#Roman

Freudsche Verbrechen.

Eva Rossmann

// Rezension von Claudia Holly

Mira Valenskys dritter Mordfall. Mira ist 39 Jahre alt, Lifestyle-Journalistin mit losem Verhältnis zu einem Volksmusikmoderator und Herzrhythmusstörungen, passionierte Hobbyköchin – und nicht zuletzt Schulfreundin einer Mitarbeiterin des Wiener Freud-Museums.
Nach „Wahlkampf“ und „Ausgejodelt“ ist dies nun Eva Rossmanns dritter Krimi in Serie. Rossmanns Protagonistin, ihr Quasi-Alter ego Mira Valensky, gerät darin rein zufällig in die Ermittlung eines mysteriösen Todesfalls.

Der Leichnam der 22jährigen New Yorker Studentin Jane Cooper veranlasst Miras Freundin Ulrike, noch vor der Polizei die mittlerweile in Sachen Mord durchaus erfahrene Journalistin an den Tatort zu bestellen. Die Erwürgte soll sich seit einigen Tagen zu Studienzwecken in Wien aufgehalten haben. Mehr weiss man nicht. Mira Valensky übernimmt, obwohl Kommissar Zuckerbrot und viele andere wenig begeistert sind angesichts dieser „unprofessionellen“ Konkurrenz aus der Boulevard-Ecke. Und auch Miras bosnische Putzfrau Vesna Krajner ist wieder hilfreich zur Stelle, wenn es gilt, Beweismaterial zu sammeln, auch wenn sie dafür in die Rolle einer Botschaftersgattin schlüpfen muss.

So richtig interessant wird der Fall, als der Psychotherapeut Dr. Peter Zimmermann, Langzeitgefährte von Miras Schulfreundin, tot in seiner Praxis aufgefunden wird: vergiftet durch Bonbons. Gibt es einen Zusammenhang, und wenn, welchen?
Ein Schmierzettel führt Mira auf eine Spur, die über Freud und die Psychoanalyse hinausführt, gradewegs zur Adresse Birkengasse 14, einem Haus, das sich seit dem Krieg im Besitz des Ministerialrats Bernkopf und dessen Familie befindet. Ein Kurzaufenthalt in New York, wo sie zwei Jahre ihres Lebens verbracht hat, legt die Verbindung zwischen den Coopers und dem Haus in der Birkengasse 14 offen. In einem Koffer, Erbstück von Janes Großmutter väterlicherseits, entdeckt Mira Briefe, die in die Jahre 1938/39 zurückdatieren und die jüdische Identität Hanna Rosners preisgeben. Ihrer damaligen Verliebtheit in den späteren Zeitungsmagnaten Theodore Marvin hatte sie gleichsam ihr Leben zu verdanken: Sie flog Anfang 1938 auf Einladung Marvins nach New York, während der Vater seiner Beteiligung an einer Anwaltskanzlei enthoben, kurz darauf die Familie ihres Hauses (Birkengasse 14) verwiesen und ins Konzentrationslager abgeschoben wurde, wo sie qualvoll starb.

Freudsche Verbrechen beschäftigt sich nebst der Aufklärung von zwei Morden mit dem heiklen Thema der Nazi-Restitution, mit den Untiefen der Nachkriegsmentalität und -politik in österreich, dem Umgang mit nationaler Vergangenheit im allgemeinen. Mit lauter Kritik an der manipulativen Medienberichterstattung eines „Blattes“ (hinter dem Pseudonym ist unschwer die „Kronen-Zeitung“ zu erkennen) sowie an Amerika und seinen Renommierblättern, aber auch am Sozialvoyeurismus à la „Alltagsgeschichten“ hält die Autorin nicht hinterm Berg. Fakten der Zeit- und Rechtsgeschichte werden geschickt in eine Handlung eingewoben, die zwischen dem privaten Befinden der Protagonistin, ihren Lebens- und Todesängsten, und dem komplexen Bereich der Vergangenheitsbewältigung einer ganzen Nation und Generation wechselt.
Während am Ende weder die Neonazi-Theorie des amerikanischen Korrespondenten noch die Linksterroristen-Theorie des „Blattes“ recht bekommt, sondern vielmehr der drohende Verlust eines Börsenganges Motiv für zwei Morde sein soll, bleibt viel Raum für eine spannende Geschichte, die den Alltag in österreich samt Antiregierungs-Demos vorführt.

Eva Rossmann hat mit Mira Valensky eine Figur geschaffen, deren individueller Charme, deren persönliche Stärken und Schwächen dem Leser schnell ans Herz wachsen. Ihr Instinkt und Engagement für Gerechtigkeit (ein Begriff, dessen Relativität unbestreitbar ist) sowie ihre Neugierde lassen sie hoffentlich noch in weiteren Fällen zum Einsatz kommen.

Ein Mira-Valensky-Krimi.
Wien, Bozen: FOLIO Verlag, 2001.
283 S.; geb.
ISBN 3-85256-163-9.

Rezension vom 19.09.2001

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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