrem assoziativ-spielerischen Gestus ihrer eingangs formulierten Funktion zu widersprechen scheinen. Auch die vermeintlichen Gattungszuweisungen, „schauer/märchen · hirngespinster · freie räume · reim/frei“, bedienen kein konventionelles Verständnis einer Texteinordnung und klären zunächst eben genau nicht über das zu Erwartende auf. Die Rede von einer „open speech“ (9) ist daher auch gleichermaßen als Schreib- und Leseanweisung zu verstehen. Bereits in der Gegenüberstellung des Titelworts ‚gebrauchs/gut‘ und des akustisch darin anklingenden ‚Gebrauchsguts‘ kommt also die ironische Verhandlungsebene der Texte zur Geltung.

Schon der 2008 erschienene Band ist intermedial konzipiert: Den Texten der österreichischen Schriftstellerin und Performerin Susanne Toth sind unter anderem Bilder der Künstlerin Lore Heuermann beigegeben, die mit den Texten assoziativ verknüpft sind und nicht illustrativ funktionieren. Zudem beinhalten zwei der Texte bereits Anweisungen zu einer musikalischen Gliederung. pilotenakt nummer zwei etwa schließt mit dem auch farblich abgehobenen Verweis: „(—> musik : mary jane : janis joplin)“ (100). Mit der Doppel-Audio-CD von 2012 hat Toth nun das mediale Repertoire durch die Kooperation mit der österreichischen Musikerin und Komponistin Martina Cizek erweitert – und zwar anders, als es die angesprochenen ‚Regieanweisungen‘ vermerken. Cizek konturiert, strukturiert und konterkariert die Texte unter anderem mit Bass, Flöte und Saxophon; sie leitet über, akzentuiert, eröffnet und schließt ab. Damit ergänzt sie die Toth’sche Sprache, die Elemente der Nonsensliteratur und der Sound Poetry mit surrealistischer Écriture automatique und dekonstruktiver Spracharbeit verbindet.

Als programmatisch für Toths Sprachreflexionen ist der vorletzte Text, SPÄTSOMMER oder HERBST, zu verstehen, der auch die Titelrede von der OBERFLÄCHE einholt: „das kratzen an der oberfläche / hat die darunterliegende / schicht, den vorherigen anstrich frei / gegeben, teile zeigen sich erkenntlich“ (118). Toth weist ihre Herangehensweise als Arbeit am Palimpsest aus, bei dem durch das Abtragen der einzelnen Schichten Bedeutungen und Texte frei gelegt und neu verknüpft werden. Sie setzt paradigmatisch den Begriff der ‚Metapher‘, die als „endenlos / wie ursprünge & ursachen“ (118) verstanden wird. Damit ist SPÄTSOMMER oder HERBST auch als Kommentar zum Band selbst zu verstehen. Immerhin werden die LeserInnen explizit darauf hingewiesen, dass „nicht gerade“ Sätze „noch lange / nicht / nichts“ (119) heißen. Somit ist ein Bezug auf die einleitende ‚Gebrauchsanweisung‘ möglich, erläutert Toth doch darüber hinaus, dass man eben diese Sätze „ansehen“ könne: „betrachten, frei assoziieren – / wie auch was auch / immer – das ist das angebot“ (119).

Gerade die Zusammenarbeit mit Cizek und die Performance des Textes weiten die Möglichkeiten für ein assoziatives Fantasieren und Verstehen aus. Dies zeigt sich unter anderem an einer Textstelle aus eine feder: „auf sich selbst da können sie draufkommen was geht mich die medienmanipulation an, gewarnt kann nicht genug werden, aber dann hat es sich, verbrannt brennt wie hölle, und an den rest denk ich nicht, kann nicht gedacht werden, er denkt immer an ein treffen morgen und es gibt kein morgen, bedenken sie sich lieber selber“ (79). Die akustische Qualität der rhetorischen Dichte wird so explizit wahrnehmbar. Am zitierten Beispiel zeigt sich dies deutlich an der Figur des Polyptotons, also der Wiederholung eines Wortes – in diesem Fall ‚denken‘ und ‚brennen‘ – in verschiedenen Flexionsformen.

Besonders produktiv wird Toths Arbeit dort, wo sie sich der medialen Bedingtheit der Wahrnehmung widmet: „die welt besteht aus zeichen“ (61). In es ist ungewiss, das ist sicher wird hinsichtlich der Funktion von Sprache ironisch kommentiert: „die richtung klar eindeutig liegt auf der sprich-wort-hand, sehr genau ist damit schon alles gesagt“ (50). Hervorzuheben ist insbesondere kapitel eins, in dem Toth die Erkenntnismöglichkeiten mittels Sprache thematisiert und dies mit politischen Fragen verbindet. ‚Wahrheit‘ und ‚Wirklichkeit‘ sind dabei die Leitbegriffe, die sie setzt, um sie unmittelbar wieder zu relativieren und an ein Ich zu binden: „die wirklichkeit, oder auch die wahrheit, will zugleich in mich und aus mir“ (67). Dieses Ich versucht sich zwar an einer Kritik der politischen Prozesse, kommt aber nicht über Aufzählungen und phrasenhafte Moralkritik hinaus. Der Text erkennt dies als Scheitern: „in wirklichkeit kann ich nur worte suchen / in wahrheit finde ich manches mal welche“ (68). Schließlich gesteht das Ich: „selbstverständlich borge ich wörter aus“ (71).

gebrauchs/gut. OBERFLÄCHE bietet qualitativ ganz unterschiedliche Texte, die jedoch durchwegs produktiv-spielerisch und überraschend sind. Diese Rezension als ‚externe Gebrauchsanleitung‘ empfiehlt einen portionierten Konsum, der genügend Assoziationsraum und -zeit erlaubt.

gebrauchs/gut. OBERFLÄCHE.
schauer/märchen · hirngespinster · freie räume · reim/frei.
oberwarth: edition lex liszt 12, 2008.
124 Seiten, gebunden.
ISBN 978-3-901757-82-2.

Verlagsseite mit Informationen über Buch und Autorin

Rezension vom 08.01.2013

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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